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Europa flüchtet

L’EUROPA
(Alessandro Melani)

Besuch am
15. Juni 2018
(Premiere am 14. Juni 2018)

 

Musik­fest­spiele Potsdam, Neue Kammern

Vor unseren Augen wird Europa verge­waltigt. Schonungslos, brutal ist die Szene und sie spielt direkt vor dem Publikum, das sich in der prunk­vollen Ovid-Galerie in den Neuen Kammern, dem Gäste­schloss von Sanssouci, zu einer vermeintlich erquick­lichen Barockoper einge­funden hat. Tatsächlich fängt der Abend ganz heiter an. Zu den Klängen von Georg Muffats Europa­suite Fasci­culus I: Nobilis juventus, die in sieben Sätzen durch verschiedene Nationen führt, verteilt der Erzähler Michael Ihnow an das Publikum Flugti­ckets in die entspre­chenden Länder. Dazu erzählt er in launigem Ton, wie reise­freudig die Deutschen sind. Doch dann kippt die Stimmung. Nicht mehr vom vergnüg­lichen Fernweh ist die Rede, sondern von Flucht, Vertreibung und den Folgen, ein Thema also, das ganz Europa in diesen Tagen bestimmt. Und das die diesjäh­rigen Musik­fest­spiele Potsdam in ihrer ersten Opern­pro­duktion aufgreifen.

Gespielt wird L’Europa, ein Musik­theater-Pasticcio aus Texten, Instru­men­tal­ein­lagen und der gleich­na­migen Kurzoper von Alessandro Melani im Zentrum, die ursprünglich als Prolog zu einem kaiser­lichen Rossballett 1667 in Wien gedacht war. Basis ist die griechische Sage von der phöni­zi­schen Königs­tochter Europa, die vom Götter­vater Jupiter in Gestalt eines Stieres geraubt und nach Kreta gebracht wird, wo sie dem neuen Erdteil ihren Namen gibt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Regis­seurin Deda Christina Colonna und Dramaturg Thomas Höft, gleich­zeitig der Autor der Zwischen­texte, holen den Mythos in die Gegenwart. Alfred Peter hat den Saalboden mit einem braun­weißen Belag bedeckt, der das Stierfell Jupiters symbo­li­siert, aber genauso das bewegte, schlammige Meer sein könnte. Wenn das Publikum eintrifft, liegt am Eingang bereits eine Frau – es ist Europa – unter ein paar Habse­lig­keiten, in der Mitte der Spiel­fläche sitzt ein Mann im Anzug und taxiert sie. Die junge Geflüchtete trifft auf den schmie­rigen Zuhälter Amor, der sie an Jupiter verscha­chert. Ihre Gegenwehr nützt nichts. Am Ende passt sie sich den Macht­ver­hält­nissen an. Gemeinsam mit Amor tritt sie aus einer Riesen­ein­kaufstüte mit der Aufschrift Europa heraus. Sie hat ihre einfache Kleidung abgelegt, trägt nun Stöckel­schuhe und ein Trikot, das mit der Karte des Erdteils bedruckt ist.

Foto © Stefan Gloede

Wie Deda Christina Colonna aus dem Europa-Mythos den Leidensweg einer Migrantin geformt hat, funktio­niert, ohne aufge­setzt zu wirken, erstaunlich gut – und ist im Libretto durchaus angelegt. Was stört, sind manche betrof­fen­heits­schwangere Zwischen­texte über das Flücht­lings­elend, und warum der Erzähler in Frauen­kleidung auftritt, erschließt sich auch nicht.

Musika­lisch beglückt der Abend ohne Abstriche. Das Gesangstrio lässt sich bewun­dernswert auf das Insze­nie­rungs­konzept ein und singt dabei fabelhaft. Besonders Roberta Mameli gibt der Europa eine stimm­liche Inten­sität und Emotio­na­lität, die berührt. Der Counter­tenor Nicholas Tamagna lässt als fieser Amor geschmeidige Kolora­turen hören, während Renato Dolcini den Giove mit entspre­chend markantem Bariton ausstattet.

Die Neue Hofka­pelle Graz, deren Mitglieder passen­der­weise in schlichte orien­ta­lische Kluft gekleidet sind, lässt sich von der Vitalität ihres musika­li­schen Leiters Michael Hell, der zwischen­durch auch zur Block­flöte greift, anstecken und fesselt durch ihr energe­ti­sches, fein austa­riertes Spiel.

Großer Beifall nach der ausver­kauften Vorstellung für eine verstö­rende Barockvergegenwärtigung.

Karin Coper

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