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Foto © Marco Borelli

Barocke Pracht

POLIFEMO
(Nicola Antonio Porpora)

Besuch am
8. Juni 2019
(Premiere)

 

Salzburger Pfingst­fest­spiele, Felsenreitschule

Nicola Porpora war bestim­mender Musiker und Komponist seiner Zeit. Sein Name und künst­le­ri­sches Erbe ist sehr eng mit dem Namen des berühmten Kastraten Carlo Broschi, besser bekannt als Farinelli, verbunden. Als Gesangs­lehrer bildet er ihn in Neapel aus, als Komponist schrieb er 52 Opern mit unver­gess­lichen Arien für diese faszi­nie­renden Männer­stimmen und als Leiter des Opern­hauses of the Nobility in London leitete er dessen Weltkar­riere ein.

Als Zeitge­nosse Händels war er auch dessen größter Konkurrent und lieferte sich mit dem Deutschen einen erbit­terten Wettstreit als Komponist und Intendant, sehr zum Nutzen des Londoner Publikums und der Sänger. Für die beiden endete der Wettstreit im finan­zi­ellen Debakel. Verarmt starb Porpora in seiner Heimat­stadt Neapel.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Den Kastraten und ihren himmli­schen Stimmen sind die diesjäh­rigen Pfingst­fest­spiele in Salzburg gewidmet. Nach der Eröff­nungs­pre­miere von Alcina steht Nicola Porporas Polifemo, zur gleichen Zeit entstanden, auf dem Programm. Polifemo, der einäugige Zyklop wird von Ullisse aka Odysseus mit Hilfe der Nymphen Calipso und Galatea in seiner Macht und Kraft beraubt und geschlagen. Inhaltlich finden noch die Liebes­ge­schichten von Galatea mit dem sterb­lichen Schäfer Aci und Calipso mit Ullisse Platz im Libretto. Die szenische Einrichtung hat mit viel Finger­spit­zen­gefühl und einfachen Mitteln Max Emanuel Cencic übernommen, der auch als Ullisse auf der Bühne steht. Margit Ann Berger hat die große Bühne der Felsen­reit­schule auf einen kleinen, hell ausge­leuch­teten Kreis in der Mitte reduziert, eine wahre Insel mit ein paar Felsen und wenigen Utensilien wie dem offenen Koffer Ullisses. Giorgina Germanou kreiert anspre­chende Kostüme für die sechs Sänger, die sich auf der kleinen, engen Insel tummeln. Die Nymphen in wallenden, leichten Kleidern mit Blumen in der Locken­pracht, Aci im einfachen Schäfer­gewand, Ullisse als Piraten­kopie aus Fluch der Karibik und Polifemo elegant ganz in schwarz mit Augen­klappe. Textgetreu wird auf der Insel gehandelt und bewegt. Ein paar lockere Gags finden Eingang zur Erhei­terung des Publikums. So wirkt alles natürlich, ehrlich und überzeugend und dank der ausge­zeich­neten Sänger und des Armonia Atenea Orchesters verläuft der lange Nachmittag kurzweilig.

Julia Lezhneva, klein und zart im Erschei­nungsbild, besticht mit ihrer unglaublich vielfäl­tigen, klaren und höhen­si­cheren Stimme als treu liebende und leidende Galatea. Da bleibt niemand ungerührt, wenn sie ihren geliebten toten Aci im Arm hält und emotional geladen Abschied nimmt. Immer wieder brechen die Wunden schmerzvoll auf. Sonja Runje hebt sich hier kokett und drama­ti­scher, aber ebenso fein im Gesang als Calipso ab. Dilyara Idrisova begleitet als Norea die Liebes­ge­schichten ihrer beiden gottähn­lichen Schwestern. Yuriy Mynenko zeigt als Aci die Bandbreite seines Counter­tenors. Dunkel gefärbt sitzt sein ursprüng­licher Bariton fest in der Brust­stimme und eröffnet ihm viel Kraft und Modula­ti­ons­fä­higkeit in der Kopfstimme. Blumig schmückt er seine große Arie Alto Giove an den großzügig gestimmten Gott Zeus aus und steht ehrfurchtsvoll von den Toten auf. Einer der vielen Höhepunkte dieses Sänger­festes. Max Emanuel Cencic wirbelt als tatkräf­tiger, nicht immer helden­hafter Ullisse herum und überzeugt mehr im Spiel als im Gesang. Sein sicherer Counter zeigt wenig Nuancierung. Pavel Kudinov darf mit tiefer Bass-Stimme Männlichkeit und Macht demons­trieren und hebt sich klar und deutlich von den himmli­schen Höhen um ihn herum ab.

Yuriy Mynenko als Aci – Foto © Marco Borelli

Eindrucksvoll und an himmlische Pforten klopfend das Dirigat von George Petrou am Pult des griechi­schen Orchesters Armonia Atenea. Das Hausor­chester der Athener Konzert­halle spielt sowohl auf modernen als auch alten Instru­menten. Das Orchester und sein Leiter wirken sehr vertraut und einge­spielt. Aufmerksam folgen sie den Anwei­sungen und wechseln rasant Tempo, Ausdruck und Rhythmus. Als Soli sowie in den Rezita­tiven begleiten die Musiker stimmungsvoll die Sänger. Nicola Porpora richtete seine Kompo­si­tionen auf die Sänger und deren stimm­lichen Poten­ziale aus. Voll von Kolora­turen und artis­ti­schen Läufen ist seine Musik effektvoll und lässt den Sängern auch noch Freiraum, eigene Impro­vi­sa­tionen wie Kadenzen einzubauen.

Ein Fest für Barockfans, und wer noch nicht genug hat, kann im Anschluss an einem Galakonzert teilnehmen. Das beinhaltet ein wahrlich Best of für Kastraten, und die Spitzen­stars der himmli­schen Töne gestalten eine unver­gess­liche Hommage an diese unbarm­herzige, maßlose Ausprägung des barocken Musik­lebens. Unter dem Titel Farinelli and Friends treten, angeführt von Cecilia Bartoli, verschiedene Größen der Stimm­akro­batik in den höchsten Tönen auf. Chris­tophe Dumaux und Philippe Jaroussky zeigen überzeugend die unglaub­lichen Möglich­keiten der mensch­lichen Stimme. Lautstark und kraftvoll klettern sie in die Höhen, artis­tisch sprinten sie in Kolora­turen und Sprüngen. Sandrine Piau, Ann Hallberg, Patricia Petibon oder Vivica Genaux zeigen demge­genüber eindrucksvoll die Gegen­über­stellung der weiblichen Sopranstimme.

Das begeis­terte Publikum dankt in minuten­langen Ovationen.

Helmut Pitsch

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