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RUSALKA
(Antonin Dvořák)
Besuch am
29. Januar 2019
(Premiere 2001)
Das Thema der Seejungfrau ist nicht neu in der romantischen Oper. Schon E.T.A. Hoffmann komponiert 1811 eine Undine und Albert Lortzing bedient sich desselben Themas 1845.
Jaroslav Kvapil hat sich für seine romantisch-märchenhafte Geschichte der Seejungfrau Rusalka hauptsächlich bei Friedrich de la Motte-Fouqués Undine und bei Andersens Die kleine Seejungfrau inspiriert. Aber auch Hauptmanns Die versunkene Glocke, die Lorelei und verschiedene slawische Märchen klingen hier an. Als der noch junge Dichter dem inzwischen weltberühmten Komponisten schüchtern sein Werk anbot, hat Antonin Dvořák nicht gezögert, es sofort anzunehmen, denn nicht nur entsprach es dem vorherrschenden tschechischen Volks- und Nationalempfinden, sondern wie viele Komponisten hatte auch Dvořák Schwierigkeiten, passende Textbücher für seine Opernprojekte zu finden.
Dvořák bezieht sich bei dieser Oper, wie Piotr Kaminski bemerkt, auf „Wagners musikalische Sprache (motivistische und harmonische Arbeit), wobei er die Konturen mildert, sie mit einer sehr personellen Lyrik bereichert, ihr eine intime, sensible und sinnliche Realität verleiht, die mehr der Ästhetik einer volkstümlichen Ballade entspricht als der eines philosophischen Epos. Er erreicht hier die volle Dimension seines dramatischen Genies und schafft mit keuscher Leidenschaft, subtilem Humor, einem tragischen Gefühl der menschlichen Existenz und mit Liebe zur Natur einen der Höhepunkte der romantischen Oper.“
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Rusalka ist ein archetypischer Mythos, bei Dvořák und Kvapil in der Form eines Volksmärchens. Man hätte von der Inszenierung einen solchen Stoffes etwas Magisches, Zauberhaftes, Geheimnisvolles erwarten können. Doch Robert Carsen und sein Team sehen die Welt der Rusalka anders, bei ihnen ist sie prosaisch, kühl-ästhetisch und sexuell geprägt. Der Teich im Schlosspark, dem die furchterregenden Wasserwesen entsteigen sollen, wird zu einem seichten rechteckig eingefassten Wasserbecken. Das Königsschloss eine Reihe von trostlos, leeren Räumen, in denen wie eine Zwangsvorstellung mit Nachttischlämpchen rechts und links immer wieder das Doppelbett auftaucht: umgekehrt und gespiegelt am Plafond oder waagerecht am Boden. Carsens Magie beschränkt sich auf ein Spiel mit geometrisch-symmetrischen Spiegelungen und Verdoppelungen, voll von einer nicht immer verständlichen Symbolik. Hin und wieder etwas kühle Erotik, aber keine schwüle Sinnlichkeit. Der Schlaf der Rusalka ist in Ballett-Form vom Kampf der Geschlechter bevölkert. Anders als bei Dvořák, dessen Musik weitgehend im Volkstümlichen wurzelt, ist Carsen offensichtlich mehr darauf bedacht, das Tiefenpsychologische der Geschichte zu ergründen als ein Märchen zu illustrieren. Erst im dritten Akt bietet auch er uns durch ganz einfache Mittel ein wenig magischen Zauber, als durch ein Videospiel über Rusalka hinweg, die ganz allein auf der dunklen, leeren Bühne steht, Wellen wie Wolken hinwegziehen, oder etwas später, als die drei Nymphen durch ähnliche Lichteffekte ganz von Wasser umgeben scheinen. Doch auch diese Atmosphäre wird zerstört, als plötzlich da hinein wieder das Ehebett auftaucht, in dem, diesmal senkrecht gestellt, gemütlich die Hexe Ježibaba liegt und gute Ratschläge erteilt. Man hat nicht erwartet, dass Carsen einen mit Algen geschmückten Wassermann und fischschwänzige Nixen auf die Bühne bringt, aber die tadellos geschnittenen, dunklen Anzüge und die ewigen langen, weißen Nachthemden tragen auch nicht zum Märchenhaften bei. Erstaunlich, dass man in den 17 Jahren, in denen diese Inszenierung nun in Paris immer wieder auf die Bühne kommt, noch nichts anderes ausprobiert hat.

Camilla Nylund spielt überzeugend die erst hoffnungsvolle und dann verzweifelte Rusalka, lyrisch-zart in den sehnsüchtigen Legati des Lieds an den Mond im ersten Akt, und wild-dramatisch mit schön kontrollierten Spitzentönen in der Verzweiflungsszene des zwischen Mensch und Nixe heimatlos gewordenen Zwitterwesens zu Beginn des dritten Akts sowie im Liebestod der Schlussszene. Ihre menschliche Nebenbuhlerin verkörpert Karita Mattila stimmlich wie auch als Erscheinung triumphierend und kühl verführerisch. Thomas Johannes Mayer singt mit warmer, voller Stimme den immer um seine Nixenbrut besorgten Ondin. Klaus Florian Vogts heller, schneidender Tenor als Prinz erreicht erst im dritten Akt seine volle Klangfarbe. Michelle DeYoung ist eine eher biedere, sicherlich nicht furchterregende Hexe, auch schickt ihr tiefer, wohlklingender Mezzo einem nicht Schreckensgefühle den Rücken hinunter. Witzig wie in einer von Shakespeares komischen Szenen sind im dritten Akt Tomasz Kumiega und Jeanne Ireland, der Waldhüter und der Küchenjunge, als sie sich wie Espenlaub zitternd nachts aufmachen, um bei der Hexe Ježibaba Rat zu suchen. Sehr stimmig – natürlich an Wagners Rheintöchter erinnernd – Andreea Soare, Emanuela Pascu und Élodie Méchain als die drei Nixen. Von Danylo Matvilenko hört man nur durch die verschlossene Tür die schöne, schmachtende Tenorstimme.
Susanna Mälkki dirigiert mit Schwung das Orchestre de l’Opéra national de Paris und bringt vor allem auch die Bläserpartien der Partitur voll zum Tönen. Hin und wieder allerdings hätte sie den Enthusiasmus des Orchesters etwas dämpfen sollen, um die Stimmen auf der Bühne nicht zu übertönen.
Das Publikum scheint sehr zufrieden.
Alexander Jordis-Lohausen