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Flüchtlingsboote und Luxus-Kreuzer

EXODOS
(Sasha Waltz)

Besuch am
15. September 2018
(Premiere)

 

Ruhrtri­ennale, Jahrhun­dert­halle Bochum

Exodos“, der mehrdeutige Begriff um Flucht und Zuflucht ist besonders geeignet, zentrale Aspekte der Flücht­lings-Thematik, die die neue Inten­dantin Stefanie Carp zu einem Schwer­punkt der diesjäh­rigen Ruhrtri­ennale erklärte, ins Bewusstsein zu rücken. Die aktuellen Katastrophen auf dem Mittelmeer und die schwin­dende Empathie reicher Länder für die Verlierer der Globa­li­sierung können für eine Choreo­grafin wie Sasha Waltz natürlich nur den Ausgangs­punkt für eine ihrer großen Tanz-Creationen bilden, zu denen als neueste Produktion Exodos gehört. Eine fast dreistündige Perfor­mance, die das Thema filigran in unzählige Teilaspekte zersplittert. Neben Flucht und Zuflucht haben auch Begriffe wie Isolation und Ausgrenzung, Bedrohung und Erlösung Platz unter dem titel­ge­benden Dach.

Einen Monat nach der Urauf­führung in Berlin zeigt die designierte Chefin des Berliner Staats­bal­letts derzeit mit ihrer vor 25 Jahren gegrün­deten Compagnie Sasha Waltz & Guests diese Kopro­duktion im Rahmen der Ruhrtri­ennale in der Bochumer Jahrhun­dert­halle. Die riesigen Dimen­sionen des ehema­ligen Fabrik­ge­bäudes bilden einen knisternden Kontrast zu der Enge der Glaskäfige, in die die rund 25 Tänze­rinnen und Tänzer zunächst einge­pfercht sind. Die 350 Besucher sind angehalten, die Halle zu durch­wandern und die verschie­denen Befrei­ungs­ver­suche aus den gläsernen Gefäng­nissen aus verschie­denen Perspek­tiven zu verfolgen. Das hat seinen Reiz. Aller­dings zieht sich der Prozess deutlich zu lange hin, wie überhaupt selbst die Fanta­sie­fülle einer Choreo­grafin wie Sasha Waltz nicht ausreicht, mit diesem Konzept drei Stunden unter Spannung zu halten.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Wenn sich die Tänzer dann in den von Lumpen bis zu Abend­kleidern reichenden Kostümen zu Forma­tionen zusam­men­fügen und teilweise faszi­nie­rende Bewegungs­studien von verzwei­felten Boots­flücht­lingen oder erholungs­su­chenden Kreuz­fahrt-Touristen zeigen und diverse andere Einblicke in Glanz und Elend von Auf- und Ausbruchs­ver­suchen aus der eigenen Situation bieten, entwi­ckelt sich der Abend zu einer Art Revue mit vielen nur lose zusam­men­hän­genden Episoden, die die Tänzer mit unerschöpf­licher Kondition und meist viel Tempo und Druck ausführen. Die dynami­schen Wellen­be­weg­rungen, mit denen die Compagnie wiederholt den Raum durch­zieht, schwappen immer wieder auch auf die Zuschauer über, die in das Geschehen einge­woben werden. Und nicht wenige machen auch gern mit.

Foto © Carolin Saage

Einen Höhepunkt erreicht die Perfor­mance, wenn sich Tänzer und ein großer Teil des Publikums dann in einer entfes­selten Techno-Party entladen. Den Schluss bildet freilich ein unscheinbar schlichtes Bild: Ein Mini-Skelett in einem pinkfar­benen Bikini bleibt einsam zurück. Ein gestran­deter Flüchtling oder ein über Bord gegan­gener Luxus-Tourist? Die Frage bleibt offen, unter­streicht aber die Komple­xität des Stücks und seiner Problemstellung.

Das ganze Treiben wird akustisch untermalt von einer Collage des Soundwalk Collec­tives, das reale Geräusche authen­ti­scher Plätze wie Flücht­lings­boote auf dem Mittelmeer, Straßen an den New Yorker Twin Towers oder dem Berliner Berghain zu einem Klangband koppelt, dessen Monotonie lediglich durch die unter­schied­lichen, stellen­weise bis an die Schmerz­grenze reichenden Lautstär­ke­grade aufge­fangen wird. Ausschnitte aus Gustav Mahlers 6. Symphonie oder ein impro­vi­sierter Vortrag von Sentas Schauer-Ballade aus Wagners Fliegendem Holländer zu orkan­ar­tigen Windstürmen sorgen nur begrenzt für Abwechslung.

Eine gut gemeinte, profes­sionell ausge­richtete Kreation zu einem brisant-aktuellen Thema, das in gestraffter Form freilich noch erheblich eindrucks­voller wirken könnte. Das Publikum hält mit bewun­derns­werter Kondition durch und bringt sich engagiert in das Treiben ein.

Pedro Obiera

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