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Foto © Michael Scheller/Volksbund

Klezmer-Musik in neuem Gewand

SIRBA OCTET TRIFFT AUF GEBIRGSMUSIKKORPS
(Diverse Komponisten)

Besuch am
5. November 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Herku­lessaal in der Bayeri­schen Residenz München

Es ist eines der renom­mier­testen sympho­ni­schen Blasor­chester in Deutschland, das Gebirgs­mu­sik­korps der Bundeswehr aus Garmisch-Parten­kirchen. Ganz gleich, ob Gelöbnis oder Großer Zapfen­streich, Feier­stunde oder Festakt, das Gebirgs­mu­sik­korps bietet den passenden musika­li­schen Rahmen. Mit tradi­ti­ons­reichen Märschen seiner gesamten Vielfalt ist das Orchester in ganz Bayern unterwegs, um militä­rische Anlässe zu begleiten. Bei Benefiz­kon­zerten zeigt das Gebirgs­mu­sik­korps, dass es außer Märschen auch mit sinfo­ni­scher Blasmusik, bayeri­schen Klängen oder Pop und Swing begeistern kann. Doch das Orchester kann noch viel mehr, das zeigt ein ganz beson­deres und einma­liges Konzert  im gut besuchten Herku­lessaal der Münchener Residenz, einem Klang­tempel, in dem große Orchester und Weltstars regel­mäßig zu Gast sind und wo schon viele große Aufnahmen gelungen sind, wie die legendäre Einspielung von Wagners Tristan und Isolde unter Leonard Bernstein von 1981.

In diesem Konzert trifft das Gebirgs­mu­sik­korps auf das Sirba Octet, einem einzig­ar­tigen Ensemble mit neuer und moderner Inter­pre­tation von Klezmer-Musik, die sich in einem neuen Gewand präsen­tiert. Sie schluchzt, sie weint, sie kann einen aber auch vor Freude einfach mal zum Tanzen bringen, die Klezmer-Musik, die der russische Komponist Dmitrij Schost­a­ko­witsch wie folgt beschreibt: „Jede Volks­musik ist schön, aber von der jüdischen muss ich sagen, sie ist einzig­artig! Sie ist so facet­ten­reich, kann fröhlich erscheinen und in Wirklichkeit tief tragisch sein. Fast immer ist es ein Lachen durch Tränen“. Der Begriff Klezmer setzt sich aus den Begriffen „kley“ für Instrument und „zemer“ für Melodie zusammen. Die Wurzel des Klezmer liegt in den osteu­ro­päi­schen „Schtetl“, Klein­städten mit hohem jüdischem Bevöl­ke­rungs­anteil, die im Spätmit­tel­alter entstanden sind, als die Aschke­nasim vor Pogromen und Vertrei­bungen aus den jüdischen Gemeinden Mittel­eu­ropas nach Osten flohen, nach Weißrussland, Litauen, Rumänien, Moldawien, der Ukraine und Polen. Dabei nahmen sie nicht nur ihr Hab und Gut, sondern auch ihre Tradition mit: das Musizieren bei Hochzeiten und anderen Festen, den geist­lichen Gesang in den Synagogen und ihre typische jiddische Sprache. Aus solchen Quellen speist sich der Klezmer, der im 18. und 19. Jahrhundert entstand. In der neuen Heimat passten sich die jüdischen Musiker den Gegeben­heiten an und integrierten Volks­lieder und Tänze der verschie­denen osteu­ro­päi­schen Kulturen in ihre Musik. Diese Offenheit, das „über den Tellerrand schauen“ ist ein Merkmal des Klezmer und hat mit zum Überleben der Musik beigetragen. Später, als zwischen 1884 und 1924 viele osteu­ro­päische Juden nach Amerika auswan­derten und sich an der Lower East Side in New York ansie­delten, verän­derte sich der Klezmer erneut. Klezmer-Musik ist eng mit dem Gesang in den Synagogen verbunden und dem jüdischen Gesang im Allge­meinen verbunden. Das berühmte „Schluchzen“ in der Musik rührt daher. Zudem schwanken die Melodien meist zwischen Dur und Moll, denn sie basieren auf verschiedene Tonlei­ter­typen, den „Gustn“, die dem Musiker etliche Freiheiten lässt: es gibt eine Anzahl von Tönen, die erhöht oder erniedrigt werden dürfen, je nach Motiv und Melodie und Geschmack der Musiker. Die wichtigsten Klezmer-Instru­mente sind das Zymbal, die Geige und die Klarinette.

Foto © Michael Scheller/​Volksbund

Das franzö­sische Sirba Octet präsen­tiert die Klezmer-Musik in einem modernen Gewand, bei dem auch das Enter­tainment auf der Bühne nicht zu kurz kommt. Im Jahr 2003 stellte sich der Geiger Richard Schmoucler der Heraus­for­derung, ein Ensemble zu gründen, das konven­tio­nelle klassische Musik mit tradi­tio­neller osteu­ro­päi­scher Volks­musik verbindet. Er brachte fünf Musiker­kol­legen vom Orchestre de Paris, dem Orchestre National de France und dem Orchestre de l’Opéra de Paris zusammen, gemeinsam mit einem Pianisten, einem Zymbal-Spieler und dem Arrangeur Cyrille Lehn, um das Sirba Octet zu gründen. Das einzig­artige Ensemble, das eine neue Perspektive auf das Klezmer‑, Jiddisch- und Zigane-Reper­toire bietet, veröf­fent­lichte 2005 sein erstes Album A Yiddishe Mame bei Naïve Classic. Das Album ist eine persön­liche Auswahl von Musik, die von den Melodien Osteu­ropas durch­drungen ist und gleich­zeitig eine Antho­logie von Liedern mit slawi­schem und jiddi­schem Einschlag. Es sind Erinne­rungen an die Famili­en­treffen und Feiern des Gründers Richard Schmoucler. Die Musik, ein Eckpfeiler seiner Kultur und seines persön­lichen Bewusst­seins, inspi­rierte ihn dazu, sie wieder in sein Leben und seine Karriere als klassi­scher Musiker einzu­führen. Der rote Faden, der sich durch die gesamte Showreihe des Ensembles seit 2003 zieht, ist das vollständige Eintauchen in die osteu­ro­päische Volks­musik. Tantz!, was auf Jiddisch „Tanz“ bedeutet, war der Ausgangs­punkt für die Erkundung des tradi­tio­nellen Klangs der Klezmer- und Zigane-Festtänze aus Rumänien, Moldawien, Russland und Ungarn. Das Album, das 2015 bei Dolce Volta erschien, wurde 2017 von der Deutschen Grammophon erneut veröf­fent­licht. Seit Anfang 2019 arbeitet das Ensemble mit Alexeï Birioukov an der Balalaika zusammen, der an diesem Abend sein exzel­lentes Können an dem beson­deren Instrument zum Besten gibt.

Dass das Konzert im Kalender Münchens eine besondere Rolle spielt, beweist die Tatsache, dass der Herzog Franz von Bayern sowie der Bayerische Staats­mi­nister für Wissen­schaft und Kunst, Markus Blume, die Schirm­herr­schaft übernommen haben.

Die Begrüßung der Gäste und die Ansprache übernimmt Charlotte Knobloch. Die mittler­weile 92-Jährige ist seit 1985 Präsi­dentin der Israe­li­ti­schen Kultus­ge­meinde München und Oberbayern und ehemalige Präsi­dentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Knobloch erinnert mit bewegenden Worten an den Untergang der jüdischen Musik, an die jüdische Kultur und jüdisches Leben in der Zeit der NS-Diktatur. Für sie sei dieses Konzert auch eine Form des Gedenkens. Ein Konzert in dieser Form, jüdische Musiker gemeinsam mit deutschen Militär­mu­sikern, das sei vor über 80 Jahren undenkbar gewesen. Das Konzert sei auch ein deutliches gesell­schaft­liches Zeichen in einer Zeit des wieder­auf­kei­menden Antise­mi­tismus, und sie danke allen Betei­ligten und Organi­sa­toren dafür, dass das Konzert überhaupt zustande gekommen sei. Moderiert wird das Konzert von Sylvia Schreiber, Modera­torin beim Bayeri­schen Rundfunk.

Eröffnet wird das Konzert mit der Suite de Moldavie. Der Rhythmus der Suite geht sofort ins Blut über, man spürt förmlich, wie es in den Füßen zuckt. Fröhlichkeit, Lebens­freude und Energie, das verströmen die Musiker bei ihrem ersten fulmi­nanten Auftritt, und das Sirba Octet tanzt förmlich zu den rhyth­mi­schen Melodien der Suite, die wie so viele Stücke an diesem Abend von Robert Kuckertz arran­giert wurden, einem ehema­ligen Dirigenten des Bundeswehr-Musik­korps. Auffäl­ligstes Instrument ist hier die Klari­nette, die mal quatscht, mal knarzt, mal quietscht, was der Musik ihr beson­deres Kolorit verleiht. Und schon beim ersten Stück zeigt sich, wie wunderbar die Musiker des Gebirgs­mu­sik­korps mit dem Sirba Octet inter­agieren. Die beiden anscheinend so grund­ver­schie­denen Ensembles treten ein in einen musika­li­schen Dialog auf Augenhöhe. Der Dirigent des Abends und musika­lische Leiter des Gebirgs­mu­sik­korps, Rudolph Piehl­mayer, bringt hier seine ganze Erfahrung und Expertise, die er aus Jahrzehnten Tätigkeit in Oper und Konzert gewonnen hat, zum Wohle des Orchesters ein, dass sich mit solchen Darbie­tungen immer weiter entwi­ckelt und seiner schon ohnehin großen musika­li­schen Bandbreite eine neue Facette hinzufügt.

Der gebürtige Strau­binger studierte Klavier, Klari­nette und Dirigieren an der Hochschule für Musik und Theater München. Nach seiner Zeit als Solokla­ri­nettist bei den Berliner Sympho­nikern begann er seine Kapell­meis­ter­laufbahn am Theater Regensburg. Von 2002 bis 2009 war Piehl­mayer General­mu­sik­di­rektor in Augsburg. Mit Richard Strauss‘ Oper Der Rosen­ka­valier debütierte er im Januar 2002 beim Gewand­haus­or­chester an der Oper Leipzig, wo er von 2007 bis 2010 Erster ständiger Gastdi­rigent war. Mit dem Orchestre National de Bretagne in Rennes, der Opéra de Rennes, der Opéra Rouen Haut Normandie verbindet ihn seit 2014 eine enge Zusam­men­arbeit. Bellinis Norma, Wagners Lohengrin und Der fliegende Holländer standen dort neben Sinfo­nie­kon­zerten auf seiner Agenda. Seit August 2022 leitet er das Gebirgsmusikkorps.

Cocher, ralentis tes chevaux, zu Deutsch „Kutscher, bremsen Sie Ihre Pferde“, ist das zweite schwung­volle Stück an diesem Abend. Wenn eines nicht gelingt, dann ist es die Pferde zu bremsen, die musika­li­schen Gäule gehen quasi mit den Musikern beider Ensembles durch, trotz des melan­cho­li­schen Einschlags. Das Stück wie auch  weitere  Melodien des Abends finden sich auf dem Album Sirba Orchestra!, einem Werk, das 2018 mit dem Royal Philhar­monic Orchestra of Liège unter der Leitung von Christian Arming und Nicolas Kedroff an der Balalaika aufge­nommen wurde.

Foto © Michael Scheller/​Volksbund

Mit Tire L’Aiguille hat das Sirba Octet seinen ersten Solopart. Es ist ein franzö­si­sches Chanson aus den frühen fünfziger Jahren. Zunächst spielt Philippe Berrod auf der Klari­nette eine sehnsüchtige Melodie, in die Stanislas Kuchinski am Kontrabass im Dialog einfällt. Die Klari­nette erzählt eine Geschichte, und nach und nach fallen die anderen Instru­mente ein, und aus dem Dialog entwi­ckelt sich plötzlich eine schnelle, rhyth­mische Melodie. Bei der der stets lächelnde Iurie Morar am Zymbal seinen ersten großen Auftritt hat. Farges mikh nit, vergiss mich nicht, ist ein wehmü­tiges Lied, eine Erinnerung an eine bewegende Zeit vor 100 Jahren, mit einem wunder­baren Arran­gement von Kuckertz. Im zweiten Teil des Songs gibt es Jazz- und Swing Elemente. Klari­nette und Saxofon wetteifern um die Gunst. Und wieder ein Zusam­men­spiel der beiden Forma­tionen, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten. Und bei Valenki wird es wieder melan­cho­lisch, denn zum ersten Mal an diesem Abend spielt Alexeï Birioukov an der Balalaika zusammen mit beiden Ensembles. Die Balalaika ist eine Schalen­lang­hals­laute, die vor allem in Russland gespielt wird. Das Zupfin­strument hat drei Saiten und einen dreieckigen Resonanz­körper mit sehr kleinem Schallloch. Im Westen ist die Balalaika vor allem als charak­te­ris­ti­sches Instrument der russi­schen Volks­musik bekannt. Und Birioukov zeigt, dass er ein Virtuose an dem Instrument ist. Valenki sind russische Filzstiefel, und so boden­ständig wie das Schuhwerk ist auch die Melodie.

Jan van der Roost ist ein belgi­scher Komponist und Dirigent im Bereich der Blasmusik. 1985 kompo­nierte er Rikudim – Four Israeli Folk Dances for Band. Die vierteilige Suite Rikudim – hebräisch für Tanzen – besteht aus von der jüdischen Musik inspi­rierten Tänzen. Durch den Gebrauch von orien­ta­lisch anmutenden Tonin­ter­vallen und unregel­mä­ßigen Taktarten ist es dem Kompo­nisten gelungen, in dieser Musik einer­seits einen Hauch Melan­cholie, anderer­seits spezi­fisch jüdische Elemente mitein­ander zu verschmelzen. Mit den Tänzen spielt das Gebirgs­mu­sik­korps seinen ersten Solopart, und die Profi­mu­siker aus Garmisch zeigen, dass sie auch das für sie eher unbekannte Terrain beherr­schen und mit ihrer Inter­pre­tation die Zuschauer im Saal mitreißen können. Nach dem mitrei­ßenden Auftritt wird es still im Saal. Ya Vstretil vas, „ich traf dich“, ist eine russische Romanze, deren Melodie durch eine bittersüße Melan­cholie getragen wird. Das Sirba Octet und Alexeï Birioukov an der Balalaika begeistern durch ein träume­ri­sches Schwelgen bis hin zu einem leisen Schluchzen der Balalaika. Dieses Stück ist ein Gänse­haut­moment an diesem Abend. Damit es aber nicht zu schwer­mütig in die Pause geht, holen die beiden Forma­tionen, unter­stützt von Alexeï Birioukov an der Balalaika, das Publikum mit der Moskovskaya Polka aus der Melan­cholie zurück und reißt es förmlich von den Sitzen. Es beginnt langsam mit einem Pizzicato der Balalaika, dann fällt die Klari­nette ein. Die anderen Instru­mente folgen, und die Polka wird immer schneller, ein Tanz wie auf der Rasier­klinge, voll überschäu­mender Fröhlichkeit, die die Musiker mit einem gerufenen „Hoppa“ heiter zum Ausdruck bringen. Schon zur Pause gibt es großen Jubel für das Sirba Octet mit Birioukov und dem Gebirgs­mu­sik­korps unter der Leitung von Piehlmayer.

Foto © Michael Scheller/​Volksbund

Der zweite Teil des Konzertes beginnt mit Hora Moldo­ve­neasca wieder heiter und fröhlich, so wie der erste geendet hat. Das Sirba Octet eröffnet, dann erklingt das Gebirgs­mu­sik­korps, und wieder entspinnt sich ein musika­li­scher Dialog zwischen beiden Forma­tionen auf Augenhöhe, der noch durch ein Zwiege­spräch zwischen Klavier und Zymbal erweitert wird. Dann wird es wieder wehmütig. Tata, vine pastele wird mit Zymbal-Klängen eröffnet, bei den ersten Klängen denkt man sofort an Melodien aus der Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán oder Zigeu­ner­liebe von Franz Lehár. Doch die Operet­ten­se­ligkeit verschwindet rasch, und die Klari­nette mit ihrer melan­cho­li­schen Melodie schließt sich an, bevor das ganze Oktett in den musika­li­schen Dialog eintritt. Doina/​Hora flacailor ist ein Stück, bei dem Iurie Morar am Zymbal solo seine Virtuo­sität zeigen kann und bei dem man einfach nur die Augen schließen und genießen möchte. Die Melodie erinnert an einen Csárdás und an längst vergangene Zeiten. Mit Karobeiniki zeigt Birioukov an der Balalaika nicht nur sein virtuoses Können, sondern auch seine Quali­täten als Unter­hal­tungs­künstler. Dann ist es wieder am Gebirgs­mu­sik­korps, mit den Yiddish Dances von Adam Grob ihr breites Reper­toire zu demons­trieren. Yiddish Dances ist eines der belieb­testen Werke für Bläser, die im 20. Jahrhundert geschrieben wurden. Es wurde 1998 als Stück für Sympho­ni­sches Blasor­chester konzi­piert und vereint den leben­digen Stil und Klang eines Blasor­chesters mit der exoti­schen Volks­musik der jiddisch­spra­chigen Bevöl­kerung. Die Musiker spielen die Tänze sehr intensiv, bei dem großen sympho­ni­schen Block können sie zeigen, warum sie eines der besten Blasor­chester in Deutschland sind. Selbst die Musiker­kol­legen vom Sirba Octet spenden nach der Darbietung anerken­nenden Applaus.

Corageasca ist das letzte Solostück des Sirba Octet. Es beginnt wie so viele Stücke ganz langsam, dann nimmt die Melodie Fahrt auf, wird immer schneller. Die Klari­nette, meisterhaft gespielt von Philippe Berrod, schnattert, scheint wild zu gesti­ku­lieren, ein Ausdruck purer Lebens­freude. Am Schluss des Konzertes wird es noch einmal richtig folklo­ris­tisch. Kalinka hat irgendwie schon jeder einmal gehört, ein scheinbar mit vielen Klischees behaf­tetes Lied, was irgendwie schon abgedro­schen sein mag. Doch nicht in der Inter­pre­tation des Sirba Octet mit dem Gebirgs­mu­sik­korps. Kalinka ist ein russi­sches Volkslied, das 1860 vom Kompo­nisten und Folklo­risten Ivan Larionov geschrieben und urauf­ge­führt wurde. Jetzt erklingt es in einem modernen, sympho­ni­schen Gewand und reißt das Publikum mit. Die ohnehin schon enthu­si­as­tische Stimmung im Publikum wird mit dem letzten Lied des Programms noch einmal verstärkt. Katioucha und Otchi Tchornia – schwarze Augen – sind zwei populäre russische Liebes­lieder, die hier als ein Stück präsen­tiert werden. Die Walzer­klänge von Otchi Tchornia werden hinreißend gespielt, und in dem Stück kumuliert noch einmal die Lebens­freude und Energie der Musik. Es gibt stehende Ovationen, und das Sirba Octet, Alexeï Birioukov und das Gebirgs­mu­sik­korps der Bundeswehr unter der Leitung von Rudolf Piehl­mayer werden für das in jeder Hinsicht einmalige Konzert gefeiert. Als Zugabe wieder­holen die Musiker noch einmal die Moskovskaya Polka, was die Stimmung im Saal zum Überkochen bringt.

Das Konzert ist mehr als nur ein Experiment. Es ist der Beweis, dass Musik in jeder Hinsicht Grenzen überschreiten kann, wenn man in den Dialog eintritt. Ein Militär­mu­sik­or­chester und Klezmer-Musik. Was vorher vielleicht als undenkbar galt, an diesem Abend wird ein ganz neues Kapitel aufge­schlagen, und die wunderbare Musik mit ihrer anste­ckenden Fröhlichkeit ist aus einem Nischen­dasein heraus­ge­treten. Der gesamte Erlös des Abends kommt wohltä­tigen Zwecken zugute.

Andreas H. Hölscher

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