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Foto © O-Ton

Countertenor im Bagno – welche Überraschung!

L’ARTE DEL MONDO
(Diverse Komponisten)

Besuch am
7. Dezember 2019
(Einma­liges Gastspiel)

 

Konzert­ga­lerie Bagno, Steinfurt

Viele Konzert­be­sucher winken bei dem Hinweis „Counter­tenor“ ab – nein danke. Zu oft haben Zuhörer sich über diese besondere Art des männlichen Tenor­ge­sangs gewundert, geärgert, haben die Schultern gezuckt: ohne Klang, ohne Volumen, oft blechern, manchmal schep­pernd, auch mit merkwür­digen Rollen verbunden. Vergessen Sie es: Valer Sabadus, der mit knapp 34 Jahren noch junge, aber schon weltweit beachtete und vielfach ausge­zeichnete Tenor mit beson­derer Stimme, bietet ein neues, ein absolut überra­schendes Erlebnis und ein neues Verständnis des Faches Counter­tenor. Unter dem Titel L’arte des mondo nach einer Sinfonie von Antonio Cladara lädt der Bagno-Kultur­kreis Steinfurt im Rahmen seiner Meister­serie A zu einem Kammer­mu­sik­abend mit dem Counter­tenor Valer Sabadus und dem Kammer­or­chester L’arte des mondo in seine Konzert­ga­lerie ein, die wie für solche Zwecke gebaut worden zu sein scheint.

Sabadus, in Rumänien in einer Musiker­fa­milie geboren und in Deutschland groß geworden, betritt fast wie einer der Besucher die – wieder einmal – ausver­kaufte Konzert-Galerie im Stein­furter Schlosspark. Sabadus – bereits vielfach inter­na­tional mit Preisen ausge­zeichnet, 2020 erhält er den Händel-Preis der Stadt Halle – ist ein junger Mann, freundlich, locker und verbindlich, findet gleich Kontakt zum Publikum und beginnt einfach zu singen, ohne große Ankün­di­gungen, ohne Posen oder Getue, in engem Kontakt mit dem Barock-Kammer­or­chester hinter ihm. Locker, unprä­tentiös, singt er mit klarer Intonation und herrlichem Volumen quer durch die Barock­li­te­ratur in leichten Basslagen, tupft mal eben eine Reihe von Kolora­turen hin, steigt mit voller Stimme bis in ungewohnte Höhen hinauf und wirkt, als sei das alles für ihn keine Anstrengung, locker, dahin gehaucht oder fortissimo, aber nie mit geschwol­lenen Adern – unglaublich, ein äußerst sympa­thi­scher Zeitge­nosse. Er  fängt einfach an zu singen, einfach so. Wer ihn gehört hat, muss über Counter­tenöre neu nachdenken.

Valer Sabadus und Werner Ehrhardt – Foto © Matthias Schröder

Ganz zurück­haltend, schwebend beginnt Sabadus einen Larghetto-Satz von Caldera, meistert ohne erkennbare Mühe hohe Lagen, verfügt auch in tieferen Lagen über ein erstaun­liches Volumen. Gefühl­volle Melodie­wellen wechseln sich mit technisch perfekten Kolora­turen, Gestik und Mimik unter­streichen die Musik. A‑cap­pella-Passagen sind für Sabadus keine Heraus­for­derung, eher eine Chance für seine weichen Einsätze und hohen Passagen. Ob die Inter­pre­ta­tionen von Porpora oder Scarlatti, Sabadus meistert die Arien und Sinfo­nie­sätze scheinbar mühelos, gefühlvoll und ausdrucks­stark. In Johann Christian Bachs Arie aus Adriano in Siria zeigt er die Kraft seiner Stimme, wenn er rhyth­misch betont in Begleitung des Kontra­basses entschieden intoniert. Auch vielfache Schleifen und Triller sind für ihn keine Heraus­for­derung, wie er in Glucks Arie Non saprei qual doppia Voce expressiv zeigt.

Im zweiten Teil des Konzertes widmet sich Sabadus gleich mehreren Kompo­si­tionen des spätba­rocken Kompo­nisten Johann A. Hasse. Im Rezitativ und der Arie A Dio trono aus der Oper Marc Anton und Cleopatra kann er in lebhaftem Tempo seine Ausdrucks­fä­higkeit belegen, die vom gefühl­vollen Largo über leichte Vibra­tionen bis zum schwin­genden kräftigen Forte reicht. Einer zweiten Arie aus dieser Oper gibt Sabadus weich intoniert und emotional einen expressiv-erzäh­lenden Ton. Nach zwei Instru­men­tal­stücken mit einfühl­samen Geigen-Passagen zeigen Orchester und Sänger in einem sehr lebhaften Satz aus Gioac­chino Sacchinis Il Cid die Breite und Fülle ihrer Ausdrucks­fä­hig­keiten, die sie in einem dynami­schen musika­li­schen Finale erklingen lassen. Das Publikum ist begeistert, der Beifall will kaum enden.

Mit dem Counter­tenor Valer Sabadus und dem neunköp­figen Ensemble L’arte des mondo unter Leitung ihres Gründers Werner Gebhardt hat der Kultur­kreis Steinfurt ein weiteres Mal an histo­ri­schem Ort ein Konzert angeboten, das auch weitere Wege lohnt. Die fast ausnahmslos ausver­kauften, hochklas­sigen Konzerte des Bagno-Kultur­kreises Steinfurt mit seinem rührigen künst­le­ri­schen Leiter Matthias Schröder ziehen nun schon seit Jahren ein musik­kun­diges Publikum an, das für diese außer­ge­wöhn­lichen musika­li­schen Angebote gern auch weitere Wege weit über den Kreis Steinfurt hinaus in Kauf nimmt. Die Bagno-Konzert­ga­lerie strahlt nicht nur wegen ihres glänzenden Blatt­goldes auf der Innendekoration.

Horst Dichanz

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