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Semele wurde 1744 in englischer Sprache als Oratorium aufgeführt – daher auch die wichtige Rolle des Chors – war aber von Händel eigentlich noch ganz als Bühnenwerk gedacht und als solches komponiert worden. Er hatte seine Karriere als Opernkomponist fast ausschließlich der italienischen Oper gewidmet, sie aber einige Jahre zuvor aufgegeben und sich dem Komponieren von Oratorien zugewendet. Doch zählt man heute Semele allgemein zu Händels Bühnenwerken, ja, man kann sie als die bedeutendste seiner drei englischen Opern bezeichnen. Die beiden anderen sind Acis und Galathea und Hercules. Doch die Uraufführung war kein übermäßiger Erfolg, denn der eine Teil des Publikums fand, sie sei zu viel Oper und zu wenig Oratorium, während die anderen Besucher das Gegenteil bemängelten.
Das recht gelungene Textbuch von William Congreve basiert auf Ovids Version der tragischen Geschichte Semeles, der jungen, etwas naiven, aber ehrgeizigen Tochter Königs Cadmus von Theben, die ihren Verlobten Athamas verlässt, um Jupiters Geliebte zu werden, in der Hoffnung auf Unsterblichkeit. Doch fällt sie einer Intrige Junos zum Opfer, denn die Ehefrau Jupiters verleitet sie aus Eifersucht und Rache dazu, vom Göttervater zu verlangen, ihr in seiner ganzen strahlenden Allmacht zu erscheinen, woran sie zu Grunde geht. Als Trost steigt aus ihrer Asche als Phoenix und Sohn Jupiters und Semeles der Gott Bacchus empor.

Das Textbuch scheint den Komponisten inspiriert zu haben, denn er verfasst eine seiner originellsten Partituren. Sie lässt manchmal schon die Opern Glucks und Mozarts ahnen. Auch zeichnet sie sich durch eine besonders lebendige Charakterisierung der drei Hauptpersonen des Dramas aus: Semele sehr weiblich, launisch und emotional, Jupiter, ein sehr menschlicher, flatterhafter Schwerenöter, Juno als die sehr dramatische, rachsüchtige Ehefrau. Die übrigen Charaktere treten etwas in den Hintergrund, obwohl man mit dem trauernden Vater Cadmus mitfühlt. Der träge Gott des Schlafes, Somnus, ist ein eher heiteres Element.
Es handelt sich hier um eine Koproduktion, die später auch in Londons Covent Garden gegeben werden soll. Regisseur Oliver Mears versetzt die Handlung in die heutige Zeit. Und er sieht in dem Drama die Tragödie einer verwundbaren, aber ehrgeizigen und leidenschaftlichen jungen Frau, „die aus Liebe zu einem mächtigen Mann alle gesellschaftlichen Grenzen sprengt. Aber die Gesellschaft kann das weder verstehen noch dulden. Sie muss dafür den Preis zahlen und zu Grunde gehen. Es ist das wahre Spiegelbild der Lage vieler Frauen in Lauf der Jahrhunderte und ist es auch heute noch.“ So weit hätte seine Sicht eine durchaus vertretbare Inszenierung abgeben können, zumal die Personenregie gute Ansätze zeigt. Zwar sind die Kostüme Annemarie Woods‘ eher glanzlos und uniform – die Handlung soll wohl in einem großen Hotel spielen, in dem Cadmus der leitende Angestellte und Jupiter der Eigentümer ist. Und Woods‘ Dekor ist noch glanzloser. Meist ein großer, etwas klobiger Art-Deko-Saal oder ein Hotel-Foyer mit offenem, brennendem Kamin. Eine eher düstere, drückende Atmosphäre als Hintergrund zur euphorischen Musik Händels. Nur die Szene in der „Schlafgrotte“ des Gottes Sumnus – das verwahrloste Badezimmer eines komisch-urwüchsigen Gesellen – ist der einzige heitere Lichtblick.
Aber dann fährt Mears in seinen Erläuterungen fort – er sieht die Handlung fast wie ein Horrorfilm à la Luis Buñuel. „Denn das End-Schicksal von Semele ist ganz einfach grauenhaft. Sie wird buchstäblich von dem Mann, den sie liebt, bei lebendigem Leib verbrannt. Das kann auf das heutige Publikum höchst beunruhigend wirken.“ Und da hören Händel und Congreve auf, fängt Oliver Mears an und die Oper geht als Gesamtkunstwerk daran kaputt. Denn nicht nur wird am Ende Semele, schon halbtot und blutüberströmt, in einen Ofen geschoben und verbrannt, sondern Athanas heiratet nun nicht mehr, wie das Textbuch es vorsieht, Ino, Semeles Schwester, und wird mit ihr glücklich, sondern der Regisseur verändert das Ende der Oper dahingehend, dass er Athamas Jupiter und Juno als Schuldige an Semeles Tod wild beschimpft und sich um Ino gar nicht kümmert, bis er hinausgeworfen wird und Ino weinend zurückbleibt. Händels Oper mischt sich nicht gut mit einem Luis-Buñuel-Film, so gut er auch sein mag, aber noch weniger mit Mears ideologischen, um nicht zu sagen, krankhaften Zwangsvorstellungen.

Das Théâtre des Champs-Élysées hat für die Aufführung ein Ensemble zusammengestellt, das der Oper alle Ehre macht. Der erste Akt schleppt sich noch etwas langsam dahin, bis Pretty Yende, der entschiedene Star des Abends, mitreißend in der Arie Endless pleasure, endless love, Semele enjoys above die Handlung in Schwung bringt. Ihre Stimme kristallklar, kein Ton geht verloren. Oder dann wieder ganz weich und lyrisch wie ein Wiegenlied in O sleep, why dost thou leave me. Oder ein sprühendes Feuerwerk trällernder, oft nur getupfter Koloraturen, die reizvoll in der Orchesterbegleitung ihr Echo finden, in der narzisstischen Spiegel-Arie Myself shall I adore, if I persist in gazing. Yende lässt alle Register ihrer gefeierten Stimme zum Klingen bringen, um Händels meisterhafte Darstellung der frivolen, sprunghaften, betörenden Natur Semeles gerecht zu werden. Ben Bliss spielt energisch und singt mit hohem, metallischem, schön timbriertem Tenor den Göttervater Jupiter. So beruhigt er auch sehr väterlich die beunruhigte Semele in Lay your doubts and fears aside und erfreut dann besonders – ganz in Arcadia – in Where’er you walk. Mit hoch dramatischem Mezzosopran stellt Alice Coote matronenhaft die sich rächende Juno dar. In der gewaltigen Da-capo-Arie Hence, Iris, hence away! enthüllt sie der Götterbotin Iris ihre vernichtenden Pläne. Bridley Sherrat spielt und singt mit derselben Überzeugungskraft und mit tiefem, sonorem Bass den bedauernswerten König Cadmus sowie den heiteren Schlafgott Somnus, dessen heitere Arie More sweet is that name schon den Bacchus vorwegnimmt. Klanglich sehr lyrisch-harmonisch ist das Duett Semeles mit ihrer Schwester Ino, sehr schön gesungen von Niamh O’Sullivan Prepare then, ye immortal choir mit dem Chor der Nymphen. Carlo Vistoli ist Athamas und glänzt in der Bravour-Arie Despair no more shall wound me am Schluss der Oper. Die Götterbotin Iris singt mit Brio Marianna Hovanisyan wie in der Arie There, from mortal cares retiring.
Emmanuelle Haïm dirigiert mit Maestria die Solisten sowie ihr ausgezeichnetes Chor- und Orchester-Ensemble Le Concert Astrée.
Eine musikalisch so gut gelungene Aufführung hätte eine passendere Inszenierung verdient. Das Publikum spendet den Ausführenden einhelligen begeisterten Beifall, aber dem Regisseur, als er auf der Bühne erscheint, laute Buh-Rufe.
Alexander Jordis-Lohausen