O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Am zweiten Tag zeigt sich Lyon bereits wieder eines Frühjahrsfestivals würdig. Der Hut bleibt im Hotel, stattdessen ist die Sonnenbrille gefragt. Allzu viel Zeit, sich damit zu zeigen, bleibt allerdings nicht, denn die Opéra national de Lyon hat für den Höhepunkte ihres Verdi-Festivals ein strammes Programm vorgesehen. Bereits um halb sieben am Abend beginnt die fünfstündige Premiere von Don Carlos in der französischen Fassung. Vor Beginn der Aufführung bildet sich eine Warteschlange vor dem Eingang, die sich quer über den Opernvorplatz windet. Die Besucher bleiben gelassen, schließlich dienen die Einlasskontrollen ihrer Sicherheit. Es grenzt an ein logistisches Wunder, dass die Premiere nur wenige Minuten nach der vorgesehenen Zeit beginnt.
Und damit verlassen wir den Boden der Wirklichkeit. In den kommenden fünf Stunden nimmt Christoph Honoré die Besucher des ausverkauften Hauses mit in die Welt Giuseppe Verdis. Von Hause aus Filmregisseur, verzichtet Honoré komplett auf den Einsatz moderner Medien, ja, grenzwertig altbacken wirkt seine Inszenierung. Aber er schafft großartige Bilder, und seine Personenführung lässt kaum mal jemanden an der Rampe stehen. Honoré kann erzählen. Da sieht man ihm die ellenlangen Umbaupausen, wenn auch gegen Schluss zähneknirschend, nach. Don Carlos spielt in finsteren Zeiten, und so richtig lustig ist die Geschichte auch nicht, die Joseph Méry und Camille de Locle nach einem Stoff von Friedrich Schiller in ein Libretto gegossen haben. Da bleibt es differenziert düster auf der Bühne. Was in erster Linie heißt, dass Dominique Bruguiére genial gut wenig Licht setzt. Anstrengend ist es trotzdem, weil das Personal, das von Pascaline Chavanne in zeitlos-fantasievolle Kostüme gekleidet ist, mitunter nur noch schemenhaft erkennbar ist. Für Zuschauer, die die Lustige Witwe im Putzlicht gewöhnt sind, ist das nichts.
Alban Ho Van sorgt dafür, dass trotzdem überwältigende Bilder entstehen. Hier ist der Wald ein nebeldurchfluteter Raum, in dem der Chor herumirrt. Das Gartenfest ein Spiel der Vorhänge in einer Choreografie von Ashley Wright. Das Autodafé ein dreistöckiger Raum, in dem die Kirche scheinbar über König und Volk steht. Und der Kerker so trostlos ist, dass man weinen möchte. Überraschende Effekte schleichen sich dabei unauffällig ein, geschehen, bis auf den Schuss auf Marquis de Posa, der absichtlich aufschreckend in die Stille einschlägt, meist beiläufig und damit oft umso eindrucksvoller.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
| Bühne | ![]() |
| Publikum | ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() |
Nein, diese Oper ist kein Spaß. Das Drama fordert den Zuschauer von Anfang bis Ende. Honoré nötigt dem musealen Stoff permanent neue Sichtweisen ab, die aus dem Spiel um Machterhalt und Machtgewinn mehr als eine Begebenheit im 17. Jahrhundert machen. Dabei sind die Männerrollen durchgängig stupende besetzt. Allen voran der Marquis de Posa Stéphane Degout, der mit seinem Stimmmaterial schnell das ohnehin applausfreudige Publikum begeistert. Michele Pertusi spielt einen würdevollen spanischen König und lässt seinen Bass immer geschmeidiger werden. Wunderbar auch der schwarze Bass des Großinquisitors Roberto Scandiuzzi. Und der spanische Infant, Don Carlos, wird von Sergey Romanovsky nicht nur schön gesungen, sondern auch überzeugend gespielt. Bei den Damen begeistert vor allem Eve-Maud Hubeaux, die eine Prinzessin Eboli im Rollstuhl spielt, ihre seelischen Verletzungen also hier nach außen trägt. Stimmlich wie darstellerisch liefert Hubeaux eine erstklassige Leistung ab, die in jeder Sekunde überzeugt. Mit der eher kleinen Rolle des Pagen von Elisabeth ist Jeanne Mendoche aus dem Opernstudio goldrichtig besetzt. Ihre jugendlich-frische Ausstrahlung vermag sogar ein wenig Glanz in das sonst so trübe Licht bringen. Eigentlich ist die Elisabeth von Valois eine dankbare Rolle, mit der eine Sängerin ordentlich Lorbeeren sammeln kann. Sally Matthews gelingt das nicht. Ihre Stimme klingt, um es freundlich auszudrücken, matt – zum Ende hin scheint auch die Kondition zu fehlen. Der Chor macht diesen kleinen Einbruch mehr als wett. Auch wenn die Namen der Chorleiter wechseln, den Don Carlos hat Denis Comtet einstudiert, die Choristen bleiben die gleichen. Und gemeinsam mit Daniele Rustioni werden sie auch die folgende Aufführung gestalten. Eine Mammutleistung, die in jeder Hinsicht aller Ehren wert ist.

Rustioni konnte bereits mit Macbeth begeistern, bei dem Schwergewicht von Don Carlos legt er noch einen drauf. Elegant weiß er zu akzentuieren, bedrängt die Sänger nicht und hält die Spannung in der Musik mit dem Opernorchester über die gesamte Länge des Abends. Das Ergebnis harter Arbeit klingt leichtfüßig, ohne an die Oberfläche zu strudeln. Darüber täuschen auch ein paar kleinere Patzer der Musiker nicht hinweg, denen man es nicht einmal verdenken könnte, wenn sie Konditionsschwächen zeigen. Dass dem nicht so ist, werden auch sie bei Attila zeigen. Formidabel!
Das findet auch das ohnehin begeisterungsfähige Publikum, das sich immer wieder in Begeisterungsrufen ergeht. Auch scheint die Inszenierungsidee von Honoré bei den Zuschauern erheblich besser anzukommen als der Vorabend. Und so bekommt auch das Leitungsteam ungeteilten Zuspruch. Gewiss, am Ende dieses langen Abends stellt sich so mancher erschöpft die Frage, ob vor allem die ausufernden Umbaupausen notwendig waren, aber ansonsten ist allseitig Begeisterung zu vernehmen. Damit ist der Höhepunkt des Festivals, das ja nun eigentlich erst richtig beginnt, glanzvoll absolviert. Und noch ahnt niemand, was der Attila, der schon am nächsten Tag „nur“ konzertant aufgeführt werden wird, für eine Überraschung bereithält.
Michael S. Zerban