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LA TRAVIATA
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
11. Dezember 2018
(Premiere am 2. Juni 2014)
Wie die kürzlich hier aufgeführte Oper Simon Boccanegra gehört auch La Traviata zu Verdis mittlerer Schaffensperiode. Der Komponist hatte einen neuen Stil gefunden. „Die Akzente sind bestimmter gesetzt, die Kontraste deutlicher, die Themen eigenartiger und einprägsamer, die Chorsätze und Ensembles weit sorgfältiger gearbeitet“ als in den frühen Werken. „Grobe Effekte treten zurück, die Charakterisierung ist bei aller Klarheit reich an Nuancen, der Gesamtaufbau wirkt durch die Zusammenfassung mehrerer Nummern zu dramatischen Szenen einheitlich in einem für Verdi neuen Sinne.“ beschreibt Hans Renner diesen neuen, reiferen Kompositionsstil Verdis und fügt für La Traviata hinzu: „Hier waren nicht so sehr Leidenschaften als seelische Regungen darzustellen. Demgemäß findet man starke Akzente seltener, der Grundklang ist intimer, das Liniengewebe oft kammermusikalisch feingliedrig. Der Chor tritt zurück zugunsten von Arien und solistischen Ensembles, nur in der Spielsaalszene hat er eine erregende dramatische Funktion. Das Ganze wirkt einheitlich im Sinn eines lyrischen Musikdramas.“ Wie dem auch sein mag, ist es Verdi durch seine Vertonung gelungen, aus diesem tristen, bürgerlichen Sittendrama eine der eindrucksvollsten und melodienreichsten, und damit auch eine der beliebtesten und meistgespielten Werke der Opernliteratur zu machen. Und dennoch … als diese zeitkritische Oper 1853 in Venedig uraufgeführt wurde, fiel sie durch. „La Traviata gestern Abend – ein Fiasko. Ist es meine Schuld oder die der Sänger? Die Zeit wird urteilen“, schrieb Verdi am nächsten Tag. Die Zeit hat geurteilt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Es ist dem Regisseur Benoît Jacquot und seinem Team hoch anzurechnen, dass es für ihn undenkbar ist, La Traviata in eine andere Periode zu versetzen. Im Gegenteil, er hat sehr darauf geachtet, dass nichts Anachronistisches im Bühnenbild, in der Ausstattung oder in den Kostümen zu finden ist. Alles ist ganz im Stil der Pariser belle époque gehalten. Bis hin zu dem damals skandalumwitterten Gemälde von Manets Olympia, das über dem Prunkbett hängt. Um aber das Dekor nicht zu überladen, hat Jacquot in jedem Akt ein Element gefunden, das als pars pro toto für das Gesamtbild steht, wie das Prunkbett im ersten und letzten Akt, der Baum und die Prunkstiege in zweiten. Innerhalb dieses Rahmens liegt ihm daran, den Aufstieg und den Fall einer Frau zu zeigen, der man in einer Welt von brutalen, autoritären Männern Opfer abfordert und die als selbstverständlich annimmt. Als ehemaliger Filmregisseur hat er dabei seine Vorbilder für das 19. Jahrhundert bei Chaplin, Jean Renoir und Pabst gesucht, für ein ähnliches Geschehen in unserer Zeit bei Mizoguchi. Man kann dagegen einwenden, dass Jacquot vielleicht vom Film, vor allem vom Stummfilm, die Idee mitgebracht hat, dass die Musik nur eine eher unwesentliche Untermalung der Handlung ist, denn die beschwingten, hin und wieder mitreißenden Rhythmen des Orchesters beeinflussen sehr wenig die Personenregie und von Choreografie scheint Jacquot nichts zu verstehen. Alles Geschehen auf der Bühne wirkt statisch. Gerade beim großen Fest mit seinen berauschenden Melodien zu Beginn der Oper steht der Chor, ganz in schwarz und mit hohem, schwarzem Zylinder auf dem Kopf, bewegungslos wie bei einem Begräbnis im Hintergrund. Und die einzige lebendige Szene, das Transvestiten-Stierkampf-Ballett im zweiten Akt, wirkt eher komisch-grotesk.

Wie zu erwarten, ist der unumstrittene Star des Abends Ermonela Jaho. Bei einer Künstlerin, die ständig an ihrer Stimme und ihren Interpretationen arbeitet, ist es nicht erstaunlich, dass ihre heutige Darstellung der Violetta, verglichen mit der von 2014 auf derselben Bühne und in derselben Inszenierung, reifer, noch vollkommener geworden ist. Als Kind hatte sie davon geträumt, die Violetta zu singen. Mit 16 Jahren bei einer Aufführung in ihrer Musikschule in Tirana ist ihr dieser Wunsch zum ersten Mal in Erfüllung gegangen. Seitdem hat Jaho die Violetta mehr als 250 Mal auf allen großen Opernbühnen der Welt gesungen. Und kaum eine Sängerin geht wie sie so bewegend in dieser Rolle auf, verausgabt sich so ganz in ihr. Sie singt nicht Violetta, sie spielt sie nicht, sie ist Violetta. Mit allen Fasern ihres Wesens, alle Feinheiten ihrer reichen stimmlichen Fähigkeiten ausschöpfend, durchlebt sie die leidenschaftliche Liebe, den herzzerreißenden Schmerz ihres Verzichts auf Alfredo und den verzweifelten Todeskampf. Die Reinheit ihrer Stimme und die jugendliche Grazie ihrer Erscheinung begeistern im verliebten Jubel mit seinen Trillern und Koloraturen im ersten Akt. Aber vielleicht ist der Höhepunkt doch ihr langes Duett mit Giorgio Germont im zweiten Akt und darin vor allem das fast verklärte Dite alla giovine sì bella si pura, worin trotz aller Verzweiflung eine tiefe Menschlichkeit durchdringt, die den Verzicht zulässt. Im letzten Akt singt sie, von einigen Ausbrüchen abgesehen, nur noch mezza voce in einem tranceähnlichen, fast schon nicht mehr irdischen Zustand von erschreckendem Realismus. Als man Verdi auf diesen Realismus ansprach, antwortete er: „Das Wahre zu kopieren kann gut sein, aber das Wahre zu kreieren ist noch besser!“ Letzteres ist Ermonela Jaho hier meisterhaft gelungen.
Ihr gegenüber singt Charles Castronovo mit schön timbrierter Tenorstimme von feiner Textur den Alfredo. Feurig und mitreißend im Brindisi zu Beginn der Oper, lyrischer, entspannter in der Arie Lunge da lei per me non v’ha diletto! im zweiten Akt. Ludovic Tézier, der noch am Vorabend die schwierige Rolle des Simon Boccanegra gesungen hat, steht heute als Giorgio Germont auf der Bühne und seine Stimme scheint darunter nicht gelitten zu haben. Im Gegenteil, es gelingt ihm in bewundernswerter Weise, mit seinem vollen, warmen Bariton „Worte, Gedanken und Emotionen in Klang auszudrücken“, wie Thomas Hampson es einmal ausdrückte. Und das nicht nur in der berühmten Arie Di provenza il mar, il suol chi dal cor ti cancello?
Virginie Verrez ist mit jugendlich frischem, etwas herbem Mezzosopran die Flora und Cornelia Onciociu die treue Annina. Alle anderen Nebenrollen tragen auf hohem musikalischem Niveau zu dieser hervorragenden Aufführung bei. Der Chor ist gut einstudiert von Alessandro Di Stefano. Und trotz mangelnder Zeit für alle Orchesterproben dirigiert Karel Mark Chichon Orchester, Chor und Solisten mit Schwung und Feingefühl. Als Dirigent mit einer Sängerin verheiratet zu sein, schärft sicherlich das musikalische Einfühlungsvermögen.
Eine selten gute Aufführung. Das Publikum im ausverkauften Haus ist einhellig begeistert.
Alexander Jordis-Lohausen