O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Agathe Poupeney

Sexgetriebene Revolutionärin

SALOME
(Richard Strauss)

Besuch am
15. Oktober 2022
(Premiere)

 

Opéra national de Paris, Bastille

Der Ein-Akter Salome, nach dem vom Kompo­nisten selbst bearbei­teten gleich­na­migen Theater­stück von Oscar Wilde, ist der Auftakt zu Richard Strauss‘ langer Reihe von Litera­tur­opern, die in der Zusam­men­arbeit von Strauss und Hofmannsthal ihren Höhepunkt gefunden haben. Musika­lisch betritt er mit dieser Oper Neuland durch, wie Willi Schuh es ausdrückt „die erregende Neuheit ihrer Klang­at­mo­sphäre wie durch das Raffi­nement einer Instru­men­tation, die diese meisterlich klar dispo­nierte Partitur in unerhörter Farben-Sinnlichkeit aufsprühen lässt.“ Dazu kommt eine kühne Vermi­schung oft schroff aufein­an­der­pral­lender Stilele­mente. Entgegen aller Erwar­tungen wird die Oper bei ihrer Urauf­führung 1905 in der Dresdener Semperoper ein Riesenerfolg.

Die Dirigentin Simone Young vergleicht die Musik der Oper mit den Farbtupfen eines Klimt-Gemäldes, die Regis­seurin Lydia Steier vergleicht das Textbuch mit der Welt, in der wir heute leben: unerfreulich, post-indus­triell, korrupt, dekadent und hässlich. Und sie möchte daraus ein Revolu­tions-Drama machen. Daher sieht sie Salome nicht als verlo­renes, junges Mädchen, sondern als eine starke, eindrucks­volle, junge Frau, die genau weiß, was sie will. Sie will den korrupten, dekadenten und immora­li­schen Hof ihrer Eltern „mit einer Bombe zerstören und diese Bombe ist der Kopf des Jochanaan“. Steier sagt den Zuschauern auch voraus, dass diese Aufführung sie nicht indif­ferent lassen wird: „It will change you and make you move inside!“

Das sind die Vorsätze. Die Realität auf der Bühne sieht etwas anders aus. Wer heutzutage Aufsehen erregen will, muss schockieren, und da sind Orgasmen auf offener Bühne vielleicht ein wirksames Mittel. Man warnt übrigens vor der Aufführung sensible Seelen vor möglichen Schock­wir­kungen. Denn Salome ist hier nicht nur eine verkappte Umstürz­lerin, sondern lebt auch ihre unerfüllten sexuellen Fantasien auf der Bühne aus, choreo­gra­fisch immer sehr geschickt auf die Musik abgestimmt: Zuerst onaniert sie haltlos, nachdem Jochanaan, also Johannes der Täufer, sich nicht von ihr küssen lassen will und sie als Tochter Babylons und Sodoms zurück­weist. Später wird aus dem berühmten Tanz der sieben Schleier kein Tanz, sondern ein Strip­tease mit anschlie­ßendem Coitus Salome-Herodes, der bei guter Choreo­grafie in eine Kollektiv-Orgie übergeht, aus der die Titel­heldin blutüber­strömt, aber sichtlich zufrieden hervorgeht. Denn nun wird man ihr das Haupt des Jochanaan bringen und sie wird ihn endlich küssen können.

All das lässt Momme Hinrichs in einem Beton-Innenhof ablaufen, der in der ersten Etage durch eine Glaswand den Blick auf eine Dauer-Sex-Drogen-Party frei gibt, für die man immer wieder nackte Sklavinnen hinauf­liefert, die dann kurz darauf als Blut überströmte Leichname wieder herun­ter­ge­tragen und in einen Abgrund geworfen werden. Später öffnet sich auch unten eine Wand, um auf breiten Stufen weitere Gelage-Orgien zuzulassen. Die ganze Anlage wird von schwer bewaff­neten, schwarz unifor­mierten Sturm­truppen bewacht.

Foto © Agathe Poupeney

Andy Besuchs Kostüme sind extra­vagant und fanta­sievoll, Herodes bekommt einen bunten Feder­schmuck auf den Kopf wie ein India­ner­häuptling und Herodias eine blonde Pracht­pe­rücke über den allzeit entblößten Brüsten. Nur das einfache, lange, weiße Hemd, die schwarzen Stiefel und die sträh­nigen schwarzen Haare der Salome fallen aus dem Rahmen. Aber wir vergessen, Salome ist ja Revolu­tio­närin und da muss sie wohl auch wie Ulrike Meinhof aussehen. Dennoch hätte eine etwas schil­lerndere Salome besser ins Bild gepasst.

Elza van den Heever als Salome hat eine Sopran­stimme mit wunder­schönem, vollem Klang. Ihre hohen Lagen sind ungemein wirkungsvoll, man kann nur ein wenig bedauern, dass sich ihr Sopran in den mittleren und unteren Lagen nicht immer gegen das stürmische Orchester durch­setzen kann.  Fast verklärt ist ihr lyrischer Schluss­gesang Ah! Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan. John Daszak singt mit schnei­dendem Tenor und spielt gekonnt den willkürlich wilden und dann wieder verstört-irren Tyrannen Herodes. Er wird dabei unter­stützt von seiner hinreißend frivolen, kapri­ziösen und dekadenten Königin Herodias. Stimmlich wie schau­spie­le­risch gibt Karita Mattila in dieser Rolle ihr Bestes. Iain Paterson, den man oft nur aus der Versenkung mit warmem, wohlklin­gendem Bass singen hört, ist der gefangene Prophet Jochanaan. Mit metal­li­schem Tenor klagt Tanzel Alzeybek als Narraboth sein Leid und seine unglück­liche Liebe zu Salome, die ihn in den Tod treibt. Alle anderen Ausfüh­renden ergänzen in den Neben­rollen sehr erfolg­reich die provo­kante Aufführung.

Die scheinbar gegen­sätz­liche Sicht von Dirigentin und Regis­seurin, ästhe­tisch-brav auf der einen Seite, revolu­tionär und hässlich auf der anderen, ficht die Dirigentin nicht an. Im Gegenteil, sie ist nach eigener Aussage sehr daran inter­es­siert und sieht sich durch diese ungewohnte Sicht inspi­riert, die Musik „noch aufre­gender, noch roman­ti­scher, noch blendender“ zu dirigieren. Und an Wucht fehlt es dann auch nicht, besonders wenn sich die sechs Hörner, vier Posaunen und eine Kontrabass-Tuba zusam­men­ballen. Doch auch die zarteren Instru­mente kommen zur Geltung wie die beiden Harfen, das Glocken­spiel oder das Heckelphon. Man merkt, Simone Young kennt die Partitur seit Jahren in- und auswendig.

Das Premie­ren­pu­blikum nimmt die Aufführung sehr wohlwollend, aber doch mit gemischten Gefühlen auf. Doch dass sie den einen oder den anderen im Publikum innerlich verändert hat, wie die Regis­seurin es voraus­sagte, darf bezweifelt werden.

Alexander Jordis-Lohausen

Teilen Sie O-Ton mit anderen: