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DAS HEERLAGER DER HEILIGEN
(Jean Raspail)
Besuch am
4. Mai 2019
(Uraufführung)
Da sitzt er, im feinen Zwirn, an einer festlich dekorierten Tafel mit sechs Gedecken, leicht flackern die Kerzen in den Leuchtern, noch sitzt der befrackte Herr Professor allein am Tisch und tafelt schweigend vor sich hin. Möchte man ihm da nicht Gesellschaft leisten, wie er da offensichtlich im Überfluss speist und sich langweilt? Der Gedanke verschwindet schnell, wenn man von ihm im Selbstgespräch und später, im Tafelgespräch mit drei weiteren Herren und zwei Damen erfährt, was ihn, was sie alle umtreibt: Ein Zug von fast einer Million Flüchtlingen aus Indien hat sich in Booten auf den Weg gemacht und schickt sich an, in Europa, genauer in Frankreich, an Land zu gehen, um dort ein neues, ein besseres Leben zu suchen und zu finden. Da bleibt selbst dieser versteckte Ort in den Schweizer Bergen kein „sicherer“ Ort mehr, obwohl der Flüchtlingstreck bis jetzt absolut friedlich verläuft. Doch diesem Frieden traut die hier versammelte „bessere Gesellschaft“ nicht, die sich im „Heerlager der Heiligen“ eine – hoffentlich – sichere und komfortable Bleibe eingerichtet hat und die Frage diskutiert: „Was können, was müssen wir tun?“
| Schauspiel | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Damit greifen sie die Frage auf, die Jean Raspail in seinem 1973 erschienenen Roman Das Heerlager der Heiligen ausführlich und facettenreich diskutiert und den man bis etwa 2015 als Zukunftsroman, als Vision zur Kenntnis genommen hat. Inzwischen hat ihn die Wirklichkeit in doppelter Hinsicht überholt: Zum einen haben nicht nur die Flüchtlinge aus Indien, sondern aus zahlreichen anderen Ländern Europa erreicht, zum anderen hat sich eine „Gegenbewegung“ auf den Weg gemacht, die in dem fiktiven Roman von Raspail geradezu eine, ihre „Bibel der neuen Rechten“ entdeckt hat und darin politische Antiargumente und Gegenstrategien zu finden hofft gegen die Überfremdung des weißen Europas.
Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer erkennt in der Vorlage „ein Psychogramm des nationalautoritären Denkens“, wie er es weltweit im Vormarsch sieht. Er war sich schnell mit der Dramaturgin Marion Tiedtke einig, dass man „dieses Buch auf die Bühne bringen muss“, um dem Publikum die Frage nach der „Reichweite von Mitleid“ und moralischer Verantwortung zu präsentieren.
Und so lässt er in seiner Inszenierung einer „extrem fremdenfeindlichen Fantasie“ alle „Instrumente“, alle Methoden und Argumente auftreten, die das rechte Spektrum heute anbietet. Von der Entwicklung einer „Willkommenskultur“ über Internierungen und Isolierungen bis hin zur Zurückweisung und – ja, auch das – Vernichtung durch Erschießen. Es gibt nichts, keine Variante der Abgrenzung und Abschottung, die das „Heerlager“ der sich verwöhnenden, weißen Wohlhabenden nicht zumindest heftig diskutiert und in Erwägung zieht und in der Geschichte als Anschauungsfeld nicht schon findet. Und so kann es eigentlich den Zuschauer nicht überraschen, dass als Dauerschriftband auf einem Fernseher ständig der Schriftzug „Der nationale Gedanke“ durchläuft. Es überrascht eher, dass dann gegen Schluss doch noch ein Uniformierter die Ausführung des Schießbefehls verweigert. Doch da wandelt sich das „Heerlager der Heiligen“, derjenigen, die sich auf der goldenen Seite des Lebens eingerichtet haben, in ein tatsächliches Heerlager. Die um ihren Sekt und den Kaviar bangenden Tafelgäste halten plötzlich alle Gewehre in der Hand, die sie sich von Personal haben reichen lassen, und erleben selbst das, was ihnen ihr „Sicherheitspersonal“ verweigerte.

Doch als eine der Damen eine im Vordergrund stehende Kiste öffnet, quellen hunderte von handgroßen Puppen – handgroßen Flüchtlingen – auf die Bühne und füllen dann doch die Szene … Wer die weltpolitischen Ereignisse der letzten Jahre verfolgt hat, wird überrascht sein, wie nahe wir dem Szenario schon gekommen sind: Raspails Roman erweist sich als „erschreckend seherisch“. Etwas drastischer noch der Satz von Heiner Müller, den die Veranstalter ihrem Programmheft voranstellen: „Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich leben kann in meiner Scheiße.“ Tiedtke sieht die Tischgesellschaft als „eine pervertierte Tradition der Aufklärung“, mit am Tisch sitzen die „Gespenster der Angst“.
Nach einer kurzen Pause der Besinnung setzt zögerlich und verhalten der Schlussapplaus ein, der vor allem den Schauspielern gilt. Dass die Romanvorlage genügend dramatischen Stoff bietet, um ihn auf die Bühne zu bringen, steht außer Frage. Auch die Umwandlung des visionären Riesenstoffes einer Massenflucht in ein Kammerspiel ist über weite Strecken gelungen. Michael Schütz als genussfreudiger Professor sowie Katharina Bach und Xenia Snagowski und Daniel Chistensen, Stefan Graf und Andreas Vögler spielen mit vollem Einsatz und häufig an der Grenze zur Satire. Zahlreiche Regieeinfälle – von den merkwürdigen Waschszenen bis zum Verschwinden einer der „Gäste“ im Kaminschornstein – bleiben selbst nach Lektüre des Programmheftes rätselhaft. Auch wenn Schmidt-Rahmer selbst in einem Interview klare Position bezieht, überlässt er die Alternative „Teilhabe gewähren oder Schießen“ dem Publikum. Der Aufführung gelingt es nur zum Teil, die „Tiefenstrukturen“ des Raspail-Romans sichtbar zu machen.
Ärgerlich in jedem Fall ist, dass es der Technik nicht gelingt, in dem ohnehin akustisch nicht einfachen „Kleinen Haus“ einen gut verständlichen Ton auf allen Plätzen sicherzustellen.
Horst Dichanz