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Foto © Iko Freese

Mutter aller Wahnsinnsarien

IL PIRATA
(Komponist/​Choreograf)

Besuch am
28. April 2018
(Premiere)

 

Theater St. Gallen

Die Oper müsse durch ihren Gesang weinen, schaudern, sterben machen. Keinen gerin­geren Anspruch erhob Vincenzo Bellini, wenn es ihm darum ging, neues Musik­theater zu schaffen. Und mit dieser Auffassung gilt er als Schöpfer der roman­ti­schen italie­ni­schen Oper. Sein Durch­bruch als einer der führenden italie­ni­schen Opern­kom­po­nisten gelang ihm mit der Urauf­führung seiner dritten Oper am 27. Oktober 1827 in Mailand. Il Pirata erzählt von einer Frau, die zwischen zwei sie liebende Männer gerät und dafür mit ihrem Lebens­glück bezahlt. Bemer­kenswert ist das Werk aus heutiger Sicht vor allem im Hinblick auf die Musik. Nicht nur, dass viele seiner späteren Werke schon in Ansätzen auffunkeln, sondern er schrieb auch Imogene die erste Wahnsinn­sarie auf den Leib, die maßgeblich zum Erfolg des Stückes beitrug.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Regisseur Ben Baur verlegt die Geschichte ins Sizilien der 1940-er Jahre und schafft damit eine Atmosphäre mit nostal­gi­schem Jetzt-Bezug. Er ist es auch, der eine Bühne baut, die zwar viele Umbauten verlangt, dafür aber viele Orte bietet, die stilis­tisch stimmig sind. Am rechten und linken Bühnenrand sind Kolon­naden gebaut. Im Bühnen­vor­der­grund entstehen mit vergleichs­weise wenigen Handgriffen ein Strand, ein Lager, eine Kneipe, ein Schlaf­zimmer, ein Kirchenraum und eine Aufbah­rungs­stätte. Ein Vorhang im Bühnen­hin­ter­grund gibt später einen hinter­leuch­teten Prospekt frei, auf dem ein Hafenbild zu sehen ist. Der Himmel ist abgehängt, so dass dahinter ein nach oben offener Schacht entsteht. Uta Meenen kleidet die Akteure in jahres­ty­pische Kostüme, die dem Ganzen einen Touch neorea­lis­ti­schen Kinos verleihen. Dazu passt das im doppelten Sinne fantas­tische Licht, das Mariella von Vequel-Westernach setzt. Durch den Schacht fällt ein Grund­licht, das von warmen, gelben Grund­tönen bis zum gleißenden Weiß einer sakralen Überhöhung reicht. Ergänzt wird das Licht um einzelne Licht­quellen im Retro-Glühbirnen-Look, die direkt auf der Bühne Akzente setzen. Ein Stadt­theater, das ein solches Bild auf die Bühne bringt, kann stolz auf sich sein. Getrübt wird der Genuss durch die sehr italie­nische Insze­nierung: Wer sich außerhalb des Chors zuerst bewegt, hat verloren. Bei der sehr sänger­freund­lichen Perso­nen­führung sind längst überholt geglaubte Gesten unver­meidlich. Und wenn Ernesto beispiels­weise bequem und entspannt im Fauteuil lehnt, um „Meine Wut wird immer größer“ zu singen, spricht das ebenso wenig für das Interesse an der Handlung wie der beiläufige Mord an Imogenes Sohn im Bühnenhintergrund.

Foto © Iko Freese

Ein gemischtes Bild ergibt sich bei den gesang­lichen Leistungen. Da die schau­spie­le­ri­schen Fähig­keiten nur zu geringem Maße abgerufen werden, müsste eigentlich genügend Raum für die sänge­ri­schen Leistungen sein. Umso erstaun­licher, dass Sopra­nistin Joyce El-Khoury als Imogene und Tenor Arthur Espiritu als Gualtiero sich im ersten Akt um die tiefen Lagen drücken und der Textver­ständ­lichkeit wenig Wert beimessen. In den Höhen lässt El-Khoury ein exzel­lentes Stimm-Material erahnen, das sie aber erst im zweiten Akt – eben bei der Wahnsinn­sarie – voll ausspielt. Espiritu singt sehr auf Effekt, aber dazu bietet Bellini reichlich Gelegenheit, und so kann er hier wirklich glänzen. Marco Caria bringt einen sehr sonoren Ernesto, der dadurch irritiert, dass er beständig nach dem Dirigenten-Monitor schielt. Auch darstel­le­risch überzeugt Martin Summer in der Rolle des Geist­lichen Goffredo. In den kleineren Rollen begeistern Tatjana Schneider als Adele und Riccardo Botta als Itulbo. Und Elhad Hoti macht seine Sache als Imogenes Sohn ganz prima.

Der Chor ist von Michael Vogel einstu­diert worden und zeichnet sich mit Durch­schlag­kraft und Spiel­freude aus.

Die Akustik im Stadt­theater von St. Gallen ist ungewohnt kühl und damit zunächst gewöh­nungs­be­dürftig. Das schmälert aber nicht im Ansatz die Leistungen des Sinfo­nie­or­chesters, das sich gern und präzise nach den unauf­ge­regten, aber durchaus von italie­ni­scher Leiden­schaft beflü­gelten Anwei­sungen von Pietro Rizzo richtet. Da gibt es wirklich erfreulich viel Italianità zu hören.

Das Publikum lässt sich mit großem Enthu­si­asmus auf die Effekte der Schau­er­ro­mantik ein und spendet reichlich Zwischen­ap­plaus. Am Ende werden alle Akteure ausgiebig gefeiert. Man spürt, dass vor allem die Menschen hinter der Bühne mehr Engagement als ohnehin in Stadt­theatern üblich in die Produktion gesteckt haben, die durchaus ihre Tücken hat. Da lohnt es auch schon mal, eine etwas längere Anreise in Kauf zu nehmen.

Michael S. Zerban

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