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Das Musical Cabaret von John Kander beschreibt das Aufkommen des Nationalsozialismus aus dem Blickwinkel des Amerikaners Clifford Bradshaw. Er ist das Alter Ego des Schriftstellers Christopher Isherwood, der Anfang der 1930-er Jahre zeitweise in Berlin lebte und seine Beobachtungen in dem Roman Leb wohl Berlin zusammenfasste. Im Fokus stehen die Bewohner einer Pension, in der sich Bradshaw einmietet: ein Mikrokosmos von Durchschnittsbürgern, die alle nicht auf Rosen gebettet sind. Ablenkung von der rauen Wirklichkeit bieten anrüchige Etablissements, wie der Kit-Kat-Klub, wo Bradshaw die Sängerin Sally Bowles trifft und mit ihr eine Liebesbeziehung beginnt, die aus persönlichen und politischen Gründen scheitert.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
In der Neuinszenierung des Potsdamer Hans-Otto-Theaters setzt der Ausstatter Friedrich Eggert auf Kontraste. Ein roter Vorhang mit schwarzen Zackenmustern und knallige, opulente Kostüme entsprechen der Atmosphäre des anrüchigen Kit-Kat-Clubs. Grau in grau sind dagegen die Pensionszimmer gehalten. Regisseur Bernd Mottl aktualisiert das Stück nicht, lässt es aber durch die psychologisch ausgefeilte Personenführung und neu gesetzte Akzente in frischem Licht erscheinen. Die Kit-Kat-Truppe besteht aus Girls und Boys, der Conférencier, den Philipp Mauritz als traurigen Clown mit aggressiven Untertönen gibt, hat etwas geschlechtlich Zweideutiges. Cliff, von Arne Lenk mit sympathischer Ausstrahlung gespielt, zeigt Interesse an Männern, was auf die Homosexualität Isherwoods verweist. Während der Autor seine Erinnerungen aufschreibt, werden Szenen aus dem Kit-Kat-Club eingeblendet – ein suggestiver Regieeinfall. Ein starkes Bild findet Mottl auch für die Zerstörung des Obstladens: Die Pension fällt zusammen und dahinter wird ein flammendroter Himmel sichtbar, davor ein vergrößerter, aber geborstener Zacken des Vorhangmusters – wie ein Fanal der beginnenden Pogrome. Am Ende treten die Akteure aus ihren Rollen. Mit Ausnahme von Sally, die ihr Revuekostüm anbehält und in einer Scheinwelt verbleiben will, wenden sie sich direkt ans Publikum und zitieren Sprüche der AFD. Es ist ein bedrückender Moment, weil er die Aktualität des Musicals unterstreicht.

Maria-Danaé Bansen, die die Sally bereits in Regensburg erfolgreich verkörpert hat, überrumpelt mit der Intensität und Glaubwürdigkeit ihrer Darstellung auch das Potsdamer Publikum. Sie ist eine bindungsscheue, junge Frau, die keine wahren Gefühle an sich heranlassen will, aber ihre Verletzlichkeit nicht immer verbergen kann. Der ganze Körper ist in Bewegung, wenn sie wie aufgezogen über die Bühne wirbelt: Ein Energiebündel, dass in den Showteilen zu bestechender Form aufläuft. Wie sie mit schier grenzenloser, facettenreicher Stimme ihre Soli singt und dazu perfekt tanzt, das hat ganz große Klasse. Kristin Muthwill ist als Fräulein Schneider jünger als gewohnt besetzt, doch in ihrer verhärmten Altjüngferlichkeit, die sich in einer Mischung aus Ruppig- und Zärtlichkeit ausdrückt, absolut glaubwürdig. Sie kämpft um ihre Existenz und verzichtet dafür auf persönliches Glück. Was bedeutet, den jüdischen Gemüsehändler Schultz nicht zu heiraten, wie sie in trotziger Resignation in What would you do besingt. Andreas Spaniol spielt ihn auf anrührende Weise: erst unbeholfen in seinem schüchternen Werben, dann fassungslos in der Verzweiflung.
Tänzerisches Können demonstriert das Kit-Kat-Quartett in der erotisch aufgeladenen Choreografie von Hakan T. Aslan. Zu einem Höhepunkt wird der Money, Money- Song, den die vier, ausstaffiert wie Spekulanten aus verschiedenen Ländern, als Groteske über die Macht des Geldes vorführen. John Kanders Musiknummern verlieren auch in Chris Walkers reduziertem Instrumentalarrangement nicht ihre Wirkung, zumal die von Matthias Binner geleitete Combo schmissig aufspielt.
Die Begeisterung im Hans-Otto-Theater ist nach der ausverkauften Premiere groß. Die Aufführung dürfte sich zum Kassenschlager entwickeln. Dass sie auch im benachbarten Berlin wahrgenommen wird, kann man getrost prognostizieren.
Karin Coper