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Unterkühlte, moralisierende Fabel

THE RAKE’S PROGRESS
(Igor Strawinsky)

Besuch am
30. November 2024
(Premiere am 3. März 2008)

 

Opéra National de Paris, Palais Garnier

Für den klaren Aufbau eines Werkes – für seine Kristal­li­sation – ist es entscheidend, dass alle diony­si­schen Elemente, welche die Vorstel­lungs­kraft des Schöpfers anregen und den nährenden Saft hochtreiben, recht­zeitig, bevor sie Fieber in uns hervor­rufen, gezähmt und schließlich den Ganzen unter­worfen werden: dies ist Apollons Befehl.“ Das ist von Anfang an Strawinskys eigener Leitsatz. Musik muss „kontrol­liert“ sein. Er wendet sich damit entschieden gegen Wagner und gegen die Spätro­mantik. Und, wie Hans Renner feststellt, selbst seine „frühen, anscheinend exzes­siven Werke – auch Le Sacre du Printemps, diese Schreck­se­kunde im Geburtsakt der neuen Musik – enthalten ‚gezähmte’ Musik. Der Durch­bruch des Barba­ri­schen, Primi­tiven, Wilden in Le Sacre erfolgt durchaus kontrolliert.“

Nach dieser Sturm-und-Drang-Periode entwi­ckelt Strawinsky, der weiterhin tonal kompo­niert, einen antiro­man­ti­schen-neuklas­si­zis­ti­schen Stil, der mit der Oper The Rake‘s Progress seinen Höhepunkt und Abschluss findet. Seine Vorbilder sind hier die Nummern-Opern des späten 18. Jahrhun­derts und nach eigener Aussage besonders Così fan tutte. In der Musik tritt die Melodik hervor, eine Art moderner Belcanto, der von einem kleinen Orchester, oft fast kammer­mu­si­ka­lisch begleitet wird. Das „diony­sische Element“ bleibt gezähmt und „Apollons Befehl“ unterworfen.

Foto © Guergana Damianova

Strawinsky lässt sich zu Rake’s Progress von acht Kupfer­stichen William Hogarths inspi­rieren, die den Werdegang, um nicht zu sagen Niedergang eines faulen, haltlosen jungen Mannes darstellen. In ihrer szenen­haften Abfolge enthalten sie das, was Strawinsky schon lange sucht, eine einheit­liche, klare Handlung, ein Thema, das ihn überdies an die commedia dell’arte und die opera buffa erinnert. Der Dichter H. A. Auden schreibt ihm dafür ein Opern-Textbuch in drei Akten mit jeweils drei Szenen: In das ländliche Liebes-Idyll von Tom Rakewell und seiner Verlobten Anne Trulove platzt der diabo­lische Nick Shadow, der Tom über eine reiche Erbschaft unter­richtet. Nick tritt in Toms Dienste und nimmt ihn sogleich nach London mit. In London erliegt Tom einem haltlosen Leben der Wollust im Bordell und in den Armen der Mother Goose. Anne macht sich Sorgen um Tom und beschließt, ihn zu suchen. Tom ist nicht glücklich geworden, aber möchte es sein. Nick schlägt ihm daher vor, er solle doch Baba die Türkin, die bärtige Berühmtheit des Jahrmarkts, heiraten. Anne findet Tom in einer Art von Zirkus wieder, in dem seine Ehefrau Baba umjubelt auftritt. Doch Tom ist lebens­über­drüssig und flieht immer mehr in den Schlaf. Dort träumt er von einer Maschine, die aus Steinen Brot erzeugt, mit dem er alle Welt ernähren kann. Als er aufwacht, übergibt ihm Nick die Maschine, von der er geträumt hat, und schlägt vor, sie Inves­toren anzubieten. Die Wunder­ma­schine hat schließlich die ganze Stadt ruiniert. Auch Babas Schätze müssen versteigert werden. Anne und Baba treffen aufein­ander, verstehen einander und gehen wieder ausein­ander: Anne geht den Weg der Liebe, Baba den des Theaters. Auf einem Friedhof vor einem offenen Grab rechnet Nick mit Tom ab: Er verlangt seine Seele. Doch er gibt ihm die Chance, sich zu retten, wenn er dreimal die richtige Karte zieht. Tom geht auf das Spiel ein und wider Erwarten gewinnt er. Nick ist wütend, verdammt Tom zum Wahnsinn und fährt in die Hölle ab. In einem Irrenhaus wiegt Anne den schla­fenden Tom in ihren Armen. Dann holt ihr Vater sie ab. Tom wacht auf. Er ist allein und stirbt. In einem kurzen Epilog liefert jeder der Haupt­dar­steller sehr vergnügt seine Schlussfolgerung.

Foto © Guergana Damianova

Die Oper wird 1951 im Teatro La Fenice in Venedig unter der Leitung des Kompo­nisten urauf­ge­führt, mit unter anderem Elisabeth Schwarzkopf als Anne Trulove. Vom Publikum begeistert gefeiert, werfen manche Kritiker damals Strawinski dennoch vor, keine wirkliche post-roman­tische Erneuerung gebracht zu haben.

Olivier Pys Insze­nierung der Oper von 2008, die hier wieder aufge­nommen wird, ist intel­lek­tuell, nüchtern und eiskalt. In Pierre-André Weitz‘ Dekor wird die Bühne hinten durch ein abstraktes Zick-Zack-Muster aus weißleuch­tenden Neonröhren begrenzt, davor bewegen sich von Bild zu Bild Stangen­ge­rüste und Treppen hin und her und bilden eine Ober- und eine Unter­bühne, was der Akustik nicht unbedingt zugute­kommt. Auf der Oberbühne steht jederzeit ein weißes Bett bereit. Auch die Wunder­ma­schine am Ende der Oper ist aus weißen Neonsternen zusam­men­ge­setzt, die sich sogar drehen.  In den Liebes- oder Orgien­szenen findet man keinerlei warme, geschweige denn heiße Sinnlichkeit. Auch die Jahrmarkt­szene, die Stravinsky und Diaghilev vierzig Jahre früher in Petruschka szenisch und musika­lisch mit so viel Charme und Poesie auf die Bühne gezaubert hatten, ist unter­kühlt. Keinerlei Rummel­platz-Atmosphäre. Der einsame Jongleur und der emsige, einsame Zwerg wirken statisch und verloren, während die drei Glamour-Girls aussehen, als seien sie einem Eispalast entsprungen. Die Kostüme sind schwarz oder weiß oder glitzernd silber­farben, sonst findet man fast keine Farben. Die Bühne ist meist dunkel gehalten, nur von einigen Schein­werfern oder den Neonröhren beleuchtet.

Musika­lisch stellt Ben Bliss sich gleich zu Beginn der Oper mit hellem Tenor dem Publikum als Tom Rakewell vor. In der Arie Since it is not by merit we rise and fall erklärt er dumm-dreist, warum sich anstrengen, wo doch alles vom Schicksal vorbe­stimmt bleibt. Man findet ihn am Ende der Oper mit verzwei­felter Stimme im Abrech­nungs-Duett How dark and dreadful is this place auf dem Friedhof mit Nick Shadow wieder. Es ist szenisch, als auch musika­lisch wohl die eindrucks­vollste Szene der Oper, die sich halb in Lamento, halb in Beschwörung dahin­schleppt. Iain Paterson mit dämoni­schem Bass lässt ihm nichts durch­gehen. Besonders pervers im Rezitativ und der Arie In youth the panting slave pursues the  fair evasive dame im zweiten Akt, in der er Tom überredet, die bärtige Baba zu heiraten, um sich damit innerlich zu befreien. Golda Schultz entfaltet voll die reichen Möglich­keiten ihrer Sopran­stimme am Ende des ersten Akts in der mitreißend drama­ti­schen Arie I go, I go to him, die starke Mozartsche Züge trägt. Um dann wieder durch ganz zarte, reine Lyrik zu bezaubern, im Wiegenlied Gentle, little boat, across the ocean float am Schluss der Oper. Manches Mal irritiert, doch im allge­meinen komisch und guter Laune gibt sich mit fruity voice Jamie Barton als Baba the Turk, wie in ihrer Arie As I was saying both brothers wore moustaches. Clive Bayley ist der bedächtige Vater Trulove und Justina Gringyté die Mother Goose. Nicht zu vergessen Rupert Charles­worth als überaus manie­rierter Verstei­gerer. Der lautstarke Chor wurde von Ching-Lien Wu einstudiert.

Am Dirigen­tenpult hält Susanna Mälkki alle musika­li­schen Fäden fest in der Hand.

Das Publikum spendet üppigen Beifall.

Alexander Jordis-Lohausen

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