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Die Oper müsse durch ihren Gesang weinen, schaudern, sterben machen. Keinen geringeren Anspruch erhob Vincenzo Bellini, wenn es ihm darum ging, neues Musiktheater zu schaffen. Und mit dieser Auffassung gilt er als Schöpfer der romantischen italienischen Oper. Sein Durchbruch als einer der führenden italienischen Opernkomponisten gelang ihm mit der Uraufführung seiner dritten Oper am 27. Oktober 1827 in Mailand. Il Pirata erzählt von einer Frau, die zwischen zwei sie liebende Männer gerät und dafür mit ihrem Lebensglück bezahlt. Bemerkenswert ist das Werk aus heutiger Sicht vor allem im Hinblick auf die Musik. Nicht nur, dass viele seiner späteren Werke schon in Ansätzen auffunkeln, sondern er schrieb auch Imogene die erste Wahnsinnsarie auf den Leib, die maßgeblich zum Erfolg des Stückes beitrug.
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Regisseur Ben Baur verlegt die Geschichte ins Sizilien der 1940-er Jahre und schafft damit eine Atmosphäre mit nostalgischem Jetzt-Bezug. Er ist es auch, der eine Bühne baut, die zwar viele Umbauten verlangt, dafür aber viele Orte bietet, die stilistisch stimmig sind. Am rechten und linken Bühnenrand sind Kolonnaden gebaut. Im Bühnenvordergrund entstehen mit vergleichsweise wenigen Handgriffen ein Strand, ein Lager, eine Kneipe, ein Schlafzimmer, ein Kirchenraum und eine Aufbahrungsstätte. Ein Vorhang im Bühnenhintergrund gibt später einen hinterleuchteten Prospekt frei, auf dem ein Hafenbild zu sehen ist. Der Himmel ist abgehängt, so dass dahinter ein nach oben offener Schacht entsteht. Uta Meenen kleidet die Akteure in jahrestypische Kostüme, die dem Ganzen einen Touch neorealistischen Kinos verleihen. Dazu passt das im doppelten Sinne fantastische Licht, das Mariella von Vequel-Westernach setzt. Durch den Schacht fällt ein Grundlicht, das von warmen, gelben Grundtönen bis zum gleißenden Weiß einer sakralen Überhöhung reicht. Ergänzt wird das Licht um einzelne Lichtquellen im Retro-Glühbirnen-Look, die direkt auf der Bühne Akzente setzen. Ein Stadttheater, das ein solches Bild auf die Bühne bringt, kann stolz auf sich sein. Getrübt wird der Genuss durch die sehr italienische Inszenierung: Wer sich außerhalb des Chors zuerst bewegt, hat verloren. Bei der sehr sängerfreundlichen Personenführung sind längst überholt geglaubte Gesten unvermeidlich. Und wenn Ernesto beispielsweise bequem und entspannt im Fauteuil lehnt, um „Meine Wut wird immer größer“ zu singen, spricht das ebenso wenig für das Interesse an der Handlung wie der beiläufige Mord an Imogenes Sohn im Bühnenhintergrund.

Ein gemischtes Bild ergibt sich bei den gesanglichen Leistungen. Da die schauspielerischen Fähigkeiten nur zu geringem Maße abgerufen werden, müsste eigentlich genügend Raum für die sängerischen Leistungen sein. Umso erstaunlicher, dass Sopranistin Joyce El-Khoury als Imogene und Tenor Arthur Espiritu als Gualtiero sich im ersten Akt um die tiefen Lagen drücken und der Textverständlichkeit wenig Wert beimessen. In den Höhen lässt El-Khoury ein exzellentes Stimm-Material erahnen, das sie aber erst im zweiten Akt – eben bei der Wahnsinnsarie – voll ausspielt. Espiritu singt sehr auf Effekt, aber dazu bietet Bellini reichlich Gelegenheit, und so kann er hier wirklich glänzen. Marco Caria bringt einen sehr sonoren Ernesto, der dadurch irritiert, dass er beständig nach dem Dirigenten-Monitor schielt. Auch darstellerisch überzeugt Martin Summer in der Rolle des Geistlichen Goffredo. In den kleineren Rollen begeistern Tatjana Schneider als Adele und Riccardo Botta als Itulbo. Und Elhad Hoti macht seine Sache als Imogenes Sohn ganz prima.
Der Chor ist von Michael Vogel einstudiert worden und zeichnet sich mit Durchschlagkraft und Spielfreude aus.
Die Akustik im Stadttheater von St. Gallen ist ungewohnt kühl und damit zunächst gewöhnungsbedürftig. Das schmälert aber nicht im Ansatz die Leistungen des Sinfonieorchesters, das sich gern und präzise nach den unaufgeregten, aber durchaus von italienischer Leidenschaft beflügelten Anweisungen von Pietro Rizzo richtet. Da gibt es wirklich erfreulich viel Italianità zu hören.
Das Publikum lässt sich mit großem Enthusiasmus auf die Effekte der Schauerromantik ein und spendet reichlich Zwischenapplaus. Am Ende werden alle Akteure ausgiebig gefeiert. Man spürt, dass vor allem die Menschen hinter der Bühne mehr Engagement als ohnehin in Stadttheatern üblich in die Produktion gesteckt haben, die durchaus ihre Tücken hat. Da lohnt es auch schon mal, eine etwas längere Anreise in Kauf zu nehmen.
Michael S. Zerban