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KIRINA
(Serge Aimé Coulibaly)
Besuch am
18. August 2018
(Premiere)
Die neue Saison der Ruhrtriennale bewegt sich zwar noch in der Startphase. Doch bereits jetzt lässt sich ablesen, dass der thematische Schwerpunkt des Festivals als Volltreffer der neuen Intendantin Stefanie Carp gewertet werden kann. Afrika im Zentrum eines Festivals, das nicht an Klischees und Folklore-Kitsch interessiert ist: Das schärft den Blick auf einen Kontinent, den Europa bis heute mehr ausbeutet als respektiert und an dem der Westen eine Menge gut zu machen hätte. Auch wenn der Tenor der aktuellen Flüchtlingsdebatte eine Kehrtwendung in die richtige Richtung nicht erwarten lässt.
Grandios startete das Festival mit William Kentridges hintergründiger Auseinandersetzung mit der dunklen Kolonialgeschichte. Nicht minder spannend, wenn auch in kleinerem Rahmen, beschäftigt sich der Tänzer und Choreograf Serge Aimé Coulibaly in seinem Tanzstück Kirina mit Themen und Problemen seines Heimat-Kontinents. Mit neun Tänzern des Faso Danse Théâtre, zwei Sängerinnen, einem Schauspieler, einer Statistenschar und vier exzellenten Instrumentalisten zeigt auch diese Produktion, welche Dynamik und Kreativität von den Menschen des schwarzen Kontinents ausgehen kann. Energien, die auch die jahrhundertelange Unterdrückung durch fremde Mächte und eigene Diktaturen nicht auslöschen konnte. Energien, von denen der reiche Westen eine Menge lernen und profitieren könnte.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Sängerin und Gitarristin Rokia Traoré schuf wunderbare Arrangements afrikanischer Gesänge und Tänze, die durch den dezenten Einsatz von E‑Gitarre und E‑Bass eine harmonische und völlig unverkrampfte Symbiose afrikanischer und europäischer Stilismen erbringen. Wobei der idiomatische Klang des Balatons, eines speziellen Xylophon-Instruments, stets für ein unverkennbares Kolorit sorgt. Die anderthalbstündige Performance ist episodenhaft angelegt und reflektiert Szenen, Gebräuche, Riten und dunkle Seiten der afrikanischen Geschichte, die allesamt von einer faszinierenden inneren Spannung getragen werden. Auch wenn es nachdenklich zugeht, bleibt stets der Lebenswille erhalten, so dass auch in den düstersten Kapiteln, wenn es um die Steinigung einer Frau oder um das Ritual eines Menschenopfers geht, der Optimismus auf eine bessere Zukunft nicht erlöscht.

Für Coulibaly heißt das Lebens- und Überlebenselement „Bewegung“. Und die Tänzergruppe ist ständig in Bewegung, in Formen des modernen Ausdruckstanzes, afrikanischer Stammestänze und freier, improvisationshafter Elemente. Resigniert wird nicht, auch nicht in offensichtlich ausweglosen Situationen. Mit feiner Ironie spielt der Choreograf mit westlichen Klischeevorstellungen, wenn ein Tänzer am Ende in einer bedrohlich gorilla-ähnlichen Pose an übelste rassistische Demütigungen erinnert. Das Stück endet in totaler Ruhe in der sternengleich ausgeleuchteten Maschinenhalle Zweckel mit einem der traumhaft schönen Sonnenunter- oder besser ‑aufgänge Afrikas.
Ein Sonderlob verdienen die Sängerinnen Naba Aminata Traoré und Marie Virginie Dembele. Das Premieren-Publikum reagiert begeistert auf die deutsche Erstaufführung eines Tanzstücks, das wesentlich zu einem intimeren Verständnis afrikanischer Gefühle und Kräfte beitragen kann.
Pedro Obiera