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Foto © Keith Pattison

Ein besseres Leben

A MAN OF GOOD HOPE
(Mandisi Dyantyis, Pauline Malefane)

Besuch am
23. Mai 2018
(Premiere)

 

Ruhrfest­spiele, Theater Marl

Asad, ein junger Somali, ist nicht der erste, der sich auf dem Weg in sein Traumland Südafrika buchstäblich eine blutige Nase holt. Nachdem er zig Grenzen überwunden, ungezählte Kontrollen überstanden und Hunderte von Rand oder Dollar in korrupte Hände gesteckt hat, weiß er, dass seine hoffnungs­volle Reise nach Südafrika keine Urlaubs­reise, sondern ein ständiger Kampf ums Überleben und Ankommen ist. Und auch in seinem Traumland begegnet er zunächst Gaunern und Schwindlern – das ganz normale Leben in diesem Kontinent, in dem der Rassismus Alltag und die Konkurrenz selbst unter Einwan­derern und Flücht­lingen überra­schend und furcht­erregend ist. Die Geschichte Asads, des „man of good hope“ im Roman von Jonny Steinberg „erzählt die Geschichte aller“.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Mark Dornford-May, Regie, und Pauline Malefane und Mandisi Dyantyis, Musik, brauchen hierzu keine Erzähler, sie vertrauen auf das, was das 25-köpfige Isango Ensemble Südafrika aus 6 Nationen seit 2000 probt und am besten kann, sie lassen die Musik, den Gesang erzählen. Und so gibt es kaum einen stillen Moment in dieser Insze­nierung. Ob es solis­tische Beiträge sind, kleine Gruppen oder das ganze Ensemble, das mit ungewohnt hellen Stimmen, meist in Sopran- oder Tenorlage, seine Geschichten erzählt, sie singen und tanzen. Obwohl die wenigsten von ihnen, die der musika­lische Leiter Dyantyis in der beein­dru­ckenden Chorkultur um Cape Town findet, eine musika­lische Ausbildung haben, musizieren hier keine Laien.

Foto © Keith Pattison

Beim musika­li­schen Erzählen ihrer Geschichte von Asad und seinen Erleb­nissen sind die Darsteller und Choristen wie Asad selbst immer in Bewegung. Da läuft ein verhal­tener, fast versteckter Rhythmus der Musik mit und nimmt die tanzenden Sänger – alle barfuß, versteht sich – mit auf die Reise, da steigern sich Rhythmus und Tempo der Instru­mente zu einem rasenden, zwingenden Beat, der an den Herzschlag des schwarzen Afrikas erinnert. Dyantyis setzt für die rhyth­mus­be­tonte Musik mehrere große Marimbas ein, die mal die Szene auf einen kaum hörbaren, weichen Grundton setzen, mal mit feurig-lautem Schlag die Bewegung der Sänger betonen. Immer wieder, wie Dyantyis betont, erzählen sie Asads Geschichte, seine Gefühle, die ihn schließlich im grauen Alltag der nahen Township Khaye­litsha stranden lassen.

Die Bühnen­ge­staltung und das von Mannie Manim  besorgte Licht passen sich der einfachen, aber eindrucks­vollen, oft bewegenden Erzähl­weise der Regie an. In einfachsten Versatz­stücken von Türrahmen erkennen die Zuschauer die nächste Grenze, Pappge­wehre  und imitierte Schüsse ersetzen martia­lische Militär­stücke. Drei bis vier dubiose Gestalten reichen aus, um eine wilde Solda­teska, einen fetten Zöllner oder korrupte Grenzer auf die Bühne zu holen, um die Übermacht der jewei­ligen Systeme anzudeuten. Südafrika, das gelobte Land, a „land of good hope“ – no way.

Auch wenn die traurige Geschichte des ein wenig weltfremden Asad heute tausendfach bekannt, getwittert, gemailt und geteilt ist, bewegt sie das eher zurück­hal­tende Festspiel-Publikum. Regie, Pauline Malefane und Mandisi Dyantyis sowie die begeis­terten Trommler der schwarzen Ölfässer mögen sich gefragt haben, wie man bei diesem Beat ruhig sitzend applau­dieren kann, statt  mitzu­singen und mitzu­tanzen. Das ist in Khaye­litsha, einem großen Armen­viertel nahe Cape Town anders als in Marl.

Horst Dichanz

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