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DER SPIELER
(Sergej Prokofjew)
Besuch am
12. August 2024
(Premiere)
Nach der Rarität Der Idiot von Weinberg folgte im Premierenreigen der diesjährigen Salzburger Festspiele die nächste Oper: Sergej Prokofjews Der Spieler. Die Story basiert ebenso wie erstere auf der gleichnamigen Romanvorlage von Fjodor Dostojewski: In einer fiktiven deutschen Stadt Roulettenburg kommt eine finanziell heruntergekommene, faule Gesellschaft, wobei alle in einem Abhängigkeits- und Beziehungsgeflecht zueinanderstehen, in einem Hotel zusammen und wartet eigentlich nur darauf, dass die reiche Großmutter in Moskau endlich stirbt und alle auf das Erbe zugreifen können. Die tut ihnen den Gefallen aber nicht, sondern verspielt ihr Vermögen am Roulettetisch. Das Werk ist äußerst anspruchsvoll und hat sich nie wirklich durchgesetzt. Zunächst hatte die Oktoberrevolution eine Uraufführung in Russland verhindert. Erst 1929 war die Oper dann in überarbeiteter Form erstmals auf einer Bühne zu erleben – in Brüssel, das schon damals als eines der innovativsten Theater galt.
Sieben seltsame Gebilde schweben immer wieder auf der riesigen Bühne der Felsenreitschule, die mit Spiegeln ausgekleidet ist, was besondere Effekte erzeugt, auf und ab. Sie wirken wie UFOs, es sind aber Roulettekessel, die an dramaturgisch geeigneten Stellen heftig zu blinken beginnen. Eine Art Mini Las Vegas sieht man auf der ansonsten leergeräumten Bühne von George Tsypin, die nicht von den europäischen Adligen aus Dostojewskis Romanvorlage, sondern von sehr heutigen Normalos, ausgerüstet mit Handys in zeitgemäßen Kostümen, bevölkert wird. Regisseur Peter Sellars zeigt dabei aber nicht die Spannungen zwischen Westeuropäern und Russen, die im Roman deutlich zu erkennen sind. Obwohl Sellars die Konflikte bisweilen in rohe Gewalt ausarten lässt, stellt sich zu selten Spannung ein, einfach zu konventionell wirkt die Arbeit des einstigen Enfant terrible der Opernregie in diesem Fall.

In erster Linie setzt er auf Bebilderung. Und er baut, typisch für ihn, den Kampf gegen den Klimawandel wieder szenisch ein. Die Wand der Felsenreitschule ist teilweise bemoost, auf den Roulettetischen wächst Gras und ein deutsches Fürstenpaar wird mit oranger Farbe beschüttet. Sellars zeigt zwar intensiv die einzelnen Charaktere, schöpft aber nicht das psychologische Beziehungsgefüge der Personen untereinander aus.
In dieser Oper ohne Arien, Ensembles und Chöre werden die Gefühle und Stimmungen musikalisch sehr exponiert demonstriert, oft hart abgerissen, aber mit großer Sogwirkung. Das Ensemble ist großartig: Allen voran ist Sean Panikkar als Titelheld fast im stimmlichen Dauereinsatz. Er singt die Partie mit enormer Energie und Ausdauer, mit extremen Höhen und bietet ein facettenreiches Porträt des von Süchten, Leidenschaften und den Sitten der Zeit aufgezehrten Alexej. Asmik Grigorian ist eine Paulina mit lyrischer Grundierung und Expansionsfähigkeit ins Dramatische. Sie wird als linke Aktivistin gezeigt, die mit hässlichen Jeans bekleidet meist ziemlich zickig über die Bühne schlurft oder hinten sitzen muss. Violeta Urmana bietet als Babulenka eindrucksvolle Höhen und schöne Lyrismen in der tieferen Lage. Der dunkle Bass Peixin Chin prunkt als General nicht nur mit Farben und Resonanz, er meistert auch den deklamatorischen Stil der Oper, der dem gesamten Sängerteam viel abverlangt. Ideal besetzt auch Juan Francisco Gatell als Marquis, Nicole Chirka als Blanche.
Prokofjews farbenreiche und rhythmusorientierte Musik im Deklamationsstil wird von den bestens disponierten Wiener Philharmonikern unter dem erst 30-jährigen russischen Dirigenten Timur Zangiev, der damit sein Debüt bei den Festspielen gibt, fiebrig, nervös, siedend mit extremen Attacken vorangetrieben.
Riesiger Jubel im Publikum.
Helmut Christian Mayer