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DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG
(Richard Wagner)
Besuch am
4. März 2018
(Premiere)
Die letzte Wagner-Inszenierung im Teatr Wielki in Poznan liegt fünf Jahre zurück. Es war der Parsifal, den das angesagte dänische Künstlerkollektiv Hotel Pro Forma sehr eigenwillig auf die Bühne brachte und der bis heute auf dem Spielplan steht. Nun hat Intendantin Renata Borowska-Juszczyńska für den nächsten Wagner-Coup gesorgt und Die Meistersinger von Nürnberg angesetzt. Das ist nicht nur aus musikalischen Gründen ambitioniert, sondern aus politischen auch mutig. Denn Wagners Opern sind auf Polens Bühnen seit dem Zweiten Weltkrieg durch die Vereinnahmung des Komponisten durch die Nationalsozialisten belastet – wie Jacek Marczyński in seinem aufschlussreichen Artikel im Programmbuch beschreibt. Es ist die erste Aufführung dieser Oper in ganz Polen nach über 100 Jahren und dementsprechend groß ist das Aufsehen. Die deutsche Botschafterin gehört zu den Gästen, gekommen sind Mitglieder des Leipziger Wagnerverbands und der Initiative Nachbarn in Europa, die sich für eine Verbesserung der polnisch-deutschen Beziehungen einsetzt. Und auch das Fernsehen ist dabei: ein Kamerateam filmt das Ganze für das Kulturmagazin von 3sat.
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In der Regie von Michael Sturm spielen weder politische noch gesellschaftliche Dimensionen eine Rolle und auch nicht ein pittoreskes Nürnberg. Sturms Inszenierung will eine Reflektion über Kunst sein. Dafür hat Matthias Engelmann einen blau ausgeschlagenen, nach hinten sich verengenden Raum entworfen, den eine übergroße weiße Tür abschließt. Zahlreiche allegorische und mythische Figuren bevölkern die Bühne, auch lebendig gewordene Kunstwerke, wie Albrecht Dürers Adam und Eva und eine Putte aus seiner Melancolia. Selbst Wagner ist in persona präsent. Erst beim vergeblichen Versuch, als Statue einen Sockel zu erklimmen, später nur als abgeschlagener Kopf, wie das Haupt des Jochanaan, auf dem Boden liegend.

Vieles ist verrätselt an diesem Abend. Beckmesser erscheint wie ein Zauberer in schwarzglitzerndem Mantel, während Eva mit flammend roten Zöpfen und übergroßer Schleife und Walther, der wie ein Naturbursche agiert, in ihrer Aufmachung an Kasperletheater erinnern. Hingegen tragen die Meister Gesichtsmasken und rote Hände, sind genauso entindividualisiert wie der einheitlich gewandete Chor: rot in der Kirche und weiß beim Festbild. Nur Sachs ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, der durch Kunst Neues bewegen will. Aber vergeblich. Zur Schlusshymne beginnen alle im Gleichschritt zu marschieren, während Sachs verzweifelt in der Menge verschwindet. Vielleicht war ja alles nur ein Hirngespinst des Schusters oder gar Wahnsinn. Dieses Wort nämlich, zweigeteilt in Wahn und Sinn, leuchtet während der ersten zwei Akte in großen Buchstaben von den Wänden herab. Die Inszenierung bietet starke optische Reize und schafft einen künstlichen, symbolreichen Kosmos, der für unterschiedlichste Fantasien und Assoziationen offen ist. Nur: Eine Geschichte wird nicht erzählt. Was zur Frage führt, ob solch gedanklich überfrachtete Inszenierung für ein Publikum, das das Werk erst kennenlernen muß, als Einstieg geeignet ist.
Die Aufführung ist auch auf Wunsch des Generalmusikdirektors Gabriel Chmura zustandegekommen. Er rechtfertigt die Entscheidung mit einer wohldurchdachten, die polyphonen Strukturen beachtenden Interpretation, die das Orchester mit warmem Klang und flexiblem Spiel aufnimmt. Einziger Makel: Es übertönt manchmal die Solisten. Nicht aber den von Mariusz Otto bestens präparierten Chor. Er singt einfach prächtig, homogen und opulent.
Bis auf drei Ausnahmen sind die Solisten mit polnischen Sängern besetzt. Sie nähern sich mit großem Respekt ihren Partien an, doch merkt man die mangelnde Vertrautheit mit den Tücken des Wagnerstils und des Textes. Immerhin lässt der schön konturierte Bariton von Szymon Mechliński als Kothner aufhorchen. Was Erfahrung ausmacht, kann man bei Frank van Hove erleben. Er ist ein großartiger Sachs, stimmlich ausgewogen und plastisch artikulierend. Auch der als Beckmesser kurzfristig eingesprungene Bjǿrn Waag überzeugt durch eine ausgefeilte vokale Gestaltung und seine behände Darstellung. Weniger Glück dagegen ist Christian Voigt als Walther von Stolzing beschieden. Der Tenor ist an diesem Abend nicht gut disponiert und sein eigentlich schönes Timbre kommt nur in einigen Passagen zur Geltung.
Großer Applaus für die Sänger, Bravos und Buhs für Regisseur und Bühnenbildner im ausverkauften Teatr Wielki.
Karin Coper