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UNIVERSE, INCOMPLETE
(Charles Ives, Christoph Marthaler)
Besuch am
17. August 2018
(Premiere)
Universe, Incomplete: Der Titel klingt auf den ersten Blick so geheimnisvoll wie die gesamte zweieinhalbstündige Performance von Christoph Marthaler, mit der der renommierte Theatermann für einen zweiten Höhepunkt der gerade angelaufenen Ruhrtriennale-Saison unter der neuen Leitung von Stefanie Carp sorgte. Allerdings für einen Höhepunkt, bei dem es nach der fulminanten Eröffnung mit William Kentridges von afrikanischem Herzblut durchtränkter Kreation The Head & The Load erheblich ruhiger und rätselhafter zugeht.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Herzstück von Marthalers Projekt bilden die Fragmente von Charles Ives‘ Universe Symphony, mit der der amerikanische Eigenbrötler formal und stilistisch alles sprengen wollte, was die europäische Symphonik aufzubieten hat. Ein Lebenswerk, das unvollständig, also „incomplete“, geblieben ist. Ein gescheitertes Projekt und gerade das reizte Marthaler, der die Bruchstücke mit anderen Werken von Ives zu einem 150-minütigen Spektakel montierte. Eine gewaltige musikalische Herausforderung für ein großes Symphonieorchester, weitere Kammerensembles und einen Schlagzeugapparat von mindestens 20 Musikern. Die Instrumentalisten verstreuen sich in der riesigen Bochumer Jahrhunderthalle über alle Ebenen und Höhen, sind teilweise weit über den Köpfen des Publikums auf mächtigen Stahlträgern postiert, klingen aus entfernten Ecken des Mammutgebäudes, werden über ein eigens angelegtes Gleisnetz gefahren und befinden sich in ständiger Bewegung. Das führt in der akustisch hervorragenden Halle zu beeindruckenden musikalischen Erlebnissen. Allein der Beginn der Universe Symphony mit ihren kühnen, dicht verzahnten Schlagzeug-Kaskaden erzielt geradezu rauschhaft narkotisierende Wirkungen. Faszinierend auch die kontrastreichen Mischungen von verloren wirkenden, ätherischen Streicher-Schleiern mit deftigen Militärmärschen, von extrem zart gesäuselten Gesängen mit aggressiven Attacken. Titus Engel führt die Bochumer Symphoniker, das dreizehnköpfige Rhetoric Project, das Schlagquartett Köln sowie 15 Schlagzeugstudenten aus Köln, Essen, Detmold, Bochum und Münster souverän durch den komplexen Abend.

Was lässt sich jedoch mit diesem klingenden Monstrum szenisch anfangen? Da lässt uns Marthaler weitgehend im Dunkeln tappen. Die endlos breite und tiefe Spielfläche der Jahrhunderthalle stattet Anna Viebrock mit diversen, willkürlich zusammengestoppelten Versatzstücken aus: mit einem kirchlichen Chorgestühl, einer Sporttribüne, einem Grenzhäuschen, Bahngleisen, einer langen Festtafel, einem kitschig romantisierten Brückenelement und Sitzbänken mit putzigen Katzengesichtern. Stattliche Requisiten, die in der Weite der Halle jedoch allesamt verloren wirken, so dass es den zwölf Darstellern nicht an Platz mangelt. Doch wozu? Wir sehen meistens Menschen, die ratlos umherirren oder in Erstarrung verharren, die unvermittelt einander begegnen und unterschiedlich reagieren. Sie formieren sich zu friedlichen Gruppen und brechen in aggressive Prügelattacken aus. Das alles wirkt willkürlich, lässt auch keine dramaturgische Logik erkennen, die Marthaler ohnehin nicht anstrebt, und ist nicht frei von Leerlauf. Trotz der Fantasiefülle und des handwerklichen Könnens des Regisseurs wirkt die Produktion in ihrer nebulösen Undeutigkeit auf Dauer ermüdend. Auch wenn sich so etwas wie Humor einschleicht, wenn etwa der Tubist ständig durch die Halle eilt und den Anschluss an sein Ensemble verpasst oder ein Saurier-Torso an versunkene Welten erinnert. Monotonie lässt sich dadurch ebenso wenig vermeiden wie durch die eingestreuten, wenig erhellenden Texte von Gerhard Falkner und Martin Kippenberger, allenfalls durch die elektrisierende musikalische Collage aus etlichen Werken Charles Ives‘. Dass Marthaler das Projekt mit Ives‘ bekanntester Komposition, der wie aus weiter Ferne wehenden Unanswered Question mit ihrem offenen Schluss enden lässt, mutet da schon konventionell an.
Nach Kentridges vitaler Auftaktpremiere, die als Beitrag zur dunklen Kolonialgeschichte Afrikas auch einen starken politischen Akzent setzte, fällt Stefanie Carp mit der Marthaler-Produktion in jene ästhetisch abgehobenen Gefilde zurück, in die in den letzten Jahren ihre Vorgänger Heiner Goebbels und Johan Simons die Ruhrtriennale geführt haben. Ein hochwertiger, insgesamt freilich fragwürdiger Kontrapunkt zu den politischen Ambitionen der neuen Intendantin, die schon vor der Eröffnung für mehr Zündstoff gesorgt hat als ihre Vorgänger zusammen.
Freundlicher Beifall eines aufgeschlossenen, freilich auch sichtlich ermatteten Publikums.
Pedro Obiera