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Goethes Das Leiden des jungen Werther erscheint 1774 in Leipzig. „Das Werk zündete ein Feuer an … wie kein deutsches Buch bisher und keines nachher … und das nicht nur für ein Jahr, sondern auf Jahrzehnte hinaus, in Deutschland, in England, Frankreich, Holland, Skandinavien“, schreibt Richard Friedenthal in seiner Goethe-Biografie. Es ist daher nicht erstaunlich, dass Jules Massenet noch mehr als ein Jahrhundert später auf der Höhe seines Ruhms den Roman zum Gegenstand seiner meisterhaften, sicherlich seiner persönlichsten Oper macht. Das Textbuch weicht von Original insofern ab, als es eine junge Sophie dazu erfindet und indem Werther hier nicht allein, sondern im Beisein aller Hauptdarsteller stirbt. Im Aufbau der Oper folgt Massenet dem schon erfolgreich erprobten Modell seiner Oper Manon: Vorstellung der Personen im ersten Akt, dramatische Entwicklung in zweiten, Herausarbeitung der Charaktere im dritten und schließlich tragischer Ausgang im vierten Akt. Dieser Ablauf wird hier noch unterstrichen durch die Jahreszeiten, beginnend mit dem Festball im Sommer, gefolgt von der goldenen Hochzeit im Herbst und dann dem Weihnachtsfest im Winter in den beiden letzten Akten.
Durch das Zögern des Direktors der Opéra Comique in Paris angesichts dieser „tristen Geschichte“, ist es der Wiener Hofoper vergönnt, das Werk 1892 mit großem Erfolg zum ersten Mal auf die Bühne zu bringen, und zwar in deutscher Sprache. Erst ein Jahr später folgt die Erstaufführung des französischen Originals in Paris.

In der Koproduktion mit dem Teatro de la Scala in Mailand hat Regisseur Christof Loy in einer sehr genauen Personenregie recht erfolgreich die psychologischen und emotionellen Regungen der Protagonisten herausgearbeitet, wobei durch die im Textbuch neu hinzugefügte jüngere Schwester Sophie, die in Werther verliebt ist, nicht wie bei Goethes Werther eine Dreiecks-Beziehung besteht, sondern, wie Loy selbst bemerkt, eine Vierecks-Beziehung wie in Goethes Wahlverwandtschaften. Und man merkt, dass er in dem Drama vornehmlich die Tragödie eher als die Romantik sieht. Es gelingt ihm durch eine Vielzahl von geschickten Einfällen und Nebenhandlungen, die vorherrschende Statik weitgehend in Bewegung zu verwandeln. Sein Bühnenbildner Johannes Leiacker lässt die Handlung vor einer einzigen Kulisse abspielen, in einem großen bürgerlichen Biedermeier-Raum im Hause von Charlottes Vater, mit einer Doppelflügel-Glastür im Hintergrund, die den Blick auf einen Wintergarten und dahinter einen Garten mit Baum freigibt, der die Jahreszeiten anzeigt. Er verzichtet fast ganz auf Mobiliar. Dobby Duivemans hübsche Kostüme sind eher der Mitte des vorigen Jahrhunderts zuzuordnen und illustrieren anschaulich die Handlung.
Werther ist eine bekannt schwierige Rolle für einen Tenor, aber Bernard Bernheim bewältigt sie meisterhaft und mit großer Intensität. Mühelos und gut kontrolliert in den dramatischen Spitzentönen, zart-timbriert in den lyrischen Momenten, in denen das Mezzo-Voce manchmal mühelos in die Kopfstimme übergleitet. Er erntet tosenden Szenenapplaus für das Ossian-Lied Pourquoi me reveiller im dritten Akt. Marina Viotti singt und spielt mit reicher, sinnlicher, vibratogeladener Stimme die zwischen Pflicht und Liebe hin und her gerissene Charlotte. Noch ganz in jugendlichem Überschwang im Duett mit Werther Ah! Pourvu que je voie ces yeux toujours ouverts am Ende des ersten Akts. Dann aber voller auswegloser Verzweiflung in der Brief-Arie Qui m’aurait dit zu Beginn des dritten Akts. Sandra Hamaoui singt und spielt sehr reizvoll die jüngere Schwester Sophie. Nur hätte man sich in der ohnehin schon von tragischer Dramatik überladenen Atmosphäre für das kaum der Kindheit entwachsene Mädchen eine etwas leichtere Stimme gewünscht. Mit gediegenem, schön timbriertem Bariton und würdiger Haltung – zwischen Großmut, Empörung und Indifferenz – verkörpert Jean-Sébastien Brou den geehrten, aber ungeliebten Ehemann Albert. Die ältere Generation, den Bürgermeister, Charlottes Vater, und seine Freunde Schmidt und Johann hat Loy hier als weinselige Gestalten des deutschen Kleinbürgertums des 19. Jahrhunderts à la Wilhelm Busch dargestellt. Sie sind das einzige komische Element der Oper, spielen und singen gekonnt und mit sichtlichem Vergnügen. Heiter und erfreulich sind auch die Kinder, alles Solisten des Kinderchors der Maîtrise des Hauts-de-Seine. Marc Leroy-Calatuyad dirigiert mit Brio die Solisten, den Kinderchor und das Orchester Les Siècles durch die wild bewegte Partitur.
Das Publikum ist berechtigt begeistert über die besonders gut gelungene Aufführung. Nur einige Buhrufe kreiden die Inszenierung an. Vielleicht weil sie nicht hässlich ist?
Alexander Jordis-Lohausen