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FRANCESCA DA RIMINI
(Riccardo Zanodai)
Besuch am
8. Dezember 2017
(Premiere)
Mit Zandonais Oper verhält es sich wie mit jenen Menschen, deren problematischer Charakter bekannt ist, mit denen man es aber der Vielzahl ihrer Talente halber immer wieder einmal versucht. Denn tatsächlich gelingt es ja der Musik Zandonais und dem Textbuch seines Verlegers Tito Ricordi aus den dekadent-überzüchteten Leidenschaften, Empfindungen und Diskursen, die das Versdrama Gabriele D’Annunzios aus dem fünften Gesang von Dantes Inferno sprießen lässt, eine Oper von ganz eigenen Reizen zu destillieren.
Regisseurin Nicola Raab stutzt das Überzivilisierte des Werks auf ein für Nicht-décadents erträgliches Maß zurück. Sie sorgt für so klare szenische Verhältnisse, deutliche Personenbeziehungen und straffe Abläufe, wie es das Sujet zulässt. Doch bedeutet Klarheit in diesem Fall auch Anpassung an Opernkonventionen. Und daher begegnet einem manches gattungsmäßige Stereotyp. Allzu oft werden Arme gestreckt und ausgebreitet.
Krieg bestimmt das Wesen der drei Brüder. Zwar strengen sich Giovanni und Paolo an, die Titelfigur mit denkbarster Rücksicht zu behandeln. Selbst bei Malatestino ist das – auf pervertierte Weise – der Fall, wenn er, um Francescas Entsetzen vor den Klageschreien eines Kriegsgefangenen zu besänftigen, diesen kurzerhand köpft. Dennoch sind die Männer unvermögend, jemals aus dem Harnisch zu steigen. Raab zeigt prägnant, wie sie immerfort in der mentalen Rüstung stecken.
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| Publikum | ![]() |
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Die Titelfigur lässt sich bei Raab nicht auf das den Leidenschaften ihrer männlichen Umgebung hilflos ausgelieferte Objekt der Begierde reduzieren. Bis zur Eheschließung wurde Francesca über die Identität des Bräutigams getäuscht. Sie beansprucht daher, den Mann lieben zu dürfen, der ihr als Freier vorgegaukelt wurde. Konventionen begreift und achtet diese durchaus starke Frau. Der Betrug an ihr erteilt Francesca freilich die Erlaubnis, sich über das gesellschaftliche Regelwerk hinweg zu setzen.
Sinken nach Anweisung des Librettos final zunächst die Titelfigur, anschließend ihr Liebhaber vom Schwert Giovannis durchbohrt zu Boden, so fällt bei Raab das Paar auf einen Streich. Der eine oder andere Lacher im Publikum kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Lösung schlüssig ist.
Grau dominiert die Szene. Ashley Martin-Davis, der auch die Kostüme verantwortet, fasst den Bühnenraum mit einem bleischwer über dem Meer dräuenden Wolkenhimmel ein. Steingrau dominiert die Bühnenmitte ein mächtiger Rundturm. Ein Mauersegment ist zur Seite geschoben, so dass mit Hilfe der ausgiebig eingesetzten Drehbühne auch das Innere des Turms als Schauplatz dienen kann. Todverheißend geballt, stecken dort zahlreiche Schwerter wie Akupunkturnadeln in der Wand.

Davis‘ Kostüme führen zurück ins Mittelalter. Bei den figurbetonten, langen Kleidern der Frauen geschieht das unspezifischer als bei den Männern. Paolo wappnet sich gar mit Plattenharnisch und Topfhelm. Jeden auf seine Art zeigt Davis die drei Brüder als Versehrte. Giovannis rechtes Bein ist geschient, bei Malatestino ist es der Arm, zudem eine Prothese für die gesamte rechte Schädelhälfte einschließlich der Augenhöhle. Zu Ende gedacht, geben sich Helm und Harnisch des „schönen“ Paolo als orthopädisches Hilfsmittel zu erkennen, die dem Liebhaber von Kopf bis Fuß Statur verleihen.
Präzise und durchschlagskräftig profiliert sich der von Sandrine Abello einstudierte Choeurs de l’Opéra national du Rhin.
Giuliano Carella entfaltet mit dem Orchestre philharmonique de Strasbourg großformatige, blut- und glutvolle Klangpracht. Bisweilen mutet sie überdimensioniert an, packt aber in jedem Augenblick. Dass das sängerfreundlich geschieht und ferner die kammermusikalischen Passagen sorgfältig ausgehört sind, verleiht dem Abend orchestrale Meriten. Zumal die Musiker während der Solopassagen und als Kammermusikensemble in der Rolle von Hofmusici auf der Bühne positioniert sind.
Saioa Hernández in der Titelpartie überzeugt raumgreifend strahlkräftig mit runder Tongebung. Hernández ist ein exemplarischer Spinto-Sopran. Noch die lyrischsten Momente verfügen über unterschwellige Dramatik. Der bronzen grundierte Paolo von Marcelo Puente schwingt sich mit beträchtlichem Glanz in höhere Regionen auf, ohne dort, wo die Luft wirklich dünn wird, letzte Strahlkraft aufzubieten. Marco Vratogna als Giovanni besticht durch viril eindringliche Bariton-Energien. Die Stimme ist bestens fokussiert. Das Martialische der Partie ist bei Vratogna wirkmächtig aufgehoben. Der Malatestino von Tom Randle agiert mit stimmlich exakt kalkulierter Brutalität. Josy Santos ist eine vokal geschmeidige Samaritana. Francesca Sorteni, ehemaliges Mitglied des Straßburger Opernstudios, beweist als Biancofiore ebenso wie die beiden aktuellen Angehörigen der Talentschmiede Marta Bauzà als Garsenda und Fanny Lustaud als Adonella den hohen Standard der Straßburger Nachwuchsarbeit.
Der Beifall für alle Beteiligten ist stark. Carella und Hernández erhalten bravi. Puente wird gefeiert, die Leistung von Marco Vratogna unterschätzt.
Michael Kaminski