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WEIHNACHTSKONZERT DER STADT RATINGEN
(Konzertchor und Sinfonietta Ratingen)
Besuch am
23. Dezember 2017
2012 fasste die Stadt Ratingen den Beschluss, ein jährliches Weihnachtskonzert in der Stadthalle aufzuführen. Der Höseler Knabenchor unter Leitung von Thoralf Hildebrandt führte das Programm unter Mitwirkung wechselnder Solisten durch. In diesem Jahr wurde erstmalig der Konzertchor Ratingen beauftragt, das Konzert gemeinsam mit der Sinfonietta Ratingen zu gestalten. So sollen auch die übrigen Klangkörper der Stadt weiter in den Blickpunkt gerückt werden. Eine gute Entscheidung. Erfreuten sich die vorangegangenen Veranstaltungen schon großer Beliebtheit, zieht der Wechsel noch mehr Interesse auf sich. Obwohl die Lokalredaktion einer Tageszeitung darauf hinwies, dass das Weihnachtskonzert im Dumeklemmersaal der Stadthalle stattfinde, finden an diesem Abend doch annähernd 1.000 Menschen jeden Alters in den Suitbertus-Saal der Dumeklemmer-Halle. Damit ist die Halle ausverkauft.
Für den Konzertchor und die Sinfonietta, das ist das Orchester, das von Konzert zu Konzert bedarfsgerecht von Sabine Schneider zusammengestellt wird, ist es ein Heimspiel. Schließlich führt das Ensemble unter Leitung von Thomas Gabrisch seit einigen Jahren zweimal jährlich in der Stadthalle ein eigenes Konzert auf. Und trotzdem ist es diesmal ein bisschen anders. Vielleicht liegt es am Publikum, das jetzt nicht gekommen ist, um interessante Werke der Chorliteratur kennenzulernen, sondern in dem Besuch den Abschluss der Vorweihnachtshektik sieht und einfach nur entspannen will. Der Konzertchor hat seine Aufgabe verstanden und versucht, ein abwechslungsreiches Programm zusammenzustellen, das nicht die üblichen Klischees bedient und trotzdem einer breiten Mehrheit gefallen kann.
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Was sich leider nicht herumgesprochen hat, ist, dass die Kulturwelle des öffentlich-rechtlichen Hörfunksenders seit Wochen die Musik Johannes Sebastian Bachs rauf- und runterdudelt. Und so wird auch dieses Konzert mit Bach eröffnet. Immerhin bietet der Eingangschor Jauchzet, frohlocket! aus dem Weihnachtsoratorium einen kraftvollen Einstieg, mit dem der inzwischen wieder 80 Mitglieder umfassende Chor seine Präsenz zeigen kann. Anscheinend gehören die Ratinger nicht zum Stammpublikum des Senders, so dass sie Freude auch an Auszügen aus dem Magnificat finden.
Mit Wolfgang Amadeus Mozarts Motette Ave verum corpus aus dem Jahr 1791, die er für einen befreundeten Kantor in Baden bei Wien verfasste, löst sich der Chor allmählich – zumindest klanglich – aus den Fesseln der Kirchenmusik und erwärmt das weihnachtlich gestimmte Herz. Aber um das Überirdische eines Konzerts heraufzubeschwören, bedarf es eines anderen Instruments als Chor und Orchester, so gut sie auch immer singen und spielen mögen. Das wusste auch Georg Friedrich Händel schon, der mit seinem Harfenkonzert in B‑Dur 1736 eines der unter Harfenisten bis heute beliebtesten Stücke verfasste. Was auch daran liegen mag, dass es nicht so viele Konzerte bekannter Komponisten für die Harfe gibt.
Bereits im November vergangenen Jahres hatte Gabrisch seine Tochter Maria Luisa mit einem Harfen-Solo aus Camille Saint-Saëns Oratorio de Noël vorgestellt. Und mit ihrem Spiel das wenig fachkundige Publikum begeistern können. Im Sommer dieses Jahres legte Maria Luisa den „Fachkundenachweis“ nach: Im Bundeswettbewerb Jugend musiziert belegte sie den ersten Platz. So ganz trittfest will die 17-Jährige noch nicht auf die Bühne, aber kaum sitzt sie am Instrument, strahlt sie das Urvertrauen in den Vater und ihre eigenen Fähigkeiten aus. Hochkonzentriert und auswendig produziert sie serienweise schöne Läufe. Da wächst ein ganz großes Talent heran, und die Bürger seiner Heimatstadt dürfen es „hautnah“ erleben. Das ist schon etwas Besonderes. Und hat auch durchaus Weihnachtliches, wenn der Vater seine Tochter nicht freundlich als Solistin verabschiedet, sondern impulsiv vom Pult steigt und sie in den Arm nimmt. Nach Denn es ist uns ein Kind geboren und dem passenden Abschluss mit dem Hallelujah aus Händels Messiah geht es in die Pause.

Ein ausgesprochen glanzvoller Auftakt in den zweiten Teil gelingt Gabrisch mit Carl Otto Nicolais Weihnachtsouvertüre über den Choral Vom Himmel hoch. Auch wenn dem Komponisten als Verfechter italienischer Oper eine Abneigung gegen Richard Wagners Musik nachgesagt wird, ist diese Ouvertüre dem deutschen Komponisten ebenbürtig. Und der Dirigent setzt alles daran, das volle Klangbild aufleuchten zu lassen. Gabrisch, der sonst eher unterkühlte, „lässige“ im besten Sinne musikalische Leiter, legt hier eine Wucht an den Tag, die das Orchester zum Äußersten treibt. Hervorragend. Klar, dass Mendelssohn-Bartholdys Vom Himmel hoch nachgeschoben wird. Ob man an einem solchen Abend, der so immerhin die Länge von mehr als zweieinhalb Stunden erreicht, die gesamte Nussknacker-Suite präsentiert, ist diskutabel. Dafür spricht, dass Gabrisch das Orchester zu einer sehr akzentuierten, mitreißenden Spielweise motiviert, die das Werk wie frisch aus der Taufe gehoben erscheinen lässt – wenn es denn einen Tschaikowski heute gäbe.
Apropos heute: Auch Zeitgenössisches wird an diesem Abend präsentiert. Allerdings sind John Milford Rutters Chorgesänge Christmas lullaby, Mary’s lullaby und The Lord bless you and keep you derart süßlich und parfümiert, dass sie nach dem starken Verlauf des Abends nur noch wie Anhängsel wirken. Mit Tollite hostias aus dem bereits erwähnten Oratorio de Noël von Camille Saint-Saëns gelingt ein glorioser Abschluss eines wirklich rundherum gelungenen Abends.
Auch hier schließt der Abend mit einem gemeinschaftlich gesungenen Oh, du Fröhliche, ehe der Abend mit ausgiebigem Applaus endgültig endet. Sehr entspannt geht es dann nach Hause, dem Heiligen Abend entgegen.
Michael S. Zerban