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Weiß sind alle meine Kleider

ANHELLI
(Dariusz Pzybylski)

Besuch am
6. Dezember 2019
(Urauf­führung)

 

Teatr Wielki Poznań

Ein Theater ruft die Bevöl­kerung dazu auf, Plastikmüll dort abzugeben. Man benötige ihn für eine Insze­nierung. Worauf die Leute unerwartet positiv und mit einem Ansturm auf diese Art von Wieder­ver­wertung reagieren. So geschehen im Teatr Wielki in Poznań im Vorfeld der Urauf­führung der Oper Anhelli von Dariusz Pzybylski. Doch damit nicht genug. Wer eine Aufführung besuchen möchte, wird beim Erwerb der Karten gebeten, in weißer Kleidung zu erscheinen oder sich im Foyer entspre­chend ausstatten zu lassen. Wenn man dann den Zuschau­erraum betritt – bei freier Platzwahl im Parkett, Rang oder auf der Hinter­bühne, wobei ein Programm­heft­zettel über den inhalt­lichen Hinter­grund der drei möglichen Perspek­tiven aufklärt – wird verständlich, was die Maskerade bedeutet: Wir sind Teil der Insze­nierung eines Stückes, das uns nach Sibirien führt, in eine unwirt­liche Gegend aus Eis und Schnee.

Vorlage ist das 1838 veröf­fent­lichte Poem Anhelli von Juliusz Słowacki, einem der wichtigsten polni­schen Dichter der Frühro­mantik. Es handelt von der Wanderung des Titel­helden durch die sibirische Kargheit, bei der er mit verein­samten Menschen und Umwelt­zer­störung konfron­tiert wird. Ein Schamane wird Anhellis Lehrer. Doch kann er ihm auf seiner Suche nach Lebenssinn und Frieden nicht helfen. Einzig Ellenai, ein Engel, verspricht ihm flüchtige Ruhe. Aber auch er verschwindet.

Foto © Bartek Barczyk

In der musik­thea­tra­li­schen Fassung des Kompo­nisten Dariusz Pzybylski, die er gemeinsam mit der Regis­seurin Margo Zālīte und der Ausstat­terin Dorota Karolczak konzi­piert hat, wird Anhelli zu einem Gesamt­kunstwerk aus Musik, Bewegung und Ausstattung. Die Bühne stellt eine verstö­rende Landschaft dar: Spiegel sugge­rieren Eisberge, umgekehrt herab­hän­gende Kirchen­um­risse werden zu Speer­spitzen, Licht­wechsel sorgen für gegen­sätz­liche Stimmungen. Mittendrin lagert der weißge­kleidete Chor, eine mal lethar­gisch, mal bedroh­liche Gesell­schaft. Drei weibliche Vögel, in deren Kostüme ausran­gierter Plastikmüll einge­ar­beitet ist, kommen­tieren das Geschehen. Hinzu kommt eine erhöhte Spiel­fläche im Parkett, die mit kleinen Weltkugeln bestückt ist, und auf der Schlag­zeu­ge­rinnen, in üppigen rosafar­benen Rokokoroben mit Allonge-Perücken sitzen. Es passiert viel in dieser noch nicht einmal neunzig Minuten dauernden Aufführung. Sie wird von optischem Überfluss und bildstarken Assozia­tionen an Sibirien beherrscht: solche wie die Pferde­sil­houette, die zu reiten scheint, die Fische, die von Menschenhand bewegt werden oder die angedeu­teten Opferrituale.

Pzybylski illus­triert das Geschehen mit chori­schen Vokalisen und irisie­renden Orches­ter­flächen. Natur­ge­räusche spielen eine wichtige Rolle: Wind, Schnee, Sturm und Tierlaute sind klanglich integriert. Dirigent Grzegorz Wierus hält vom Orches­ter­graben aus alle Fäden souverän zusammen. Fabel­haftes leistet auch der von Mariusz Otto einstu­dierte Chor, der seinen umfang­reichen Aufgaben mit kulti­vierter Stimm­gewalt und dynami­schen Kontrasten gerecht wird. Jan Jakub Monowid als Anhelli und Jaromir Trafan­kowski als Shaman verleihen ihren Rollen starke Präsenz. Den spekta­ku­lärsten Auftritt hat Joanna Freszel, die als Ellenai im goldenen, hautengen Anzug auf einem Reifen herun­ter­ge­lassen wird und dabei ihre melodi­schen Phrasen berückend schön singt. Auch das Finale gehört ihr. Von der Prosze­ni­umsloge aus entschwindet sie ins Freie, zu immer schwächer werdendem Vogelgezwitscher.

Anhelli gewährt einen düsteren Blick in die Gegenwart, doch glimmt mittendrin auch Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf. Wenn nämlich einige Kinder in bunter Alltags­kleidung auftreten und Schilder mit dem Slogan How dare you in Anlehnung an das Zitat der Klima­ak­ti­vistin Greta Thunberg hochhalten. Nach der herzlich aufge­nom­menen Premiere bekommen die Mitwir­kenden nicht nur die obliga­to­ri­schen Blumen überreicht, sondern auch Äpfel – ein schöner Fingerzeig auf die zu bewah­rende Natur.

Bleibt eine Frage: Warum Anhelli angesichts des enormen Aufwands in dieser Saison nur zwei Mal, die Premiere einge­schlossen, gespielt wird.

Karin Coper

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