O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
CORO
(Chorwerk Ruhr)
Besuch am
1. September 2019
(Premiere am 31. August 2019)
An einem dieser sonnengesättigten Tage ein entspanntes Publikum zu einem Chorkonzert in eine alte Industriehalle zu locken, ist schon gewagt. Aber die ausverkaufte Maschinenhalle, in der nach 1909 in Gladbeck Dampf, Strom und Druckluft für die nahe Zeche und die Bergmannssiedlung produziert wurden, ist der beste Beweis dafür, dass künstlerische Qualität und hoher Anspruch ihr Publikum finden und sich vor allem das Chorwerk Ruhr über eine zuverlässige Anhängerschaft freuen kann.

Die Duisburger Philharmoniker in voller Besetzung und das Chorwerk Ruhr mit gut 40 Sängerinnen und Sängern haben mit ihrem Dirigenten Florian Helgath kein sommerlich leichtes Programm ausgewählt. Mit zwei außergewöhnlichen Kompositionen muten sie ihren Zuhörern einiges zu und erwarten hohe Aufmerksamkeit: Sie präsentieren den Besuchern Alessandro Striggios Missa sopra Ecco si beato giorno, 1566 uraufgeführt, und Luciano Berios Coro für Stimmen und Instrumente, die 1975⁄76 als Auftragskomposition für den Westdeutschen Rundfunk entstand und als experimentelle Vokalkomposition betrachtet wird. Für die Messe bedient sich Striggio des Textes der Missa sopra, während Luciano Berio auf Volkslieder aus mehr als zehn verschiedenen Volksmusiken zurückgreift, darunter Klänge aus der Kultur der Sioux-Indianer, aus Polynesien, Kroatien und Chile, um nur einige zu nennen. Der Bezug zu Chile taucht auch in einer Reihe ausgewählter Verse aus der Lyrik des chilenischen Protestdichters und Nobelpreisträgers Pablo Neruda auf, die Berio als Interpretation und Aktualisierung mit den volkstümlichen Elementen verbindet.
In der Missa sopra signalisiert schon der auf fünf Plätze in der großen Halle verteilte 40-köpfige Chor eine der Besonderheiten der Komposition des Italieners. Nach einem fast gehauchten Piano-Beginn steigert sich der Chor zu einem mächtigen Fortissimo, ein Sopran-Solo wechselt sich mit der Soprangruppe ab, überraschend tritt eine Basszeile hinzu, dann geht der gesamte Chor in leises Flüstern über oder spricht im Stakkato einen fremdsprachigen Text, wunderschöne, klare Sopranstimmen verklingen in der hohen Industriehalle, dann findet sich der Chor in einem merkwürdig flatternden Sprechgesang, ein sanftes Decrescendo löst sich mit einem wuchtigen Fortissimo ab, ganz selten tritt der von einem Doppelschlagwerk gehaltene Rhythmus in den Vordergrund. Für Helgath findet Streggio mit seinen „vokalen Gesten … einen komplett neuen Klang.“

Der 2003 verstorbene Komponist Luciano Berio stammt aus einer italienischen Musikerfamilie und liefert für dieses Konzert einen Chorsatz, der hinsichtlich Melodik, Harmonie und Rhythmen keine Wünsche hinsichtlich eines modernen Musikverständnisses offen lässt. Da lauscht der angestrengte Zuhörer vergeblich nach vertrauten Melodielinien, nach sich auflösenden Harmonien oder durchlaufenden, strukturierenden Rhythmen – die musikalischen Erwartungen werden immer wieder überrascht. Seine lautmalerischen Texte empfindet Dirigent Florian Helgath als „extrem detailliert und kunstvoll gemacht“. Außerdem fügt Berio Verselemente Pablo Nerudas ein, die dem Werk einen deutlichen politischen Bezug geben. Als musikalische Besonderheit hebt Helgath hervor, dass Berio sich eines Kunstgriffes bedient, indem er jeder Chorstimme ein Instrument zuordnet. Diese „Paarung“ lässt den Zusammenklang der beiden Tonquellen besonders hervortreten und verändert „die Klangsituation für die Sänger, aber auch für die Instrumentalisten völlig“. Die Zuhörer erleben auf diese Weise eine ungewohnte, vielfältige und raumfüllende Klangdichte, wie man sie selten in einer großen Kirchenhalle hört. Wieder einmal überzeugt eine Veranstaltung der Ruhrtriennale, dass musikalische und industrielle Ästhetik Elemente aufweisen, die sich im richtigen Konzept beeindruckend ergänzen.
Offensichtlich empfinden auch die Zuhörer diese Nähe. Der minutenlange lautstarke und begeisterte Beifall gilt einem Konzertkonzept, das überraschend Neues bietet, und den ausführenden Musikern, die von einem versierten Leiter sicher durch Kompositionen geführt werden, die nach Alter und Charakter kaum unterschiedlicher sein könnten. Florian Helgarth am Pult wie die singenden und spielenden Musiker haben ihr Publikum begeistert und davon überzeugt, dass sich Alte und Neue Musik keineswegs fremd sein müssen – wie schön.
Horst Dichanz