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AMERICAN STRING QUARTET
(Joseph Haydn, Antonín Dvořák, George Tsontakis)
Besuch am
11. November 2017
(Einmaliges Gastspiel)
Orchesterformationen aus den USA, die nicht zur Pop-Rock-Szene gehören, sind in Deutschland eher selten zu Gast. Am ehesten findet man noch die großen Sinfonieorchester, etwa eines der big five aus New York, Boston, Chicago, Philadelphia und Cleveland, auf dem alten Kontinent. Kleinere Formationen sind eher seltene Gäste. So kann die Teilnahme des American String Quartet am Münsterland-Festival durchaus als Rarität, als seltene Gelegenheit betrachtet werden. Das wissen die Bagno-Besucher, die den herrlichen Konzertsaal im ehemaligen Lustgarten Bentheim-Steinfurt fast vollständig füllen.
Mit Kompositionen von Joseph Haydn und Antonín Dvořák stehen Kompositionen aus wichtigen Epochen der Musikgeschichte auf dem Programm, mit dem Streichquartett des griechischen Komponisten George Tsontakis gar eine deutsche Erstaufführung. Und die Künstler Peter Winograd und Laurie Carney, Violine, Daniel Avshalomov, Bratsche, und Wolfram Koessel, Cello, sind äußerst erfahrene und vielfach ausgezeichnete Künstler, die ihr Können unter anderem seit über 30 Jahren als „Quartet-in-Residence“ an der New Yorker Manhattan School of Music an junge Musiker weitergeben.
Die Programmstücke von Haydn, Tsontakis und Dvořák verlangen technisch versierte und ausdrucksstarke Künstler. Das Streichquartett G‑Dur gehört zu den letzten Quartetten aus Haydns Feder und zeigt die ganze Kreativität und Erfahrung Haydns als Komponist. Mit kraftvoll-bestimmten Akzenten setzt Peter Winograds Erste Violine einen markanten Anfang, den die übrigen Instrumente begleiten. Das Hauptmotiv wandert durch die verschiedenen Stimmen, auch das Cello tritt phasenweise im Solo auf, wenn es nicht wie alle Instrumente klangvolle Tutti-Passagen unterstützt. Mit einem wunderschönen, gefühlvollen Adagio nimmt das Quartett in weichen Melodiebögen und spitzen Synkopen die Zuhörer gefangen, romantische Klänge sind nahe. Im Wechsel zu einem Presto-Satz erklingen tänzerische Passagen und Ton-Kaskaden, Indizien der barocken Lebensfreude. In schnellen Läufen und einem erzählenden Cello geht ein melodiöses Finale zu Ende.
George Tsontakis Streichquartett Maverick unterstreicht die enge Verbindung des griechisch-amerikanischen Komponisten mit den Maverick Concerts in Woodstock, New York. Auch wenn Tsontakis den ersten Satz seiner Komposition Distantly romantic – entfernt romantisch – betitelt, hören sich die Besucher in moderne Musik versetzt. Dissonante Passagen, keine durchgehenden Rhythmen, sphärische Tonfolgen, auch schrille Töne, selbstständig wirkende Klänge der einzelnen Instrumente – ein völlig neues Klanggefühl. Unter Führung der Ersten Violine schwirren „abstrakte“ Tonfolgen zu den Zuhörern und werden von kräftigen Einwürfen unterbrochen, klassisch gewohnte Passagen klingen kaum auf.
Da wirkt dann das abschließende Streichquartett F‑Dur American durchaus „klassisch“ und im Klang vertrauter. Dvořák verbindet klassische, romantische und folkloristische Elemente bis in seine späten Opern hinein. Den Zuhörern begegnen andere Stimmungen, melodiöse Phrasen, große Tonumfänge. Auch hier führt die Erste Violine häufig in die Themen ein, bevor das Motiv durch alle Stimmen variiert wird. Im Vivace-Satz zeigen die Violinen einen originellen Wechselsatz, bevor im lebhaften Finale das Quartett in Rhythmus und schön ausgespielten Melodiebögen noch einmal seine Ausdrucksstärke belegt. Als müsse es sich neu orientieren, fühlt sich das Publikum vor allem in den letzten beiden Sätzen, dem Vivace und dem Finale angesprochen und reagiert lebhafter.
Mit seinem Konzert beim Münsterland-Festival beginnt das American String Quartett seine Europatournee. Die Bagno-Besucher dürfen sich glücklich schätzen, dieses renommierte Streicher-Quartett in seiner Konzertgalerie erleben zu können. Wenn dann gegen Schluss nach einer technisch perfekten Aufführung bei Dvořáks Musik auch noch der Funke zum Publikum überspringt, sind nach sich steigerndem Beifall zwei Zugaben für Künstler und Besucher die verdiente Belohnung.
Horst Dichanz