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CORO
(Chorwerk Ruhr)

Besuch am
1. September 2019
(Premiere am 31. August 2019)

 

Ruhrtri­ennale, Maschi­nen­halle Zweckel, Gladbeck

An einem dieser sonnen­ge­sät­tigten Tage ein entspanntes Publikum zu einem Chorkonzert in eine alte Indus­trie­halle zu locken, ist schon gewagt. Aber die ausver­kaufte Maschi­nen­halle, in der nach 1909 in Gladbeck Dampf, Strom und Druckluft für die nahe Zeche und die Bergmanns­siedlung produ­ziert wurden, ist der beste Beweis dafür, dass künst­le­rische Qualität und hoher Anspruch ihr Publikum finden und sich vor allem das Chorwerk Ruhr über eine zuver­lässige Anhän­ger­schaft freuen kann.

Foto © Christian Palm

Die Duisburger Philhar­mo­niker in voller Besetzung und das Chorwerk Ruhr mit gut 40 Sänge­rinnen und Sängern haben mit ihrem Dirigenten Florian Helgath kein sommerlich leichtes Programm ausge­wählt. Mit zwei außer­ge­wöhn­lichen Kompo­si­tionen muten sie ihren Zuhörern einiges zu und erwarten hohe Aufmerk­samkeit: Sie präsen­tieren den Besuchern Alessandro Striggios Missa sopra Ecco si beato giorno, 1566 urauf­ge­führt, und Luciano Berios Coro für Stimmen und Instru­mente, die 197576 als Auftrags­kom­po­sition für den Westdeut­schen Rundfunk entstand und als experi­men­telle Vokal­kom­po­sition betrachtet wird. Für die Messe bedient sich Striggio des Textes der Missa sopra, während Luciano Berio auf Volks­lieder aus mehr als zehn verschie­denen Volks­mu­siken zurück­greift, darunter Klänge aus der Kultur der Sioux-Indianer, aus Polynesien, Kroatien und Chile, um nur einige zu nennen. Der Bezug zu Chile taucht auch in einer Reihe ausge­wählter Verse aus der Lyrik des chile­ni­schen Protest­dichters und Nobel­preis­trägers Pablo Neruda auf, die Berio als Inter­pre­tation und Aktua­li­sierung mit den volks­tüm­lichen Elementen verbindet.

In der Missa sopra signa­li­siert schon der auf fünf Plätze in der großen Halle verteilte 40-köpfige Chor eine der Beson­der­heiten der Kompo­sition des Italieners. Nach einem fast gehauchten Piano-Beginn steigert sich der Chor zu einem mächtigen Fortissimo, ein Sopran-Solo wechselt sich mit der Sopran­gruppe ab, überra­schend tritt eine Basszeile hinzu, dann geht der gesamte Chor in leises Flüstern über oder spricht im Stakkato einen fremd­spra­chigen Text, wunder­schöne, klare Sopran­stimmen verklingen in der hohen Indus­trie­halle, dann findet sich der Chor in einem merkwürdig flatternden Sprech­gesang, ein sanftes Decre­scendo löst sich mit einem wuchtigen Fortissimo ab, ganz selten tritt der von einem Doppel­schlagwerk gehaltene Rhythmus in den Vorder­grund. Für Helgath findet Streggio mit seinen „vokalen Gesten … einen komplett neuen Klang.“

Foto © Christian Palm

Der 2003 verstorbene Komponist Luciano Berio stammt aus einer italie­ni­schen Musiker­fa­milie und liefert für dieses Konzert einen Chorsatz, der hinsichtlich Melodik, Harmonie und Rhythmen keine Wünsche hinsichtlich eines modernen Musik­ver­ständ­nisses offen lässt. Da lauscht der angestrengte Zuhörer vergeblich nach vertrauten Melodie­linien, nach sich auflö­senden Harmonien oder durch­lau­fenden, struk­tu­rie­renden Rhythmen – die musika­li­schen Erwar­tungen werden immer wieder überrascht. Seine lautma­le­ri­schen Texte empfindet Dirigent Florian Helgath als „extrem detail­liert und kunstvoll gemacht“. Außerdem fügt Berio Versele­mente Pablo Nerudas ein, die dem Werk einen deutlichen politi­schen Bezug geben. Als musika­lische Beson­derheit hebt Helgath hervor, dass Berio sich eines Kunst­griffes bedient, indem er jeder Chorstimme ein Instrument zuordnet. Diese „Paarung“ lässt den Zusam­men­klang der beiden Tonquellen besonders hervor­treten und verändert „die Klang­si­tuation für die Sänger, aber auch für die Instru­men­ta­listen völlig“. Die Zuhörer erleben auf diese Weise eine ungewohnte, vielfältige und raumfül­lende Klang­dichte, wie man sie selten in einer großen Kirchen­halle hört. Wieder einmal überzeugt eine Veran­staltung der Ruhrtri­ennale, dass musika­lische und indus­trielle Ästhetik Elemente aufweisen, die sich im richtigen Konzept beein­dru­ckend ergänzen.

Offen­sichtlich empfinden auch die Zuhörer diese Nähe. Der minuten­lange lautstarke und begeis­terte Beifall gilt einem Konzert­konzept, das überra­schend Neues bietet, und den ausfüh­renden Musikern, die von einem versierten Leiter sicher durch Kompo­si­tionen geführt werden, die nach Alter und Charakter kaum unter­schied­licher sein könnten. Florian Helgarth am Pult wie die singenden und spielenden Musiker haben ihr Publikum begeistert und davon überzeugt, dass sich Alte und Neue Musik keineswegs fremd sein müssen – wie schön.

Horst Dichanz

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