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Ein Theater ruft die Bevölkerung dazu auf, Plastikmüll dort abzugeben. Man benötige ihn für eine Inszenierung. Worauf die Leute unerwartet positiv und mit einem Ansturm auf diese Art von Wiederverwertung reagieren. So geschehen im Teatr Wielki in Poznań im Vorfeld der Uraufführung der Oper Anhelli von Dariusz Pzybylski. Doch damit nicht genug. Wer eine Aufführung besuchen möchte, wird beim Erwerb der Karten gebeten, in weißer Kleidung zu erscheinen oder sich im Foyer entsprechend ausstatten zu lassen. Wenn man dann den Zuschauerraum betritt – bei freier Platzwahl im Parkett, Rang oder auf der Hinterbühne, wobei ein Programmheftzettel über den inhaltlichen Hintergrund der drei möglichen Perspektiven aufklärt – wird verständlich, was die Maskerade bedeutet: Wir sind Teil der Inszenierung eines Stückes, das uns nach Sibirien führt, in eine unwirtliche Gegend aus Eis und Schnee.
Vorlage ist das 1838 veröffentlichte Poem Anhelli von Juliusz Słowacki, einem der wichtigsten polnischen Dichter der Frühromantik. Es handelt von der Wanderung des Titelhelden durch die sibirische Kargheit, bei der er mit vereinsamten Menschen und Umweltzerstörung konfrontiert wird. Ein Schamane wird Anhellis Lehrer. Doch kann er ihm auf seiner Suche nach Lebenssinn und Frieden nicht helfen. Einzig Ellenai, ein Engel, verspricht ihm flüchtige Ruhe. Aber auch er verschwindet.

In der musiktheatralischen Fassung des Komponisten Dariusz Pzybylski, die er gemeinsam mit der Regisseurin Margo Zālīte und der Ausstatterin Dorota Karolczak konzipiert hat, wird Anhelli zu einem Gesamtkunstwerk aus Musik, Bewegung und Ausstattung. Die Bühne stellt eine verstörende Landschaft dar: Spiegel suggerieren Eisberge, umgekehrt herabhängende Kirchenumrisse werden zu Speerspitzen, Lichtwechsel sorgen für gegensätzliche Stimmungen. Mittendrin lagert der weißgekleidete Chor, eine mal lethargisch, mal bedrohliche Gesellschaft. Drei weibliche Vögel, in deren Kostüme ausrangierter Plastikmüll eingearbeitet ist, kommentieren das Geschehen. Hinzu kommt eine erhöhte Spielfläche im Parkett, die mit kleinen Weltkugeln bestückt ist, und auf der Schlagzeugerinnen, in üppigen rosafarbenen Rokokoroben mit Allonge-Perücken sitzen. Es passiert viel in dieser noch nicht einmal neunzig Minuten dauernden Aufführung. Sie wird von optischem Überfluss und bildstarken Assoziationen an Sibirien beherrscht: solche wie die Pferdesilhouette, die zu reiten scheint, die Fische, die von Menschenhand bewegt werden oder die angedeuteten Opferrituale.
Pzybylski illustriert das Geschehen mit chorischen Vokalisen und irisierenden Orchesterflächen. Naturgeräusche spielen eine wichtige Rolle: Wind, Schnee, Sturm und Tierlaute sind klanglich integriert. Dirigent Grzegorz Wierus hält vom Orchestergraben aus alle Fäden souverän zusammen. Fabelhaftes leistet auch der von Mariusz Otto einstudierte Chor, der seinen umfangreichen Aufgaben mit kultivierter Stimmgewalt und dynamischen Kontrasten gerecht wird. Jan Jakub Monowid als Anhelli und Jaromir Trafankowski als Shaman verleihen ihren Rollen starke Präsenz. Den spektakulärsten Auftritt hat Joanna Freszel, die als Ellenai im goldenen, hautengen Anzug auf einem Reifen heruntergelassen wird und dabei ihre melodischen Phrasen berückend schön singt. Auch das Finale gehört ihr. Von der Proszeniumsloge aus entschwindet sie ins Freie, zu immer schwächer werdendem Vogelgezwitscher.
Anhelli gewährt einen düsteren Blick in die Gegenwart, doch glimmt mittendrin auch Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf. Wenn nämlich einige Kinder in bunter Alltagskleidung auftreten und Schilder mit dem Slogan How dare you in Anlehnung an das Zitat der Klimaaktivistin Greta Thunberg hochhalten. Nach der herzlich aufgenommenen Premiere bekommen die Mitwirkenden nicht nur die obligatorischen Blumen überreicht, sondern auch Äpfel – ein schöner Fingerzeig auf die zu bewahrende Natur.
Bleibt eine Frage: Warum Anhelli angesichts des enormen Aufwands in dieser Saison nur zwei Mal, die Premiere eingeschlossen, gespielt wird.
Karin Coper