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DIE VERLORENE OPER. RUHREPOS
(Thorleifur Örn Arnarsson, Albert Ostermaier)
Besuch am
13. Juni 2018
(Uraufführung)
Die für eine „Industrieoper“ 1927⁄28 vorgesehenen Autoren Brecht und Weill wollten sich durch einen Besuch vor Ort einen persönlichen Eindruck vom diesem Industriemoloch Ruhrgebiet verschaffen, auch der Isländer Thorleifur Arnarson und Albert Ostermaier aus München sind wohl mit dem Ruhrpott eher wenig vertraut. Zu einer Besichtigungsreise, die inkognito erfolgen sollte, ist es nicht gekommen …
Und auch auf das Ruhrepos, das ein „avantgardistisches Theaterprojekt episch-dokumentarischen Charakters“ hätte werden sollen, warten Theater und Publikum bis heute vergeblich – trotz der Uraufführung während der diesjährigen Ruhrfestspiele. Nur diejenigen Zuschauer, die das Beiheft sorgfältig vor der Aufführung studiert haben, werden nicht überrascht sein von der Perspektive, „was für ein Werk hätte das werden können“. Bis heute „lebt das Ruhrepos in den Köpfen weiter“…
Der mit vier Stunden zu lange Abend gliedert sich in zwei Teile: Der erste, größere Teil schildert ausführlich die bürokratisch-politisch-dramaturgischen Überlegungen und Verhandlungen, die zwischen Brecht und Weill einerseits und den Vertretern der Stadt Essen anderseits ausgetauscht wurden und schließlich zu der ernüchternden Mitteilung des Essener Beigeordneten Hüttner führten, „dass ein Auftrag zur Herstellung … des geplanten Ruhr-Epos vorerst nicht erteilt werden könne“.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Auf den verzwickten Fluren und einer ganzen Reihe von Bürokratiestationen vulgo Schreibtischen der damaligen Essener Stadtverwaltung sorgt eine ganze Schar von uniformen Bürokraten dafür, dass die Absichten des damaligen Oberbürgermeisters Franz Bracht langsam, aber sicher den normalen Verwaltungstod sterben. Das Ende der Tragödie können auch die zahlreichen, zum Teil durchaus witzigen Bemerkungen, Seitenhiebe und Regieeinfälle zu Elfriede Jelinek und der Jury der Mülheimer Stücketage, mit denen Ostermaier diese Verwaltungsgeschichte garniert, kaum verschönern – gut gemeint eben. Einem größeren Teil des Publikums reicht das nicht, sie suchen eine Linie, da helfen auch die Hintergrundpassagen des fleißigen Pianisten wenig – sie machen zur Pause „Schicht“.

Nach der Pause geht das „Epos“ weiter. Mit freien Texten und Gedichten präsentiert Ostermaier vertraute Mosaiksteine aus dem Pott: der einsame Kumpel, das Dunkel unter Tage, die Tauben im Schlag und beim Aufstieg, die Frage nach den Ewigkeitskosten, die zwischen Kohleindustrie und dem Land immer wieder hin und her geschoben werden. In Harlekin- und Clownskostümen verfremden die Schauspieler und eingespielte Barockmusik die Videoaufzeichnungen, die als Realaufnahmen im Hintergrund laufen, häufig übereinander kopiert und eine dichte Atmosphäre erzeugend. Kurze Interviewausschnitte aus einem Gespräch mit einem der letzten Bergleute vermitteln eine emotionale Stimmung, deren Authentizität berührt. Lebendig und wirkungsvoll gelingen häufig die Videoeinspielungen von Christian Schäfer und Jenny Kleemeyer, die Stimmungen und Sachverhalte einfangen. In einem manchmal bewegenden, langen Schlussmonolog gewährt Aljoscha Stadelmann den Zuschauern einen Blick in das Innere eines Bergmanns, der vor dem Ende seines Arbeitslebens steht.
Das Schlussbild wirkt zwiespältig: Wieder steigt ein großer Schwarm Brieftauben auf, die Vögel scherenschnittartig verfremdet, und nimmt immer mehr die Gestalt von Papierschnipseln an, die der Wind durch die Videoproduktion weht – die letzten Überbleibsel des Ruhrepos? Die Geschichte des Ruhrpotts, der Alltag der Menschen, die dort arbeiten und leben, bietet mehr als die Spots und Kurzgeschichten, die Ostermaier und Arnarsson dem Publikum präsentieren. Noch immer wartet die Theaterwelt auf die „Reformierung des Theaterbetriebes“, wie sie der damalige Essener Operndirektor Rudolf Schulz-Dornburgim Sinne hatte. Noch immer ist das Publikum gespannt, „was für ein Werk hätte das werden können“.
Auch wenn die Figuren zahlreiche Geschichten aus dem Bergmannsalltag erzählen und Videoclips oder dokumentarische Filmstreifen die Stimmung der arbeitslos werdenden Bergleute einfangen, die Kooperationsarbeit zwischen Recklinghausen und Hannosver reicht nicht für ein Ruhr-Epos aus.
Horst Dichanz