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SIMON BOCCANEGRA
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
15. November 2018
(Premiere)
1857 in Venedig uraufgeführt, gehört Simon Boccanegra zu Verdis mittlerer Schaffensperiode. Es ist die Zeit, in der er in der Sängerin Guiseppina Strepponi eine Muse und neue Lebensgefährtin findet, die er später ehelicht. Damals erwirbt er auch einen kleinen Landbesitz in der Nähe seiner Heimatstadt Busetto. Dorthin zieht er sich zum Komponieren zurück, und wenn er vom Komponieren ausspannen will, bewirtschaftet er erfolgreich sein Land. Während dieses Abschnitts seines Lebens entstehen unter anderen auch die Opern Rigoletto, Troubadour, La Traviata, Un Ballo in Maschera und Don Carlos. Laut eigener Aussage will Verdi „neue, schöne, große, abwechslungsreiche, kühne Stoffe. Kühn bis zum Äußersten, neu in der Form und bei alldem gut komponierbar“. Von außergewöhnlichen Menschen sollen sie handeln. Und so entstehen der buckelige Hofnarr, die schwindsüchtige Kurtisane, das von Rache beseelte Zigeunerweib, der unglückliche Königssohn und viele andere uns heute nur allzu bekannte Operngestalten. In Simon Boccanegra ist es der Seeräuber, der zum umstrittenen Dogen von Genua wird. Es ist Verdis reichste Schaffensperiode. Musikalisch sind diese Opern, und vor allem Simon Boccanegra in seiner Überarbeitung von 1881, die hier gegeben wird, auch schon die Vorbereitung und der Übergang zu den späten Opern Otello und Falstaff. „Simon Boccanegra ist für Verdis Entwicklung besonders wichtig. Systematisch bildet er hier seinen neuen Deklamationsstil durch. Das szenische Vorspiel weist mit seinem ununterbrochenen Wechsel arioser parlandi und melodischer Entladungen weit voraus auf die Formstrukturen des Otello, der erst 30 Jahre später entstand. Auch als Lyriker und Kolorist ging Verdi hier neue Wege“, sagt Hans Renner.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Vieles in der Inszenierung, die Calixto Bieito und sein Team bieten, ist unklar und wird es wohl bleiben. Mag sein, dass sich der Regisseur von der Hafenstadt Genua hat inspirieren lassen, um während der vier Teile dieser düsteren, mit Intrigen durchwobenen, melodramatischen Oper ein Ungeheuer auf die Bühne zu stellen. Dieses Ungeheuer sieht aus wie der Bug eines Hochseedampfers, der aus Stahl und Neon in einem Trockendock zusammengestellt wird. Es dreht sich fast unentwegt und schafft auf diese Weise verschiedene Bühnenräume, die den Fiesco-Palast, den Ratssaal im Dogenpalast oder was sonst noch andeuten sollen. „Denken Sie daran, in dem ganzen Werk ist die Gartenszene die einzige etwas heitere. Alle anderen sind ernst, feierlich oder düster“, schreibt schon der Textdichter Arrigo Boito warnend während der Entstehung des Werkes an Guiseppe Verdi. Von wegen Garten, hier wird uns nicht einmal eine Pflanze gegönnt! Was entsteht, ist eine eiskalte, unmenschliche Atmosphäre, in der die Darsteller und der Chor ohne erkennbare Choreografie etwas ziellos im Halbdunkel der Bühne herumirren, wenn sie nicht auf Stiegen in die oben Stockwerke des Schiffsgerippes hinaufsteigen. Die Personenführung ist stellenweise wenig erfreulich: Die in Todeskrämpfen zuckende Maria wird, auf einer Plastikplane liegend, von ihrem Vater quer über die Bühne geschleift, oder der vergiftete Doge hält sich, wie im Endstadium des Morbus Parkinson, nur noch schwer und stark zitternd auf den Beinen. Weder die Beleuchtung noch die Kostüme sind in irgendeiner Weise originell, die Portrait-Videos völlig überflüssig.
Und schließlich, als wolle er dem Publikum ein für alle Mal die Oper und den Opernbesuch vergrausen, hat sich der Regisseur ein besonders morbides Trauma ausgedacht. Während der Pause lässt er auf den Vorhang ein Video projizieren, das riesengroß eine nackte Frauenleiche zeigt, auf deren bleichem, im seichten Wasser auf dem Rücken liegendem Leib Dutzende von Ratten auf- und abtrippeln. Muss das sein? Und was hat das mit der Oper zu tun? Bei diesem Video, wie auch bei dem „technologischen“ Monstrum auf der Bühne, dem man eine gewisse industrielle Ästhetik nicht absprechen kann, ist man an konzeptuelle Kunst erinnert, bei der man erst Seiten lang hochgestochene, intellektualisierende Erklärungen lesen muss, bevor man sich dem Kunstwerk nähern darf. Nur fehlt hier jegliche Erklärung.

So kann man eigentlich nur die Augen schließen und sich ganz auf die Musik konzentrieren. Und glücklicherweise ist die musikalische Darbietung von hoher Qualität. Die Oper steht und fällt mit dem Titelhelden. Simon Boccanegra ist eine schwierige und anstrengende Rolle. Ludovic Tezier bietet uns, nach dem bemerkenswerten Rodrigue in Don Carlos vor einem Jahr, wieder eine Interpretation, die bei genau zentrierter Tonfolge und großer Geschmeidigkeit der Stimme bis zum Ende klangvoll bleibt. Ihm gegenüber singt Maria Agresta die einzige Frauenrolle der Oper. Die Reinheit und die Qualität der Stimme, die Klangfarbe besonders in den lyrischen Momenten und die glockenhafte Fülle, die sie über den Männerstimmen und dem Chor schweben lässt, wie in der dramatischen zwölften Szene im ersten Akt, macht sie zu einer bewegenden Amelia Grimaldi. Der finnische Bass Mika Kares singt mit dunklem, vollem Glanz den unerbittlichen Fiesco, dramatisch, aber auch lyrisch einleuchtend wie in der Trauerarie im Vorspiel A te l’estremo addio, palagio altero. Francesco Demuro hat eine schön timbrierte Tenorstimme, doch der Stimme fehlt das Volumen und er wird der Rolle des Gabriele Adorno nur unvollständig gerecht. Dagegen fehlt es Nicola Alaimos Bariton weder an Volumen noch an Klangfarbe. Er ist mit beiden verschwenderisch und bleibt bis an sein grausiges Ende ein gewaltiger Paolo Albiani. Mikhail Timoshenko ist ein überzeugender Pietro.
Der Chor ist gut einstudiert. Fabio Luisi dirigiert die Oper souverän.
So werden auch die Sänger und Musiker vom Publikum begeistert gefeiert, während das Regie-Team laute, anhaltende Buh-Rufe erntet.
Alexander Jordis-Lohausen