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TRISTAN UND ISOLDE
(Richard Wagner)
Besuch am
11. September 2018
(Premiere am 4. Mai 2005)
Nachdem Wagner intensiv ein Jahr lang am Siegfried gearbeitet hatte, unterbricht er diese Arbeit plötzlich im Herbst 1857, um sich einem anderen Stoff zu zuwenden: Tristan und Isolde. Mag sein, dass der tiefe Eindruck seiner Liebe zu Mathilde Wesendonck ihn letztlich dazu bewegt hat, aber im Geist beschäftigte ihn das Thema dieses mittelalterlichen keltischen Minnelieds schon seit mehreren Jahren. Musikalisch bleibt diese Oper ein Einzelfall in seinem Schaffen. Und wenn Wagner nach seiner Fertigstellung auch wieder zur Spätromantik zurückfindet, so erweist sich dieser unerwartete Vorstoß in die Moderne, die ungewohnten Harmonien, die sogenannte Tristan-Chromatik, als ein Wegbereiter der Zwölftonmusik des frühen 20. Jahrhunderts. „Kein Musikstück des 19. Jahrhunderts ist von vergleichbarer Wirkung und Nachwirkung. Von der Tristan-Harmonik ist die Richtung ablesbar, die zur Auflösung der Tonalität, zur Emanzipation der Melodik und des Kontrapunkts, von vorgeformten Akkordzusammenhängen führt. Tristan und Isolde ist eine der ‚Ursprungsurkunden‘ der musikalischen Moderne“, sagt Carl Dahlhaus dazu.
Auch bricht Wagner in dieser Oper mit seiner eigenen Theorie des Gesamtkunstwerks und gibt der Musik entschieden den Vorrang vor der Handlung. „Nehmen Sie die Brille ab, Sie dürfen hier nur die Musik hören“, äußert er Friedrich Nietzsche gegenüber.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Es ist daher vielleicht nicht ganz zufällig, dass sich der Regisseur Peter Sellars und der Videospezialist Bill Viola zusammengetan haben, um gerade diese Wagner-Oper in einer Aufsehen erregenden Inszenierung an der Pariser Oper auf die Bühne zu bringen – zum ersten Mal 2005, zurückgreifend auf Bill Violas Tristan Project 2004 in Los Angeles. Die in die Moderne weisenden Züge der Oper kamen sicherlich Peter Sellars entgegen, der sich „eher als ein Kind Strawinskys fühlte, vom Modernismus angezogen und von allem, was erfunden wurde, um Wagner zu zerstören“. Aber andererseits sind für ihn Liebe und Tod so außerordentlich tiefschürfende Fragen des menschlichen Lebens. „Und für unsere Generation, die so viele uns nahestehende Menschen verloren hat, ist der dritte Akt des Tristan eine grundlegende Erfahrung. Und damit wird einem klar, dass man Wagner nicht einfach übergehen kann.“
Einem Bill Viola hingegen werden zweifellos die Seelenzustände, die durch das Wort schon nicht mehr und nur noch durch die Musik ihren Ausdruck finden können, sowie das Universale dieses „Ur-Liebesgedichts“ eingeleuchtet haben. “Ganz offensichtlich werde ich es vermeiden, diese Geschichte zu illustrieren. Wenn man auf dem Bildschirm einen Mann und eine Frau sieht, darf man nicht an Tristan und Isolde denken, sondern eher an männliche und weibliche Archetypen. Ich wollte über das Liebespaar hinaus gehen, etwas Universelleres berühren.“ Auch das Mystische des Liebesdramas hat ihn dabei berührt.
Und so entsteht eine Inszenierung, die sich auf der Bühne auf ein Minimum beschränkt. Oder wie Sellars es ausdrückt: ein Minimalismus, in dem alles Wesentliche wie in einem buddhistischen Zen-Garten zusammengefasst ist. Kein Bühnenbild, spärliche Beleuchtung, farblose, nichtssagende Kostüme, nur eine einfache, genaue und ausdrucksstarke Gestik der Darsteller.

Sellars überlässt damit das Wesentliche des Bühnenraums der Ausstrahlung von Violas Videos auf einer diesen Bühnenraum weitgehend ausfüllenden Leinwand. Die meist ästhetisch schönen Bilderfolgen und Filme, die manchmal ins Abstrakte übergehen, haben ihr ganz besonderes Eigenleben, ihre eigene Symbolik und ihre eigenen Leitmotive. Die vier Elemente, Wasser, Feuer, Luft und Erde, die in Wagners Werk immer wieder aufscheinen, spielen auch hier eine vornehmliche Rolle. Solange diese Bilder die Handlung und den Gesang begleiten, spielen sie eine wirksame illustrierende Rolle, die Wellen und die Brandung des Meeres bei der Schiffsszene oder die lodernden Flammen in den Liebeszenen. Sobald jedoch Viola anfängt, seine eigenen Geschichten zu erzählen und uns schon im ersten Akt durch die Symbole und Riten seines Archetypus der Liebe von Mann und Frau führt, muss sich der Zuschauer respektive Zuhörer zwangsläufig die Frage stellen: Soll ich mir den Film anschauen oder der Musik und dem Gesang folgen? Schon Waltraud Meier, die Isolde der Premiere 2005, stellte fest: „Ich bin mir bewusst, dass man sehr stark die Videos anschaut. Ich versuche dagegen anzuspielen und etwas Aufmerksamkeit auf mich zu lenken!“
Musikalisch ist die Aufführung weitgehend gelungen. Martina Serafin ist keine Birgit Nilsson. Aber sie bewältigt stimmlich die schwierige Rolle vom Anfang bis zum Ende – wie die Regie es will – ohne Pathos mit verhaltener Leidenschaft, gut kontrolliert. Doch sehr klangvoll in den tieferen Lagen, fehlt ihr oft das wirklich Strahlende in den Spitzentönen. Andreas Schager mit hell timbriertem, schneidendem Heldentenor ist der lebensüberdrüssige Tristan. Die Liebesnacht im Duett mit Isolde im zweiten Akt ist von großer Schönheit und sein Todesdelirium im letzten Akt erschreckend glaubhaft. Mathias Goerne, der seit seiner gewaltigen Bühnenpräsenz als Mathis der Maler 2010 in Paris einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat, begeistert hier wieder durch seine unglaublich volle, klangvolle und intensive Baritonstimme und seine liedhaft präzise Stimmführung in der Rolle des treuen Kurwenal. Ekaterina Gubanova singt mit samtenem Mezzosopran souverän die Brangäne, besonders schön das lange Legato Einsam wachend im zweiten Akt. René Pape ist mit sonorer, tiefer Bassstimme der greise König Marke. Die gute Diktion der Sänger und Sängerinnen fällt auf.
Ein besonderes Lob gebührt dem Orchestre de l’Opéra national de Paris, das von den Streichern über Englischhorn, Bassklarinette und bis zur Harfe alle Klangfarben der Partitur hergibt, unter der immer etwas vorsichtig zurückhaltenden, aber meisterhaften Leitung von Philippe Jordan.
Nach 30 Aufführungen dieser Tristan-Inszenierung in Paris seit 2005 ist sie immer noch Aufsehen erregend und sehenswert und erntet entsprechenden Applaus, aber auch immer noch einige Buhrufe für Peter Sellars.
Alexander Jordis-Lohausen