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THE HEAD AND THE LOAD
(William Kentridge, Philip Miller)
Besuch am
9. August 2018
(Premiere)
Ruhrtriennale, Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord
Es ist schade, dass die heftige Diskussion um das zwar ungeschickte, aber alles andere als antisemitisch motivierte Taktieren der neuen Intendantin Stefanie Carp im Umgang mit der schottischen Band Young Friends den Blick auf das hochinteressante Programm der nagelneuen Staffel der Ruhrtriennale weitgehend versperrt hat. Dabei präsentiert das Festival mit seinen 160 Veranstaltungen in den nächsten sechs Wochen ein betont politisch ambitioniertes Angebot, wie es sich für ein derartiges, mit über zwölf Millionen Euro aus Landesmitteln unterstütztes Mammut-Event zwar gehört, wie es jedoch in dieser Schärfe lange nicht zu erleben war. Und mit seinem afrikanischen Schwerpunkt richtet Carp das Augenmerk auf einen bisher vernachlässigten Kontinent, der den Westen wirtschafts- und gesellschaftspolitisch zu einem radikalen Umdenken herausfordert, wenn die Folgen nicht alles in den Schatten stellen sollen, was derzeit unter dem Begriff „Flüchtlingskrise“ diskutiert, befürchtet oder verdrängt wird.
Wie ernst es der Intendantin mit ihrem Plädoyer für ein erstarktes Afrika meint, zeichnet sich bereits in der Eröffnungspremiere des Tanz- und Musiktheater-Projekts The Head & The Load des südafrikanischen Multitalents William Kentridge und des Komponisten Philip Miller ab. Der Titel orientiert sich an dem ghanaischen Sinnspruch „Des Nackens Leid sind Kopf und Last“. Kentridge erinnert an ein kaum bekanntes Kapitel der europäischen Kolonialgeschichte, als im Vor- und Umfeld des Ersten Weltkriegs über zwei Millionen Afrikaner in den Kolonien von Deutschen, Engländern und Franzosen unter sklavenähnlichen Bedingungen für Kriegszwecke zwangsrekrutiert wurden, von denen mindestens 200.000 ums Leben gekommen sind. Genau gezählt wurden die gefallenen carriers, die verachteten Träger, von niemandem.
Ein brisantes und erschütterndes Thema, das Kentridge mit afrikanischen und weißen Tänzern, Musikern, Sängern und Schauspielern in einer extrem virtuos gemischten Collage von 20 Szenen auf die überdimensional breite Bühne der gewaltigen Kraftzentrale des Duisburger Landschaftsparks auf die Bretter und dabei diverse Aspekte des Themas in unerschöpflicher stilistischer Vielfalt zur Sprache bringt. Geschickt werden historische Informationen eingeflochten, die den künstlerischen Charakter der anderthalbstündigen Performance in ihrer eindringlichen Dynamik jedoch nicht bremsen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das Rückgrat bildet eine musikalische Mixtur aus afrikanischen Quellen und westlichen Klängen des frühen 20. Jahrhunderts, die Philip Miller durch eigene Kompositionen ergänzt oder geschickt verbindet. Musik, die auch in ruhigen Teilen stets unter der Spannung steht, in ekstatisch kraftvolle Tänze ausbrechen zu wollen. Die Mischung westlicher Formen mit afrikanischen Elementen führt zu bizarren, stets faszinierenden Resultaten wie einer bedrohlich anwachsenden, trauermarschähnlichen Prozession zum Ende des ersten, den Krieg vorbereitenden Teils. Und wenn die Schwarzen vom Sinn ihres unsinnigen Einsatzes überzeugt werden sollen, bedient sich Miller Teilen aus Kurt Schwitters dadaistischer Ur-Sonate mit ihren rhythmisch prägnanten, aber semantisch sinnentleerten Lautkaskaden. Und dadaistische Skulpturen wie aus dem Studio André Bretons finden auch Eingang in das an sich sparsame Bühnenbild von Sabine Theunissen, das vor allem von großen Schriftprojektionen geprägt wird, die die Bühne überziehen und deren Hintergrund zugleich als ideale Fläche für bizarre Schattenrisse dient.

So erfahren wir auf vital-spielerische Weise eine Menge über das Befinden der Afrikaner, das Gebaren der Kolonialisten, endend in einer Liste der Gefallenen und Vergessenen. Alles fernab von klischeehaften Verzerrungen. Die bunte, äußerst agile Darstellerschar, unter denen sich auch das von Thuthuka Sibisi geleitete Orchester nicht bequem niederlassen darf, sondern ständig in Bewegung ist, bringt Lebenskraft und Trauer in ungeheurer Intensität zum Ausdruck und zeigt, wie befruchtend sich afrikanische und westliche Elemente aus Tanz und Musik verbinden und jeden rassistischen Dünkel vergessen lassen können. Eine Ehrenbekundung für die Größe afrikanischer Kulturen und ein schillerndes Veto gegen jede westlich-chauvinistische Arroganz, die auch 100 Jahre nach den thematisierten Ereignissen längst nicht der Vergangenheit angehört.
Das Publikum in der Kraftzentrale feiert das vielköpfige Ensemble mit langanhaltendem, begeistertem Beifall. Ein Auftakt nach Maß, der hoffentlich das Interesse zurück auf die bevorstehenden Stücke der Ruhrtriennale weisen wird.
Pedro Obiera