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TOSCA
(Giacomo Puccini)
Besuch am
16. Mai 2019
(Premiere am 10. Oktober 2014)
Puccini gilt als der Hauptvertreter des italienischen Verismus und in dieser Kategorie ist seine Oper Tosca, dieses gewalttätige Melodrama von Liebe, Eifersucht, Willkür und Tod, sicherlich eine seiner naturalistischsten. Musikalisch folgt Puccini der italienischen Tradition des Belcanto, lässt sich aber auch von der französischen Oper beeinflussen, vor allem von Massenet und in der Art, wie er Leitmotive verwendet, auch von Richard Wagner. Dennoch entwickelt er einen ganz eigenen persönlichen Stil, der ihn bald mit seinen etwas sentimentalen, süßlichen Klangfarben, mit seinen hochdramatischen oder ergreifenden Arien zu einem der beliebtesten Opernkomponisten macht. Wenn ihn auch die Puristen unter den Musikern und Musikologen als reißerischen, sentimentalen Populärmusiker abtun, werden seine Oper beim breiten Publikum zu einem großen Erfolg. Auch an der Met in New York feiert Puccini mit Enrico Caruso und Arturo Toscanini als Interpreten Triumphe. Es ist in diesem Zusammenhang nicht erstaunlich, dass seine Opern, und besonders der Tosca-Stoff, sehr schnell vom neuen Massenunterhaltungsmedium, nämlich dem Stummfilm, und später auch vom Tonfilm mehrfach herangezogen wird – von Sarah Bernardt über Jean Renoir oder Visconti bis zu Anna Magnani und Tito Gobbi.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Inszenierung, die Pierre Audi mit seinem Team 2014 für die Oper an der Bastille schuf, ist immer noch sehenswert. Die Sakristei im ersten Akt wirkt immer noch wie ein Bunker, aber eignet sich gut zum stufenweisen Aufbau des Te Deum in der Schlussszene. Das Gemälde mit den erotischen, nackten Nymphen eines William Bouguereau erfreut – und erstaunt – immer noch in einer Kirche. Wie auch die Kostüme und die Einrichtung in reizvollem Empirestil im zweiten Akt. Und im dritten Akt befindet man sich statt in der Engelsburg immer noch in einem Soldatenfeldlager, aus dem Tosca in der Schlussszene der Oper in die Unendlichkeit abwandert, statt in den Abgrund zu springen. Und über allen drei Akten hängt drohend ein bühnengroßes Holzkreuz. Für Audi ist es das Symbol des Zusammenwirkens von Staatsmacht und Kirche, und er meint: „Vom dramatischen Standpunkt aus gesehen, möchte ich hinzufügen, dass sich die Annäherung von Politik und Religion als unglaublich wirksam erweist: Es erlaubt Puccini die kalte, erbarmungslose Seite der politischen Welt einer sentimentalen Romantik der Liebesgeschichte zwischen Cavaradossi und Tosca gegenüberzustellen. Die politische Polizei handelt mit dem Segen des Papstes, der Sakristan entpuppt sich als Polizeispitzel, die Messe unterbricht die Verfolgung Angelottis, und dann das Messer, das Verbrechen, das Blut, das Kruzifix. All das ergibt ein höchst appetitliches Rezept für den Dramaturgen.“ Zwar gibt er zu: „Im Übrigen scheint mir, dass Puccini letztlich wesentlich weniger klar Stellung bezieht als Verdi … Er liebt es, die Sachen in der Schwebe zu lassen.“ Und zieht daraus den Schluss: „Ich habe nicht versucht, aufs Äußerste zu unterstreichen, dass die Oper gegen die Kirche oder gegen die Staatsmacht Stellung nimmt. Ich sah die Gelegenheit, auf der Annäherung dieser beiden Welten meine Inszenierung aufzubauen, weil es mir schien, dass auf diese Weise Puccini seine Oper aufgebaut hatte.“

Jonas Kaufmann hat wegen einer Halsentzündung die ersten drei Aufführungen abgesagt, aber Anja Harteros nimmt an der Aufführung teil. Die Auftritte der Sopranistin sind seltener geworden – an der Bastille hat man sie seit 2003 nicht mehr gehört. Und so kommt das Publikum von überall her, auch aus dem südlichen Europa, um ihr zu lauschen. Und die Besucher werden nicht enttäuscht. Schauspielerisch ist Anja Harteros‘ Tosca hoheitsvoll, aber dennoch temperamentvoll und leidenschaftlich bis zur furienhaften Wildheit. Musikalisch gibt sie jeder Phrase, ob lyrisch oder hochdramatisch, eine gewaltige Intensität, beherrscht aber die Stimmführung mit bewundernswerter Konzentration. Bei ihrem Vissi d’arte, vissi d’amore bleibt kein Zuhörer ungerührt. Eine selten großartige Tosca. Vittorio Grigolo singt den Mario Cavaradossi mit kraftvollem, gut projiziertem Tenor und zeigt besonders in den mittleren und hohen Lagen schöne Klangfarbe. Was aber bei seiner Partnerin begeistert, fehlt ihm manchmal: die Würde und die stimmliche Disziplin. Željko Lučićs warmer, voller Bariton passt wohl eher in die Rolle eines Giorgio Germont als in die eines Baron Scarpia. Zwar bemüht er sich redlich, pervers zu spielen, aber man nimmt es ihm nicht so recht ab. Es fehlt ihm das Dämonische, aber vor allem auch das stimmliche Volumen, um die Bühne zu beherrschen. Von den Nebenrollen sei vor allem Sama Vemićs wohltimbrierter, sonorer Bass als Angelotti zu nennen. Der Chor, stets gut einstudiert von José Luis Basso, tritt choreografisch und stimmlich eindrucksvoll in der Schlussszene des ersten Akts auf. Dan Ettinger dirigiert das ausgezeichnete Ensemble mit Dynamik und Begeisterung.
Das Publikum zollt den Ausführenden, aber vor allem Anja Harteros begeisterten Beifall.
Alexander Jordis-Lohausen