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LES TROYENS
(Hector Berlioz)
Besuch am
25. Januar 2019
(Premiere)
Einerseits sah sich Berlioz als Klassiker, vor allem als ein Nachkomme Glucks. „Ich bin ein Klassiker. Unter Klassik verstehe ich eine Kunst, die jung, kräftig, echt, durchdacht und leidenschaftlich ist, die die schönen Formen liebt, vollkommen frei; alles Große und Kühne: Gluck, Beethoven, Vergil, Shakespeare.“ Und er behauptet: „Romantik? Ich weiß nicht, was das heißt!“ Andererseits aber, sobald er auf Webers Freischütz stößt, ist er begeistert, hingerissen von der neuen Richtung. Und er macht sich ihre Möglichkeiten zu eigen. „Durch diese typisch romantische Vision, die mit dem sehr zwielichtigen Teil der deutschen Romantik verbunden ist; durch die bewusste Verwirrung von Wirklichkeit und Einbildung, ist Berlioz ein Musik-Erneuerer … Man kann nicht übersehen, wie sehr er notwendigerweise, und er allein, Beethoven und Wagner verbindet – ein spektakuläres Bindeglied zwischen dem Komponisten der Symphonien und dem Theaterkomponisten par excellence“, schreibt Pierre Boulez dazu.
Doch ist er dann als „Theaterkomponist“ auch wieder zwiespältig, hin und her gerissen zwischen Musik und Text: für Les Troyens, für die er das Textbuch aus Vergils Aeneis selbst zusammengeschrieben hat, sucht er „die richtige Form, bei welcher die Musik ganz zurücktritt oder doch nur die demütige Sklavin der Worte ist.“ Aber erklärt dann wieder, er wolle die Musik dieser Oper „frei und stolz, souverän und siegreich: ich will, dass sie alles erobern soll.“
Vielleicht haben auch diese Ungereimtheiten dazu beigetragen, dass Berlioz zu Lebzeiten in Frankreich, anders als im Ausland und vor allem in Deutschland, nie Anerkennung gefunden hat.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Mit dem Namen Hector war er für Les Troyens prädestiniert: seit seiner Jugend träumte Berlioz von Troja und von Vergils Aeneis. „Ich habe mein ganzes Leben mit diesem Volk der Halbgötter verbracht; ich stelle mir vor, sie kennen mich eben so gut, wie ich sie kenne“, schreibt er zur Zeit der Komposition der Oper an die Prinzessin Sayn-Wittgenstein, die Geliebte Liszts und Berlioz‘ Vertraute, die ihn während der schwierigen zwei Jahre der Entstehung dieses Monumentalwerks brieflich begleitet und ermuntert. Die Trojaner sind keine Neulinge auf der Opernbühne. Von Monteverdi über Cavalli, Purcell bis zu Piccini tauchen sie immer wieder auf, vor allem in Tragödien um Dido und Äneas. Doch die seinen haben wenig Erfolg. Zu Berlioz‘ großer Enttäuschung kommt die Oper in ihrer vollständigen Fassung zu seinen Lebzeiten nirgends auf die Bühne. Berlioz stirbt 1869, elf Jahre nach der Fertigstellung seiner Trojaner. Wie Charles Gounod es einmal ausdrückte: Berlioz hat wie Hektor vor den Mauern Trojas sein Leben gelassen. Die Gesamtoper wird schließlich erst 1890 in zwei Teilen in Karlsruhe von Felix Mottl zur Aufführung gebracht.
Im Rahmen der 350-Jahrfeier der Gründung der Pariser Oper ganz allgemein und zum 30-jährigen Bestehen der Oper an der Bastille kommt das Monumentalwerk Les Troyens nun in einer Neuinszenierung wieder auf diese Bühne, nachdem sie seinerzeit schon als erste Oper dasselbe Opernhaus eröffnet hatte.
Der erste Teil der Oper spielt in Troja kurz vor und zur Zeit ihrer Eroberung und Zerstörung. Dmitri Tcherniakow und sein Team haben dazu eine Straßenkreuzung in einer etwas heruntergekommenen Plattenbaustadt geschaffen, in der in einer lugubren Atmosphäre ein Lumpenproletariat, das eben den Misérables von Victor Hugo entstiegen zu sein scheint, mit bunten Luftballons, frenetisch den Abzug der griechischen Feinde feiert. Und das nicht hören und wissen will, was die unheilbesessene Kassandra den versammelten Fernsehjournalisten erklärt, bis aus dem trojanischen Pferd, mit Brand, Mord und Vergewaltigung das Unheil über die Stadt hereinbricht. Ebenso wenig will der Clan des Diktators Priamos, der in Uniform, Anzug und glänzenden Abendkleidern im Palast nebenan im getäfelten, hell erleuchteten Salon mit Louis-XV-Mobiliar, mit Champagner das Ende das Kriegs feiert, die Todes-Weissagungen der Kassandra hören. Die Inszenierung dieses Teils der Oper vermittelt die durchaus glaubwürdige Atmosphäre eines Festes vor dem Untergang und ist auch in der Personen-Regie sehr gut ausgeklügelt.
Doch was Christoph Marthaler 2017 bei Wozzek gut gelungen ist, weil es dem Wesen der Geschichte entsprach, das heißt, eine Kantine à la Ikea zum Handlungsort der Oper zu machen, gelingt hier im zweiten Teil der Oper, der am Hofe der Königin Dido in Karthago spielt, überhaupt nicht. Die eher pompöse Sprache des Textes, die hochromantische Musik Berlioz‘ und die tragische Liebesgeschichte einer orientalischen Königin lassen sich einfach nicht mit der nüchternen, populären Atmosphäre des Aufenthaltsraums eines Ferienclubs am Mittelmeer vereinbaren, in dem Ping-Pong gespielt, Gymnastikstunden abgehalten und sonstige Entspannung gepflegt wird. Auch nicht, wenn er sich „Psycho-traumatologische Heilstätte für Kriegsopfer“ nennt. Die Königin Dido mit gelbem Kleidchen, hoher goldener Pappkrone auf dem Kopf und violetter Papierschleppe wirkt wie eine groteske Karnevalsprinzessin. Ganz im Sinne seines verstorbenen Freundes Gérard Mortier, dem er im Programmheft einen Artikel widmet, will Tcherniakow hier offensichtlich provozieren. Und das Resultat ist bedauerlich. Schade um die wochenlange Arbeit der Musiker!
Der erste Teil der Oper steht und fällt, einerseits mit der Rolle der Kassandra, die eineinhalb Stunden lang ohne Unterbrechung fast pausenlos im Einsatz ist, um ihre Stadt zu retten, und andererseits der des Chors der Trojaner. Auch er ist allgegenwärtig, bestens einstudiert von José Luis Basso. Beide werden ihren Rollen voll und in beeindruckender Weise gerecht. Stéphanie d’Oustrac singt und spielt mit kraftvoller, eindringlicher und spannungsgeladener Stimme die verzweifelte Kassandra, der Chor ist vielseitig im Ausdruck seiner Freude, seiner Angst und seiner Verzweiflung. Vielleicht besonders beeindruckend die letzte Szene, in der Kassandra die trostlosen, noch überlebenden Frauen Trojas überzeugt, sich mit ihr den Tod zu begeben, um ihre Ehre zu retten: De Vesta, pour la dernière fois, à l’autel, je m‘incline. Stéphane Degout singt mit warmem Bariton den treuen Chorèbe, der die Warnungen seiner Verlobten nicht glauben will. Der Clan des Priamos tanzt elegant und verantwortungslos auf dem Vulkan, der vor dem Ausbruch steht.

Im zweiten Teil sind es vor allem Dido und Äneas, die die Handlung tragen. Ekaterina Semenchuk ist drei Wochen vor der Premiere für Elina Garança, die aus gesundheitlichen Gründen abgesagt hat, eingesprungen. Nach anfänglichen kleinen Schwierigkeiten, vor allem in den tieferen Lagen, sich gegen die Übermacht von Berlioz‘ Orchester durchzusetzen – was vielleicht auch auf die Akustik des Opernhauses zurückzuführen ist – gewinnt ihre Stimme an Glanz und Stärke und begeistert am Schluss der Oper sowohl im höchst dramatischen Abschiedsduett mit Äneas, Errante sur tes pas, sous la foudre qui gronde, wie auch in der lyrischen Abschiedsszene vom Leben, Adieu, fière cité.
Brandon Jovanovich ist für Bryan Hymel eingesprungen. Er ist mit schönem Heldentenor ein mitreißender Äneas – soweit die Inszenierung das zulässt – wie in Sur cette horde immonde d’Africains, marchons Troyens et Tyriens oder viel lyrischer im Liebesduett mit Dido, Nuit d’ivresse et d‘extase infinié. Aude Extrémo singt mit tiefem, klangvollem Mezzo die fürsorgliche Schwester Anna. Christian van Horn zeigt sich sehr gut als der besorgte Narbal, ebenso Cyrill Dubois als Iopas. Stimmlich sehr gut, aber als Albino-Erscheinung eigenartig, präsentiert sich Michèle Losier als Ascagne.
Philippe Jordan dirigiert die Solisten, Chor und Orchester mit Umsicht, aber man spürt, dass er sich bei Wagner wohler fühlt als bei Berlioz.
Das Premierenpublikum mit viel Prominenz, aber auch bereichert durch einen vielköpfigen russischen Freundes- und Verehrerkreis Dmitri Tcherniakows, spendet viel Beifall, bedenkt allerdings die Inszenierung mit anhaltenden Buhrufen.
Alexander Jordis-Lohausen