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Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Auf dem Altar der Naturverbundenheit

DIE JAHRESZEITEN
(Joseph Haydn)

Besuch am
5. Oktober 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Stadt­halle Ratingen

Komm, holder Lenz, des Himmels Gabe komm! Mit Vehemenz und Frohsinn begrüßt das Landvolk den Frühling. Die Frauen singen von der erwachenden Natur, die Männer warnen, nicht allzu früh zu frohlocken, da der Winter mit seinem „starren Gift“ immer noch zurück­kommen könne. Auf die Sekunde ist der Konzertchor Ratingen präsent und verspricht, seinen Teil zum Gelingen seines Herbst­kon­zerts in der Stadt­halle Ratingen mit einer Aufführung des Orato­riums Die Jahres­zeiten von Joseph Haydn beizu­tragen. Was prächtig gelingt und ein Stück über die befremd­liche Atmosphäre hinweg­hilft, die unwei­gerlich den Besucher von Auswärts angesichts der Beton­ar­chi­tektur aus den 1970-er Jahren ergreift.

Ein Jahr nach dem 50-jährigen Bestehen des als Chor ’73 gegrün­deten Vokal­ensembles, gefeiert mit einem Galakonzert in der Stadt­halle und einer Aufführung des Brahms-Requiems in der Düssel­dorfer Tonhalle, nun also das letzte der vier Haydn-Oratorien auf einen Text des Präfekten der Wiener Hofbi­bliothek, Baron von Swieten. 1801 wird die Kompo­sition für Orchester, Chor und Solisten in Wien urauf­ge­führt, ohne, wie sich schon bald zeigt, an den Erfolg des vorher­ge­henden Orato­riums Die Schöpfung von 1798 anknüpfen zu können.

Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Die vier in sich geschlos­senen Kantaten scheinen unter keinem guten Stern zu stehen. Haydn plagt sich mit gesund­heit­lichen Problemen und dem Mangel an Poesie im Libretto. Mehr noch. Der Komponist, den es 1790 nach dem Tod seines Dienst­herrn, des Fürsten Esterhazy, von Eisen­stadt und Esterháza nach Wien zieht, fremdelt auch mit dem fast ausschließlich auf den Jahres- und Tages­kreis bezogenen Thema. Haydn ist ein tiefgläu­biger Katholik, dessen Frömmigkeit auch in seinen Werken aufscheint. Die nur im Finalsatz auftau­chende Erinnerung an das „ewige Leben“, die mit einem zweifachen Amen des Chores ausklingt, korre­spon­diert nicht der Religio­sität seiner Schöpfung. Theologie ist seine Sache, Philo­sophie deutlich weniger.

Der Wechsel der Jahres­zeiten wird aus der Perspektive des Landvolks beschrieben, häufig in roman­ti­sie­render Naivität, wenn „froh der Ackermann zur Arbeit auf das Feld eilt und in langen Furchen dem Pfluge flötend nachschreitet“. Wortführer sind drei Solisten, der Pächter Simon, Bass, dessen Tochter Hanne, Sopran, und der junge Bauer Lukas, Tenor. In Rezita­tiven, Kavatinen und Arien schildern sie die Beson­der­heiten von Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die Fäden der Aufführung laufen bei Thomas Gabrisch zusammen, Künst­le­ri­scher Leiter des Ratinger Konzert­chors seit 2013, Professor für die Opern­klasse an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf

Kein Komponist des Barock wie der Vorklassik stellt so ausnehmend wie Haydn seine tiefe Liebe zur Natur in seinen Werken unter Beweis. Breitet sie förmlich auf dem Altar der Natur­ver­bun­denheit aus. Orches­ter­vor­spiele, mal düster im Übergang vom Winter zum Frühling, mal elegisch wie die Hinführung zum Sommer, mal tänze­risch wie die Schil­derung von reicher Ernte auf den Feldern wie bei der Jagd im Sommer malen die Jahres­zeiten wie mit Ölfarben gemalt stimmungsvoll aus. Es quakt der Frosch, umspielt vom Fagott, brüllt das Rind mit bleckender Posaune, ruft die Wachtel in Gestalt der sprit­zigen Flöte, ertönt froh im Grase das Piccolo-Zirpen der Grille.

Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Die Instru­men­ta­listen der Sinfo­nietta Ratingen, allesamt Profis ihres Metiers, machen sich einen Spaß daraus, und Gabrisch gibt ihnen den kreativen Raum, ebenso wie er den sinfo­ni­schen Teilen Linie und Format vermittelt. Die rhyth­mi­schen Passagen in dichter Korre­spondenz mit den Solisten und dem Chor, der zentralen Instanz der Aufführung, geraten packend, jeden­falls so intensiv, wie Haydns Wanderung durch Feld und Hain bis hin zum erhabenen Berg, für den sich die Himmels­pforten öffnen, nur ausfallen kann.

Das Vokal­ensemble in bunter, belie­biger Kleidung ist auf dem leicht erhöhten Podest hinter der Sinfo­nietta gut wahrzu­nehmen und zu hören. Es präsen­tiert sich in beacht­licher Tages­ver­fassung, gestaltet, mal als Mädchen und Burschen, mal als Landvolk, die wechselnden Stimmungs­land­schaften vehement und meistert die kompo­si­to­ri­schen Klippen wie das Chor-Fugato beim Abklingen des Gewitters vorzüglich. Im dynami­schen Finale kommt der Konzertchor hörbar an seine Grenzen. Gabrisch erweist sich hier als wahrer Chor-Konzert-Dirigent, mit präzisen Einsätzen, genauer Phrasie­rungs­gebung und Abschlägen für jede Stimm­gruppe. Häufig haben Konzert-Dirigenten eher ihr Orchester im Blick, bleibt der Chor stellen­weise sich selbst überlassen. Gabrisch zeigt, dass es anders geht, organischer.

Den drei Solisten sind Studien- und Ausbil­dungs­etappen an der Robert-Schumann-Hochschule gemeinsam. Als Lukas berührt Leonhard Reso mit gewin­nendem Timbre, subtiler Intonation und fließender durch­gän­giger Linie. Seine profunde Nähe zur musica sacra von Monte­verdi bis Rossini ist in jeder Note spürbar. Mit seiner markanten Stimme und seiner auch in den Kolora­turen manifesten Opulenz steht ihm Valentin Ruckebier als Simon nicht wirklich nach. Der erfahrene Lied‑, Oratorien- und Opern­sänger gehört seit diesem Jahr dem Ensemble der Deutschen Oper am Rhein an. Als Hanne ist Julia Wirth gewiss eine außer­or­dentlich talen­tierte Sängerin, die sich für Partien im veris­ti­schen Opernfach empfiehlt. Bedau­er­li­cher­weise macht sie den überzeu­genden Eindruck durch ein fortge­setztes unnatür­liches Vibrato phasen­weise selbst wieder zunichte. Wie die Partie mit gerader Linie angegangen werden kann, lässt sich zum Beispiel an der Art studieren, mit der Gundula Janowitz Hanne in der Aufnahme unter Karl Böhm inter­pre­tiert Die Einspielung liegt zwar mehr als 50 Jahre zurück, atmet gleichwohl die leichte Hand der Partitur Haydns.

Das Publikum in der Stadt­halle, die gut, aber nicht vollständig besetzt ist, feiert Instru­men­ta­listen und Vokalisten mit anhal­tendem großem Beifall. Das Ratinger Herbst­konzert 24 setzt die Schwelle für alles Kommende erfreulich hoch an. Gut so!

Ralf Siepmann

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