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Semele ideologisch

SEMELE
(Georg Friedrich Händel)

Besuch am
6. Februar 2025
(Premiere)

 

Théâtre des Champs-Élysées

Semele wurde 1744 in engli­scher Sprache als Oratorium aufge­führt – daher auch die wichtige Rolle des Chors – war aber von Händel eigentlich noch ganz als Bühnenwerk gedacht und als solches kompo­niert worden. Er hatte seine Karriere als Opern­kom­ponist fast ausschließlich der italie­ni­schen Oper gewidmet, sie aber einige Jahre zuvor aufge­geben und sich dem Kompo­nieren von Oratorien zugewendet. Doch zählt man heute Semele allgemein zu Händels Bühnen­werken, ja, man kann sie als die bedeu­tendste seiner drei engli­schen Opern bezeichnen. Die beiden anderen sind Acis und Galathea und Hercules. Doch die Urauf­führung war kein übermä­ßiger Erfolg, denn der eine Teil des Publikums fand, sie sei zu viel Oper und zu wenig Oratorium, während die anderen Besucher das Gegenteil bemängelten.

Das recht gelungene Textbuch von William Congreve basiert auf Ovids Version der tragi­schen Geschichte Semeles, der jungen, etwas naiven, aber ehrgei­zigen Tochter  Königs Cadmus von Theben, die ihren Verlobten Athamas verlässt, um Jupiters Geliebte zu werden, in der Hoffnung auf Unsterb­lichkeit. Doch fällt sie einer Intrige Junos zum Opfer, denn die Ehefrau Jupiters verleitet sie aus Eifer­sucht und Rache dazu, vom Götter­vater zu verlangen, ihr in seiner ganzen strah­lenden Allmacht zu erscheinen, woran sie zu Grunde geht. Als Trost steigt aus ihrer Asche als Phoenix und Sohn Jupiters und Semeles der Gott Bacchus empor.

Foto © Vincent Pontet

Das Textbuch scheint den Kompo­nisten inspi­riert zu haben, denn er verfasst eine seiner origi­nellsten Parti­turen. Sie lässt manchmal schon die Opern Glucks und Mozarts ahnen. Auch zeichnet sie sich durch eine besonders lebendige Charak­te­ri­sierung der drei Haupt­per­sonen des Dramas aus: Semele sehr weiblich, launisch und emotional, Jupiter, ein sehr mensch­licher, flatter­hafter Schwe­re­nöter, Juno als die sehr drama­tische, rachsüchtige Ehefrau. Die übrigen Charaktere treten etwas in den Hinter­grund, obwohl man mit dem trauernden Vater Cadmus mitfühlt. Der träge Gott des Schlafes, Somnus, ist ein eher heiteres Element.

Es handelt sich hier um eine Kopro­duktion, die später auch in Londons Covent Garden gegeben werden soll. Regisseur Oliver Mears versetzt die Handlung in die heutige Zeit. Und er sieht in dem Drama die Tragödie einer verwund­baren, aber ehrgei­zigen und leiden­schaft­lichen jungen Frau, „die aus Liebe zu einem mächtigen Mann  alle gesell­schaft­lichen Grenzen sprengt. Aber die Gesell­schaft kann das weder verstehen noch dulden. Sie muss dafür den Preis zahlen und zu Grunde gehen. Es ist das wahre Spiegelbild der Lage vieler Frauen in Lauf der Jahrhun­derte und ist es auch heute noch.“ So weit hätte seine Sicht eine durchaus vertretbare Insze­nierung abgeben können, zumal die Perso­nen­regie gute Ansätze zeigt. Zwar sind die Kostüme Annemarie Woods‘ eher glanzlos und uniform – die Handlung soll wohl in einem großen Hotel spielen, in dem Cadmus der leitende Angestellte und Jupiter der Eigen­tümer ist. Und Woods‘ Dekor ist noch glanz­loser. Meist ein großer, etwas klobiger Art-Deko-Saal oder ein Hotel-Foyer mit offenem, brennendem Kamin. Eine eher düstere, drückende Atmosphäre als Hinter­grund zur eupho­ri­schen Musik Händels. Nur die Szene in der „Schlaf­grotte“ des Gottes Sumnus – das verwahr­loste Badezimmer eines komisch-urwüch­sigen Gesellen – ist der einzige heitere Lichtblick.

Aber dann fährt Mears in seinen Erläu­te­rungen fort – er sieht die Handlung fast wie ein Horrorfilm à la Luis Buñuel. „Denn das End-Schicksal von Semele ist ganz einfach grauenhaft. Sie wird buchstäblich von dem Mann, den sie liebt, bei leben­digem Leib verbrannt. Das kann auf das heutige Publikum höchst beunru­higend wirken.“ Und da hören Händel und Congreve auf, fängt Oliver Mears an und die Oper geht als Gesamt­kunstwerk daran kaputt. Denn nicht nur wird am Ende Semele, schon halbtot und blutüber­strömt, in einen Ofen geschoben und verbrannt, sondern  Athanas heiratet nun nicht mehr, wie das Textbuch es vorsieht, Ino, Semeles Schwester, und wird mit ihr glücklich, sondern der Regisseur verändert das Ende der Oper dahin­gehend, dass er  Athamas Jupiter und Juno als Schuldige an Semeles Tod wild beschimpft und sich um Ino gar nicht kümmert, bis er  hinaus­ge­worfen wird und Ino weinend zurück­bleibt. Händels Oper mischt sich nicht gut mit einem Luis-Buñuel-Film, so gut er auch sein mag, aber noch weniger mit Mears ideolo­gi­schen, um nicht zu sagen, krank­haften Zwangsvorstellungen.

Foto © Vincent Pontet

Das Théâtre des Champs-Élysées hat für die Aufführung ein Ensemble zusam­men­ge­stellt, das der Oper alle Ehre macht. Der erste Akt schleppt sich noch etwas langsam dahin, bis Pretty Yende, der entschiedene Star des Abends, mitreißend in der Arie Endless pleasure, endless love, Semele enjoys above die Handlung in Schwung bringt. Ihre Stimme kristallklar, kein Ton geht verloren. Oder dann wieder ganz weich und lyrisch wie ein Wiegenlied in  O sleep, why dost thou leave me. Oder ein sprühendes Feuerwerk trällernder, oft nur getupfter Kolora­turen, die reizvoll in der Orches­ter­be­gleitung ihr Echo finden, in der narziss­ti­schen Spiegel-Arie Myself shall I adore, if I persist in gazing. Yende lässt alle Register ihrer gefei­erten Stimme zum Klingen bringen, um Händels meister­hafte Darstellung der frivolen, sprung­haften, betörenden Natur Semeles gerecht zu werden. Ben Bliss spielt energisch und singt mit hohem, metal­li­schem, schön timbriertem Tenor den Götter­vater Jupiter. So beruhigt er auch sehr väterlich die beunru­higte Semele in Lay your doubts and fears aside  und erfreut dann besonders – ganz in Arcadia – in  Where’er you walk. Mit hoch drama­ti­schem Mezzo­sopran stellt Alice Coote matro­nenhaft die sich rächende Juno dar. In der gewal­tigen Da-capo-Arie Hence, Iris, hence away! enthüllt sie der Götter­botin Iris ihre vernich­tenden Pläne. Bridley Sherrat spielt und singt mit derselben Überzeu­gungs­kraft und mit tiefem, sonorem Bass den bedau­erns­werten König Cadmus sowie den heiteren Schlafgott Somnus, dessen heitere Arie More sweet is that name schon den Bacchus vorweg­nimmt. Klanglich sehr lyrisch-harmo­nisch ist das Duett Semeles mit ihrer Schwester Ino, sehr schön gesungen von Niamh O’Sullivan Prepare then, ye immortal choir mit dem Chor der Nymphen. Carlo Vistoli ist Athamas und glänzt in der Bravour-Arie Despair no more shall wound me am Schluss der Oper. Die Götter­botin Iris singt mit Brio  Marianna Hovanisyan wie in der Arie There, from mortal cares retiring.

Emmanuelle Haïm dirigiert mit Maestria die Solisten sowie ihr ausge­zeich­netes Chor- und Orchester-Ensemble Le Concert Astrée.

Eine musika­lisch so gut gelungene Aufführung hätte eine passendere Insze­nierung verdient. Das Publikum spendet den Ausfüh­renden einhel­ligen begeis­terten Beifall, aber dem Regisseur, als er auf der Bühne erscheint, laute Buh-Rufe.

Alexander Jordis-Lohausen

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