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CANTO GENERAL
(Mikis Theodorakis)
Besuch am
22. Juni 2025
(Einmalige Aufführung)
Verschiedene Bekanntschaften führten zu einem Konzertereignis, das die Zuhörer am Ende geradezu von den Stühlen in die Höhe reißt. Einerseits traf der chilenische Dichter Pablo Neruda im Jahr 1964 im Quartier Latin in Paris und nochmals 1970 in Chile auf Mikis Theodorakis, und es entwickelte sich eine fruchtbringende Freundschaft. Andererseits war der griechische Komponist schon seit seiner Jugend ein Vorbild für Dirigent und Intendant der Bachakademie Stuttgart, Hans-Christoph Rademann aus Dresden, er begegnete ihm persönlich im Jahre 1989 bei dessen großer Europatournee in Ostberlin. Rademann, bekanntermaßen ein Spezialist von Bachs Musik im Originalklang, lässt sich bis heute von Theodorakis’ Musik begeistern und feiert dessen 100. Geburtstag mit seiner Gaechinger Cantorey und einem großen Instrumentalensemble in der voll besetzten Liederhalle in Stuttgart. Am 29. Juli hatte Theodorakis Geburtstag, 96 ist er geworden.
Der wohl bekannteste griechische Musiker seiner Zeit – in seinem Land wurde er gefeiert wie ein Popstar – war zeit seines Lebens politisch tätig. Er setzte sich von Beginn an gegen Gewalt und Terror und für den Frieden ein. Zunächst als Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten, später für die Linke in der griechischen Politik und schließlich parteilos, wurde sogar Minister. Für einige Jahre wurde seine Musik im Land verboten, später in großen Stadien aufgeführt. Erst 1981 wurde der Canto General, „Der große Gesang“, wie er oft im Deutschen genannt wird, vollständig in Ostberlin uraufgeführt, mit Maria Farantouri und Petros Pandis.

Es ist ein „Evangelium unserer Zeit“, so schreibt Gerhard Folkerts im informativen Programmheft. Theodorakis und Neruda hätten beide das Ziel: „neue Inhalte verständlich zu gestalten, damit ihre Werke auch den Menschen zugänglich sind, die nicht das Glück hatten, eine ihnen entsprechende Bildung zu erhalten, um sich mit Komposition und Dichtung auseinanderzusetzen. Die Botschaft von Canto General ist der Ruf nach Selbstbestimmung, Freiheit und Unabhängigkeit der Völker.“
Themen sind die Geschichte, die Landschaft und die Menschen Lateinamerikas, der Befreiungskampf von Fremdherrschaft und der Kampf gegen die kolonialen Besatzer. Neruda gibt dem jahrhundertlang versklavten Volk hiermit eine Stimme. 231 Gedichte mit mehr als insgesamt 15.000 Versen bilden das Werk. Im Jahr 1971 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Im selben Jahr beginnt Theodorakis mit seiner Arbeit an seinem Canto General, wählt unter anderem mit Präsident Allende in Chile dreizehn Gedichte für die Musik aus und erschafft ein Werk, das „von der Liebe zum Leben und von der Verachtung und Bedrohung des Lebens“ handelt, so Folkerts, das „zum Symbol von Menschenliebe und Menschenwürde geworden“ ist.
Die Komposition, die griechische und lateinamerikanische Volksliedmotive aufgreift, wirkt vor allem durch komplexe Rhythmen, scharfe Akzentuierungen und reiche Harmonik. Die Grenze zwischen lyrischen Elementen bei Themen aus der Natur und Sarkasmus bei politischen Inhalten ist fein. Ein gemischter Chor, zwei Gesangssolisten, eine Mezzosopranistin und ein Bariton, und ein Volksorchester mit Zupfinstrumenten und unter anderem 26 verschiedenen Schlaginstrumenten werden verlangt.

In Stuttgart hat Rademann einen besonderen Glücksgriff mit den Solisten getätigt. Gleich zu Anfang beginnt Altistin Julia Böhme, eigentlich gefragte Interpretin für Musik des 17. und 18. Jahrhunderts aus Sachsen, mit Algunas bestias, einem Gesang über einige Tiere Südamerikas. Hat man Theodorakis‘ Musik im Ohr, hört man zwangsläufig Farantouri im Geiste, Griechenlands außerordentlich populäre Volkssängerin, die die Entstehung und die Aufführung der Musik des Komponisten begleitete. Für eine Nachfolgerin sicherlich keine einfache Aufgabe, zumal Böhme klassisch ausgebildet wurde und teils an der Semperoper in Dresden singt. Was die junge Dame aber hier macht, ist einfach umwerfend. Sie singt frei, mit dunklem Timbre und hat besonders im unteren Bereich eine wohlig-samtige, manchmal erdige Stimme, die in keiner Weise an die Oper erinnert. Erst wenn sie sehr selten in die hohen Lagen wechseln muss, kommt die Kopfstimme deutlicher ins Spiel. Mit größter Ausdruckskraft und unbedingtem Gestaltungswillen wirft sich die Sängerin hinein in die Phrasen, als singe sie ihre eigene Geschichte – grandios! Wenn der Alt zum Chor dazukommt, sind es die berührendsten Momente des Abends. Auch bei Daniel Ochoa steht der Ausdruckswille im Vordergrund. Er, der sonst auch mit den bekanntesten Ensembles der Klassik auftritt, hat sich die Musik zu eigen gemacht und interpretiert Nerudas Texte tief und beeindruckend. Sein warmer und geschmeidiger Bass ist zu großen Ausbrüchen fähig und bringt gerade die Revolutionslieder bestens zur Geltung, bei dem Stück Sandino besonders gut gelungen.
Rademann hat das Ganze gut im Griff, dirigiert mit großen Bewegungen, gibt aber natürlich auch die kleinen Details. Kleine Ausrutscher bei den hochkomplizierten Rhythmen führt er schnell wieder zusammen. Den Mitwirkenden ist er stets aufmerksam zugewandt und fordert, man merkt ihm an, wie wichtig ihm das Werk ist. Und die Gaechinger Cantorey? Es ist ein Spitzenchor, der eigentlich alles richtig macht. Klare, reine Töne, saubere Rhythmik, guter Ausdruck und differenzierte Dynamik. Ein absolut homogener Klang zeichnet den an Bach geschulten Chor aus. Mit 52 Sängern sind sie angetreten, angesichts des großen Schlagwerks manchmal etwas wenig, der Canto General, der Gesang des Volkes, hätte mehr vertragen. Das tut aber dem Ganzen keinen Abbruch, es ist ein mitreißendes, überzeugendes, tiefgehendes Konzertereignis, was da über die Bühne geht.
Die Zuschauer, von denen manche am liebsten mitgetanzt hätten, hält es danach nicht auf den Stühlen, und sie feiern stehend die Mitwirkenden mit begeistertem Applaus. Schade eigentlich, dass das Werk so selten auf unseren Bühnen aufgeführt wird.
Jutta Schwegler