Chinesischer Wagner

PEKING-OPER RING DES NIBELUNGEN
(Aziza Sudvoka, Xiabo Qiu)

Besuch am
20. Dezember 2019
(Urauf­führung)

 

Radial­system, Berlin

Die China National Peking Opera Company und der Deutsche Freun­des­kreis der Young Euro Classic haben anlässlich der 25-jährigen Stadt­part­ner­schaft zwischen Berlin und Peking ein Projekt ins Leben gerufen, das Beson­deres verspricht. Auf der Vorlage von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen wird im Berliner Radial­system eine Peking-Oper aufge­führt, die asiatische und europäische Kultur mitein­ander mischt.

Die Regis­seurin Anna Peschke, die sich schon seit 2012 mit der Insze­nierung von zeitge­nös­si­scher Peking-Oper befasst, und der Regisseur Liu Dake – er agiert auch als Wotan – bringen eine auf etwa zweieinhalb Stunden destil­lierte Fassung des Rings, die eine Symbiose zwischen östlichen und westlichen Musik­thea­ter­ele­menten zeigt. Die Texte werden im Sprech­gesang, von der Rolle abhängig auf Chine­sisch oder Deutsch, darge­boten. Dank Übertitel ist die Verstän­digung kein Problem. Das minima­lis­tische Bühnenbild von Kerstin Junge und Ke Ni beschränkt sich auf einen Stuhl und sechs variable Stell­wände mit einigen farblichen Verän­de­rungen der Hinterwand. Das Konzept erlaubt dem Zuschauer, sich auf die Aktion der Darsteller zu konzen­trieren. In der Peking-Oper ist der Masken­bildner ein sehr wichtiges Ensem­ble­mit­glied, da auch die Masken­ele­mente zur Erklärung der Rolle beitragen – hier waltet Masken­bildner Zheng Weiling seiner Kunst bei Wotan wie bei den restlichen chine­si­schen Darstellern. Jiang Dian und Peschke haben die detail­ver­liebten, wunder­schönen Kostüme entworfen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Wie in der Peking-Oper üblich, sind die Ausdrucks­weisen nicht nur auf Rezitation, Gesang und Schau­spiel beschränkt.  Hinzu kommen Akrobatik, Pantomime, Tanz und Kampf­kunst. Diese Elemente werden einer rigorosen, physi­schen Ästhetik unter­worfen – jeder Blick und jede Handbe­wegung haben eine Bedeutung. Es gilt, die Regeln der Kunst einzu­halten und präzise wieder­zu­geben. Die indivi­duelle Persön­lichkeit eines Schau­spielers muss sich dem Charakter unter­ordnen. In der prakti­schen Umsetzung heißt das, dass einige Figuren – Brünn­hilde, Loge und Siegmund – vermeintlich „westlich“ agieren, während sich Wotan, Alberich und Sieglinde „fernöstlich“ geben. Höchste physische Disziplin und Form bei den chine­si­schen Darstellern steht hier in klarem Gegensatz zu der eher laschen Körper­sprache der westlichen Schauspieler.

Foto © Kai Bienert

Musik und Libretto sind weit entfernt vom Wagner­schen Original. Dramaturg Derek Gimpel und Regis­seurin Peschke haben die Texte frei redigiert und auf die Kernaus­sagen reduziert. Die Kompo­nistin Aziza Sadikova und ihre Kollegin Qiu Xiaobo haben das Kunst­stück fertig­ge­bracht, Wagnersche Leitmotive mit tradi­tionell chine­si­schen Rhythmen und Melodien zu verschmelzen. Gespielt wird die hier urauf­ge­führte Klang­par­titur für ein kammer­mu­si­ka­li­sches Ensemble mit zwölf Musikern, davon sieben für die chine­si­schen Instru­mente und für fünf westliche. Entspre­chend chine­si­scher Sitte sitzen die Musiker seitlich auf der Bühne. Nicht nur akustisch – leider zu oft elektro­nisch überdreht – dominieren die chine­si­schen Klänge, was durchaus nicht als Nachteil zu inter­pre­tieren ist. Sadikova setzt Instru­men­tal­tech­niken und ungewöhnlich volltö­nende Kombi­na­tionen von europäi­schen und chine­si­schen Instru­menten ein wie beispiels­weise Bass und Glissando-Flöten­linien oder Cello mit Flagolet-Glissando. Ebenso setzt sie eine Schachtel mit Glasscherben, Psalterium, Zither, Steine und ein Glasglo­cken­spiel für die Vermittlung der Gefühle ein. Direkt aus der chine­si­schen Tradition sind die Aktions- und Emoti­ons­ak­zente von Cymbalen und Gong begleitet. Juho Laitinen am Cello fungiert auch als musika­li­scher Leiter.

Dank des als Confé­rencier agierenden Loge von Claudius Körber wird dieser Ring dem Publikum verständlich gemacht. Seine lakonisch-wirkende, schlanke Gestalt in schlichtem, schwarzem Anzug rezitiert die Stabreime und zieht die Fäden der Geschichte. Als Co-Regisseur und berühmter Interpret übernimmt Liu Dake die Rolle des Wotan in einem üppigen Kostüm mit diversen Schichten, tradi­tio­nellen Fähnchen auf dem Rücken, auf hohen Kothurnen – seine Würde ist unantastbar. Alle anderen Rollen sind mehrfach besetzt. Kara Leva, die als Brünn­hilde und Rhein­tochter auftritt, erscheint in detail­ver­liebtem, weiß-goldenem Gewand mit güldenem, geflü­geltem Walküren-Helm. Besonders in der Abschieds­szene zwischen Wotan und Brünn­hilde fallen die kultu­rellen Unter­schiede kaum auf – hier spricht die univer­selle Sprache des Herzens – beide Charaktere sind sehr anrührend, ohne je ins Kitschige zu gleiten. Zhang Lei hat die sehr dankbaren Rollen der Bösewichte Alberich und Gunter. Beide Rollen ergänzt er durch starke panto­mi­mische und akroba­tische Kompo­nenten, die der Komik nicht entbehren. Die zarte Jiang Meiyi verkörpert Freia, Sieglinde und Gutrune. Sie darf sehr feminine und elegante Kostüme tragen, die – zusammen mit ihrer Falsett­stimme – zu ihrer Inter­pre­tation der jungen Unschul­digen beitragen. Zhang He ist Siegfried, Hunding und Riese und beein­druckt primär mit seinen Kampf­künsten. In seinen Rollen als Hagen, Siegmund, Drache und Riese sticht die Körper­sprache von Mattis Nolte in seiner eindeu­tigen expres­siven Westlichkeit hervor.

Das Epos um Macht, Liebe und Vernichtung wird diese Inter­pre­tation überstehen, wenn nicht gar um eine weitere Sicht­weise berei­chern. Ein Gastspiel in der Elbphil­har­monie im April 2020 ist fest einge­plant. Weitere Daten – auch in China – sind vorgesehen.

Einhel­liger Applaus für die Solisten und der Produktion.

Zenaida des Aubris

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