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Willkommener Gast

DIDO AND AENEAS, REMEMBERED
(David Marton)

Besuch am
29. August 2019
(Deutsche Erstaufführung)

 

Ruhrtri­ennale, Kraft­zen­trale, Landschaftspark Duisburg-Nord, Duisburg

Was muss jemandem wider­fahren, dass er den Tod einen „willkom­menen Gast“ nennt, dem es einfacher scheint zu sterben als zu leben. Da spielt die Liebe ihr vielge­sich­tiges Spiel, da geht es um politische Macht, da fühlt sich der aus Troja stammende Aeneas zwischen dem Götter­ver­sprechen und der verlo­ckenden Dido hin- und herge­rissen, da geht es um den antiken Streit zwischen Trojanern und Römern, um ein politisch noch nicht einge­löstes Versprechen, an das Aeneas immer wieder erinnert wird – remem­bered. Um all diese Grund­pro­bleme des einfachen Lebens, die den Alltag mal fantas­tisch, mal unerträglich machen, hat David Marton für die Ruhrtri­ennale in ein spannendes, teils histo­risch angelehntes Szenario, mal in den Sand des Mittel­meers, mal in unsere Digitalwelt zwischen Handy und Kabel­salat einge­woben. Er versucht einen Spagat zwischen der antiken Geschichte um die Königin Dido und den Helden Aeneas und den politi­schen Problem­zonen unserer Zeit, der weitgehend gelingt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



In einer großen kahlen Halle des Duisburger Landschafts­parks, der ehema­ligen Kraft­zen­trale, hat das Team der Ruhrtri­ennale eine Zuschau­er­tribüne montiert und davor auf einem Podest eine große Spiel­fläche für die Akteure aufgebaut. Hinter der angedeu­teten Holzsil­houette, einer „Baustelle in progress“ hat Christian Fried­länder mit wenigen Versatz­stücken die Orte des Geschehens angedeutet. Außerdem spielen die von Adrien Lamande verant­wor­teten Video­ein­spie­lungen eine wichtige Rolle in dieser Aufführung. So merken die Zuschauer zu Beginn erst nach genauerem Hinsehen, dass die einge­spielte Video­szene einer Ausgrabung die zwei Gestalten sind, die sich in einer Art Sandkasten mit Pinsel und Schäu­felchen darum mühen, Relikte aus dem Sandbett frei zu legen und „Geschichte“ zu finden: Juno und Jupiter, weit entfernt von göttlichem Glamour, wühlen in den Relikten der Zeit, schaben und pinseln – und stoßen zunächst auf eine Mosaik­scherbe, die sich bei näherer Prüfung als Bild auf einem Handy entpuppt. Weitere Indizien der digitalen Welt kommen zum Vorschein wie eine PC-Maus, ein Wirrsal von bunten Drähten … Die Götter schauen in die Zukunft, indem sie zurück blicken. Hier wie an anderen Stellen gehen die Zeitlinien der verschie­denen Handlungs­stränge bunt durch­ein­ander, Marton überlässt es dem Zuschauer, sich seine Welt selbst zu ordnen. „Dass die Zeit in Schlaufen verläuft“, ist nicht eine Erfindung der Regie, sondern physi­ka­lische Erkenntnis.

Juno und Jupiter, zunächst beide in göttlich-weißer Kleidung, streiten über die Zukunft der Trojaner. Als auch noch Venus hinzu­kommt und mit nervig-kreischendem Blech die Verhand­lungen stört, wird die Lage für ihren Sohn Aeneas und dessen Geliebte Dido unerträglich. Aeneas sieht sich den göttlichen Beschlüssen verpflichtet, worauf Dido in völliger Verzweiflung ihren Tod als „willkom­menen Gast“ begrüßt und stirbt.

 

Foto © Paul Leclaire

In einer überra­schend bunten und stimmigen Collage hat Regisseur David Marton, der auch für das Konzept verant­wortlich zeichnet, Texte des römischen Dichters Vergil, Phrasen und Zitate des engli­schen Barock-Kompo­nisten Purcell aus dessen Oper Dido and Aeneas von 1689 mit neuen Kompo­si­tionen von Kalle Kalimas und Zwischen­spiele von Erika Stucky verar­beitet, in denen er die „Stimmen, Geräusche und Melodien der Epochen“ mitein­ander verbindet.

Mit dem Orchester der Opéra de Lyon hat Pierre Bleuse ein Ensemble zur Verfügung, das sich in der verspielten Barock­musik Purcells ebenso zu Hause fühlt wie in den ungewohnten und elektro­nisch verfrem­deten Passagen der aktuellen Kompo­si­tionen von Kalima, der sich mit seiner Gitarre dem Orchester hinzu­ge­sellt. Ausnahmslos alle Rollen sind stimmlich und darstel­le­risch bestens besetzt, von Alix la Saux als traurig-leiden­schaft­licher Dido, Erika Stucky als kühl-herri­scher Venus und Marie Goyette in der Rolle der Juno bis zu dem gefühl­vollen Sopran von Claron McFadden als Belinda. Als Jupiter überzeugt der vielseitige und wandlungs­fähige Thorbjörn Björnsson. Guillaume Andrieux gibt einen leiden­schaft­lichen Aeneas. Bleuse, Chor und Orchester müssen gleich zwei sehr unter­schied­liche Schwer­punkte bewäl­tigen: zum einen die spätbarock verspielte und facet­ten­reiche Musik von Purcell und zum anderen die modernen Kompo­si­tionen von Kalima und ihre elektro­ni­schen Verfrem­dungen als modernen Kontra­punkt. Ihre Souve­rä­nität und Spiel­freude findet schnell Zugang zu den Zuhörern.

So erleben die Zuschauer an diesem heißen Sommer­abend in der Kraft­zen­trale Duisburg einen überra­schend beschwingten, sehr facetten- und abwechs­lungs­reichen, modernen Theater­abend, in dem es David Marton und dem Team der Opéra de Lyon überzeugend gelingt, die alten Motive der Geschichte von Dido und Aeneas in eine zeitgemäße Form zu gießen und sie über zeitge­nös­sische Musik mit der Gegenwart zu verbinden. Offen bleibt die die Frage, wie sehr sich Geschichte wiederholt und wie wohl die Relikte aus unserer Zeit aussehen werden. Nach ausgie­bigem Beifall begeben sich die Besucher aus der Nachbar­schaft des Ruhrge­bietes nach diesem gelun­genen Theater­abend nachdenklich auf den Heimweg.

Horst Dichanz

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