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FRÜHJAHRSKONZERT
(John Rutter, Martín Palmeri)
Besuch am
11. Mai 2024
(Einmalige Aufführung)
Manchmal passieren im Leben Geschichten, die kein Schriftsteller verwendete, weil er wüsste, dass sein Lektor sie sofort streicht. „Das glaubt Dir kein Mensch. Lass das weg!“ Vor einem Jahr fand in der Stadthalle Ratingen das Jubiläumskonzert des Konzertchors Ratingen statt, bei dem es heiß herging. Offenbar hatte die Haustechnik die Heizung nicht im Griff. Ein Jahr und vier Tage später findet heute das Frühjahrskonzert bei moderaten Außentemperaturen von um die 20 °C statt. Und die Halle heizt so weit auf, dass dieses Mal sogar ein Chorist einen Schwächeanfall erleidet. Da kann man fast von Glück reden, dass in diesem Jahr etliche Sitzreihen frei bleiben.

Und nein, es liegt nicht an der Musik, auch wenn es „heiß“ hergeht. Der Konzertchor Ratingen hat sich für zwei Werke aus den Jahren 1990 und 1996 entschieden, die mit lateinamerikanischem Temperament daherkommen. Es geht bei gemäßigten Raumtemperaturen los mit dem Magnificat von John Rutter. Man spürt die Vorfreude des Chors schon bei der Aufstellung. Vor ihm nimmt wie gewohnt die Sinfonietta Ratingen Platz, das Orchester, das bedarfsgemäß zusammengestellt wird und immer wieder durch seine Spielfreude auffällt. Als Grundlage des Chorwerks, das Rutter im Auftrag eines amerikanischen Konzertveranstalters für die Carnegie Hall in New York für etwa 200 Stimmen komponierte, wählte er das Magnificat als einen von drei Gesängen des Neuen Testaments, den Maria beim Besuch ihrer Cousine Elisabet vorträgt. Eingeflochten in den Text hat der Komponist den Beginn des Sanctus und das lateinische Gebet Sancta Maria, succure miseris – Heilige Maria, hilf den Bedürftigen. Ergänzt hat er das Magnificat um das Gedicht Of a Rose, a Lovely Rose aus dem 15. Jahrhundert, das Maria mit einer Rose vergleicht. Anschließend hat er das Werk in eine singbare englische Version gebracht.
Maria berichtet Elisabet von der bevorstehenden Geburt ihres Kindes, also einem erfreulichen Ereignis. Das soll sich nach Rutters Verständnis auch in der Musik widerspiegeln. Und so greift er zu lateinamerikanischen Rhythmen bis hin zum Huapango, einem Tanz, den schon Leonard Bernstein 1957 für I like to be in America in der West Side Story verwendet hat. Damit ist der Duktus der Musik vorgegeben, auch wenn er immer wieder neue Ideen für jeden der sieben Sätze findet. Abgerundet wird die Freude in der Musik durch den Einsatz einer Sopranistin, die die Rolle der Maria übernimmt. Ideal ausgefüllt wird die von Sabine Schneider. Thomas Gabrisch, künstlerischer Leiter des Chors, hat die musikalische Leitung inne und sich fest vorgenommen, das Publikum mit einem Höchstmaß an Energie zu begeistern. Das gelingt ihm vorbildlich, und so sind die Besucher verzückt, als sie in der Pause ins Freie flüchten, um etwas Abkühlung zu finden.

Gerade mal sechs Jahre jünger ist das Werk von Martín Palmeri, das unter den Namen Misa a Buenos Aires, Misa Tango oder Misatango inzwischen weltberühmt ist. Ein Stück für Sopran, gemischten Chor, Bandoneon, Klavier und Streichorchester, ebenfalls etwa 40 Minuten lang. Der Konzertchor Ratingen hat das Werk im Stil des Tango Nuevo bereits am 12. Oktober 2019 aufgeführt, damals mit dem Bandoneon-Spieler Stephan Langenberg und Sukyeon Kim am Flügel. Wer sich auf ein Wiedersehen mit dem Akkordeonisten gefreut hat, wird enttäuscht. Statt des charismatischen Musikers sitzt jetzt Marlène Clément auf der Bühne „in zweiter Reihe“, deren Spiel mit Sicherheit nicht einen Deut schlechter ist, aber in der neuen Position an Wirkung verliert. Großartig ausbalanciert ist der Klang des abgedeckten Flügels im Gesamtapparat. Und so ist es Soomija Park, herausragende Pianistin und Dozentin für Klavier an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf, ein sichtliches Vergnügen, die richtigen Akzente zu setzen. Prächtig unterstützt vom Ersten Kontrabassisten der Düsseldorfer Symphoniker, Vlado Zatko, der lustvoll in die Saiten greift. Wieder mit dabei ist Agnes Lipka, die das Publikum schon bei ihrem ersten Auftritt begeistern konnte. Auch hier befeuert Gabrisch Chor und Orchester zu wahren Höhenflügen, so dass auch dieses Mal das Publikum nichts auf den Sitzen hält, um stürmisch zu applaudieren.
Die Zugabe bleibt dieselbe. Strahlend erklingt der Schluss des Gloria erneut, jetzt – isoliert vorgetragen – noch stärker in der Wirkung. Da gibt es dann auch Bravo-Rufe. Zwei Stunden dauert der wunderbare Abend einschließlich Pause und hat damit genau die richtige Länge, um trotz der Hitze den Saal nicht völlig erschlagen, sondern voller Vorfreude auf den Frühling zu verlassen.
Michael S. Zerban