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Foto © Heinrich Brinkmöller-Becker

Schuldgefühle ohne Erlösung

EVOLUTION
(György Ligeti)

Besuch am
5. September 2019
(Premiere)

 

Ruhrtri­ennale, Jahrhun­dert­halle Bochum

Es ist die erste große Produktion der diesjäh­rigen Ruhrtri­ennale, in der Bild und Text, Musik und Darstellung, Spannung und Anspruch, Klarheit und Abstraktion eine Symbiose eingehen, an der alles stimmt, die berührt und bedrückt und eine so starke theatra­lische Sinnlichkeit ausstrahlt, dass sie unter die Haut geht. Zu erleben ist eine einfache, klar struk­tu­rierte und dennoch hinter­gründige Handlung, drama­tur­gisch straff und pointiert ausge­richtet, ohne Längen und kopflastige Überfrachtung. Evolution nennt der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó die grandiose, in Zusam­men­arbeit mit dem Dirigenten Steven Sloane entstandene Kreation, die jetzt in der Bochumer Jahrhun­dert­halle urauf­ge­führt wird. Und zwar mit spürbar nachhal­tigem Eindruck.

Es ist nach einer szeni­schen Umsetzung von Hans Werner Henzes Oratorium Das Floß der Medusa im letzten Jahr die zweite Gemein­schafts­arbeit mit Sloane, der diesmal mit den fabel­haften Bochumer Sympho­nikern und dem ebenso überzeu­genden Letti­schen Staatschor György Ligetis Requiem beisteuert. Im Gegensatz zum Vorjahr müssen die Musiker und Sänger jetzt freilich ihr Dasein am Seitenrand fristen, so dass dem Regisseur die gesamte Fläche der riesigen Jahrhun­dert­halle zur Verfügung steht. Und die Gelegenheit nutzt er geschickt aus.

Drei Teile reflek­tieren drei Zeitebenen einer Famili­en­ge­schichte, die sich zwar weiter­ent­wi­ckelt, jedoch keinen wirklichen Fortschritt erkennen lässt. Mit dieser pessi­mis­ti­schen Vision, passend zur düsteren, aggres­siven und keineswegs tröst­lichen Musik Ligetis, wird der Zuschauer nach 100 kurzwei­ligen Minuten entlassen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der erste Block führt den Besucher in ein düsteres Keller­verlies mit Dusch­köpfen, einer eisernen Tür und einer kuppel­för­migen Abzugs­haube. Drei „Tatort­rei­niger“ beginnen den Raum zu säubern, als ein Venti­lator Unmengen mensch­licher Haare in den Raum bläst, die die Arbeiter zu erwürgen drohen. Am Ende finden sie ein Baby, Eva, den Ausgangs- und Mittel­punkt der Geschichte. Ein Ort, verknüpft mit einer solch großen Schuld, die selbst sintflut­artig einset­zende Wasser­fon­tänen nicht wegwi­schen können. Der Bühnen­bild­nerin Monika Formale ist damit ein ebenso grandioses wie schlichtes und vor allem angesichts des schwie­rigen Themas dezentes Szenario gelungen.

Gesprochen wird im ersten Teil nicht. Hier sorgen die Klänge Ligetis für die passende Stimmung. Auch wenn Ligetis Musik gern von Filme­ma­chern benutzt wird, stellt sich angesichts der rauen, kompro­miss­losen Tonsprache in keiner Sekunde der Eindruck Hollywood-naher Weich­zeich­nerei ein.

Foto © Heinrich Brinkmöller-Becker

Der zweite Teil ist fast ausschließlich als ausge­dehnte Schau­spiel­szene angelegt, in der die Musiker nur noch punktuell eine Art „Sound­track“ liefern dürfen. Wir begegnen Eva als ältere Frau und Mutter einer erwach­senen Tochter in einer klein­bür­ger­lichen Wohnküche. Wir erfahren, dass Eva in Auschwitz geboren wurde und bereits im Mutterleib medizi­ni­schen Versuchen ausge­setzt war. Auch nach der Befreiung traut sie sich nicht, sich als Jüdin erkennen zu geben. Zum Unver­ständnis ihrer Tochter, die ihre Kindheit unter dem Deckel der mütter­lichen Ängste nie frei ausleben durfte und jetzt darauf besteht, dass sich ihre Mutter als Auschwitz-Opfer bekennt, um wenigstens eine finan­zielle Entschä­digung zu erhalten. Ein packender Dialog, brillant gespielt von Lili Monori und Annamária Láng vom Budapester Proton-Theater in ungari­scher Sprache mit deutschen und engli­schen Übertiteln. Die Gesichter werden per Video auf große Leinwände übertragen, so dass die Mimik alle Fassetten der Stimmungs­lagen offen­legen kann. Die Schuld der Auschwitz-Täter greift über die Genera­tionen der direkten Opfer hinaus. Auch hier können die immensen Wasser­fluten, die plötzlich aus allen Türen und Wänden der Küche stürzen, den Schmutz der Vergan­genheit nicht vergessen lassen.

Im dritten Teil begegnen wir Evas Enkel, zunächst per Handy in einer Apps-Group chattend, in der auch er noch antise­mi­ti­schen Angriffen ausge­setzt ist. In diesem in die Zukunft gerich­teten Teil leert sich die Bühne und zeigt einen unendlich langen, golden schim­mernden Gang, aus dessen tiefem Hinter­grund sich der Chor langsam nähert. Der Glanz verblasst, die Wände beginnen den Raum einzu­engen. Am Ende leuchtet eine blaue Weltkugel zu den hoffnungslos tristen Tönen des Ligeti-Requiems auf.

Eine Famili­ensaga dreier Genera­tionen, die einen ungewöhnlich sensiblen und dennoch starken Zugang zum heiklen Thema der Schuld um Auschwitz zeigt. Und zwar mit der Botschaft, dass diese Schuld auch das Leben und Fühlen ferner Genera­tionen beein­flussen wird. Trotz der düsteren Schluss­punkte verliert sich das Stück nicht in hilfloser Resignation. Die Welt erstrahlt auch hier noch in leuch­tendem Blau. Und damit glimmt noch ein Funke Hoffnung auf ein Mitein­ander ohne Vorurteil und Ausgrenzung auf.

Langan­hal­tender Beifall für eine Kreation, die der Ruhrtri­ennale nach etlichen Fehlver­suchen alle Ehre macht.

Pedro Obiera

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