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Es gibt Momente im Leben, bei denen man sich, während man sie erlebt, sofort bewusst wird, dass man sie ob ihrer großen Bedeutung niemals vergessen wird. Stefan Zweig hat einmal ein Büchlein mit gesammelten Erzählungen unter dem Titel Sternstunden der Menschheit geschrieben. Angenommen, er lebte noch und wäre in der Staatsoper Stuttgart, um sich die Premiere von John Adams erster Oper Nixon in China anzusehen, wer weiß, vielleicht hätte er dieses Erlebnis in sein Bändchen mit aufgenommen.
Die Stuttgarter Staatsoper, die in den 1990-er Jahren mit der legendären Trilogie der Opern Einstein on the Beach, Satyagraha und Echnaton von Philipp Glass in der Regie von Achim Freyer Theatergeschichte schrieb, nimmt erneut ein Werk eines Komponisten im Umfeld der Minimal Music auf den Spielplan: John Adams‘ historische Oper Nixon in China wird 19 Jahre nach der Baden-Württemberger Erstaufführung am Theater Freiburg endlich auch in Stuttgart auf den Spielplan gesetzt.
Das 1987 in Houston uraufgeführte, postminimalistische, abendfüllende Stück in drei Akten Nixon in China ist nicht nur John Adams‘ internationaler Durchbruch als Opernkomponist gewesen, sondern auch die schicksalhafte erste Zusammenarbeit mit Peter Sellars, der seitdem in Sachen Musiktheater stets als Alter ego John Adams‘ bezeichnet werden darf. Alice Goodmans Libretto kann als geniale und sublime Vorlage nicht hoch genug gerühmt werden. Sie hat Worte gefunden, die hochpoetisch und stimmungsvoll sind und zudem Gespür und Sinn für eine funktionierende Bühnenhandlung beweisen.
In Nixon in China geht es um die berühmte Chinareise zwischen dem 21. und dem 27. Februar 1972 des damaligen republikanischen US-Präsidenten Richard Nixon, die für die Beziehungen des Westens zur Rotchina historisch sehr bedeutsam war. Goodman hält sich im Wesentlichen an die historisch belegten Rahmenbedingungen, setzt aber natürlich Akzente und Deutungen, die überhaupt einen Opernstoff erst interessant machen.
Im ersten Akt erlebt man die Ankunft Nixons auf dem Pekinger Flughafen, gefolgt vom Treffen mit dem Parteivorsitzenden Mao Tse-Tung und einem Bankett am Abend, bei dem im Rausch der Getränke übermütig Visionen politischer Versöhnungsutopie ausgesprochen werden. Man lernt den chinesischen Ministerpräsidenten Chou En-lai, die drei affirmativen Sekretärinnen Maos und natürlich die Präsidentengattin Pat Nixon und den heute noch bekannten Henry Kissinger als Außenminister der USA als politische Schwergewichte kennen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Der zweite Akt ist, wenn man so will, der Propagandaakt der Rotchinesen. Hier lernt man Maos Ehefrau Chiang-Ch’ing kennen, die für die damalige Kulturpolitik rasiermesserartig einen kulturellen Kahlschlag zugunsten einer kruden kommunistischen Kunst durchführte. Pat Nixon und ihre Landsleute bekommen als Edeltouristen einen Eindruck davon präsentiert, und der ist nicht immer ein angenehmer.
In Akt drei verlagert sich das Geschehen von der großen politischen oder offiziellen Staatsbesuchsebene ins Halbprivate in der Nacht vor der Abreise der Amerikaner. Man erlebt die Menschen nun quasi „inoffiziell“ und wahrhaft ungeschminkt mit ihren Ängsten, Ansichten und Befürchtungen, aber auch ihren Visionen. Das Ende bleibt schwebend, keines der Weltbilder bekommt einen Siegerkranz zugesprochen, wie man es von einer „heroischen“ Oper – nur ein solches Libretto wollte Goodman nach eigener Bekundung schreiben – vielleicht erwarten könnte.
Das alles zeigte Peter Sellars in seiner Uraufführungsinszenierung ziemlich dicht an der Historie. Das großartige Inszenierungsteam um Regisseur Marco Štorman, die Bühnenbildnerin Frauke Löffel, der Kostümbildnerin Sara Schwartz zuzüglich der Choreografin Alexandra Morales, dem Videokünstler Bert Zander und dem Lichtkünstler Reinhard Traub ist dagegen eine Bühnenrealisation eingefallen, die weit über Sellars doch manchmal allzu brave Regie hinausgeht.
Štormans Team geling es, Position zu beziehen; er bezieht Stellung, wie man als Besucher einer wesensfremden Gesellschaft verloren gehen kann und hilflos werden kann. Ein Beispiel aus dem zweiten Akt: Richard Nixon versucht, sich nur mit einer mickerigen goldgefärbten US-Flagge als hilfloser Mensch gegenüber einer Flut roter chinesischer Flaggen zu behaupten, er ist sich seiner hilflosen Jämmerlichkeit bewusst.
Wenn man so will, ist es Štormans Anliegen eine Art Lost in Translation, dem erfolgreichen Film von Sofia Copolla, auf der Opernbühne zu zeigen. Die Chinesen sind stark, selbsbewusst, gebildet, geben nie etwas preis und reden stets in Rätseln, während die Amerikaner machtlos und auch sprachlos sind, um sich entsprechend dagegen zu positionieren. Natürlich kennt das Inszenierungsteam die aktuellen politischen Verhältnisse, die die USA momentan nicht im günstigsten Licht glänzen lässt, auch derzeit mit einem republikanischen Präsidenten nicht glücklich bestückt ist … Zudem hat China heute sicher auch Weltmachtstellung erlangt. Und das Wissen fließt in die Inszenierung klug ein.
Richard Nixons Auftrittsarie im ersten Akt, die so eindrücklich seine etwas egomane Selbstherrlichkeit demonstriert, wird nicht nur den chinesischen Gastgebern peinlich, hier demontiert Nixon sich bereits selbst. Wie anders stehen da Mao Tse-Tung und sein Premier
Chou En-lai da, die von Anfang an souverän, staatsmännisch und heroisch daherkommen.
Natürlich berührt das Schicksal der im Grunde einfachen Frau Pat Nixon, die Adams mit der einzigartigen, schönen lyrischen Arie This is prophetic bedacht hat, aber das Sagen hat letztendlich Maos Frau, die amazonenhaft Selbstbewusstsein ausstrahlt und vor der niemand sicher zu sein scheint.
Bühne und Kostüm sind sehr wirksam eingesetzt. Das Grau der Masse der Rotchinesen ist klug und trotzdem ästhetisch wirksam. Das Kachelbild, das Statisten allmählich errichten und Mao höchstpersönlich vollenden darf, ist sehr wirkungsvoll und sinnfällig.
Das dokumentarische Video der kommunistischen Oper Das rote Frauenbataillon wäre allerdings verzichtbar, zumal nicht klar wird, was für einen Mehrwert diese Doku-Ebene zum parallelen Bühnengeschehen wirklich bringt.
Auf der musikalischen Seite des Abends kann man sich von der vorzüglichen Qualität des Staatsopernchores bereits am Anfang der Oper überzeugen, allzumal der runde und sonore Klang dieses edlen Ensembles sich aus den Rängen äußert, wahrscheinlich, um den oratorischen Charakter dieser Chorszene noch besser darzustellen. Chordirektor Bernhard Moncado, der jüngst noch am Theater Freiburg beschäftigt war, hat da einen Klangkörper zur Verfügung, der in seiner Qualität in allen Stimmen als mustergültig bezeichnet werden kann.

Ähnlich erfreulich verhält es sich mit den Sängern. Eine unglaubliche Leistung und von der Staatsoper perfekt für alle Rollen besetzt. Michael Mayes‘ Richard Nixon ist ein Prototyp eines heldenhaften Baritons, stets präsent, schauspielerisch eine Kanone als Typ zwischen John Wayne und einem italienischen Mafioso. Seine Gattin Pat Nixon wird sehr schön von der Sopranistin Katherine Manley gesungen und gespielt, die den Spagat zwischen repräsentativem Blondinen-Abziehbild des American Dreams und der eher schüchternen First Lady von bescheidener Herkunft darzustellen weiß. Ihr Sopran ist stimmschön, technisch wandelbar, ihre Spitzentöne nie scharf und technisch sehr kultiviert.
Die Entdeckung des Abends ist der lyrische Bariton Jarrett Ott, der als Premier Chou En-lai die ideale Besetzung verkörpert. Adams‘ hat ihm auch mit die schönsten lyrischen Stellen geschrieben, ein Angebot, das er auf Weltklasseniveau darbietet. Was für eine geschmeidige Stimme, stets rund und niemals verwässert. Bravo. Im Grunde auf ebenso hohem Niveau muss hier Matthias Klinks Darstellung von Mao Tse-tung gerühmt werden. Der dem Haus schon lange eng verbundene Tenor legt dar, warum er zu den besten Tenören in Europa gehört. Seine hochintelligente Verwaltung dieser schwierigen und hohen Partie, die man nur so gut singen kann, wenn man über eine perfekte Technik und eine hohe sängerische Intelligenz verfügt, erreicht Referenzniveau. Seine Darstellung als Mao erinnert etwas an den Bösewicht Dr. No aus den James-Bond-Filmen. Er verkörpert eine starke und selbstbewusste Persönlichkeit, die absolut überzeugt. Maos Gattin Chiang-Ch’ing, eine Partie für einen hohen Sopran mit Koloraturanforderungen, wird selbstbewusst von Gan-ya Ben-gur Akselrod gesungen. Vielleicht ist die Partie für sie stimmlich noch etwas früh, da sie doch einiges an Stimmgewalt erfordert, vor allem in ihrer Arie am Ende des zweiten Aktes, doch ihre schauspielerische Kunst dieser im Grunde erschreckenden Gestalt der politischen Weltbühne ist absolut überragend.
Die kleinere Partie des Henry Kissingers wird vom Bassisten Shigeo Ishino in jeder Hinsicht wunderbar gestaltet. Auch die die drei Sekretärinnen Maos, die Sopranistin Ida Ränzlov, die Mezzosopranistin Fiorella Hincapié und die Altistin Luise von Garnier brillieren in ihre Rolle als stets dreistimmige Propagandamaschinerie von Maos Lehren sehr gut. Das ist zwar niemals wirklich sängerisch dankbar, aber sie haben das jede für sich und zusammen hochklassig gemeistert.
Ohne die Statisterie funktioniert keine große Oper. Hier ein Extraapplaus dafür. Ebenso für die gelungenen Choreografien von Alexandra Morales.
Das Staatsorchester Stuttgart beweist hohe Klasse und ist den Tücken der postminimalistischen Partitur sehr gut gewachsen. Wie auch in Freiburg im Jahre 2000 wird das Orchester vom einzigartigen Raschér-Saxofon-Quartett verstärkt, eine gute Wahl. In Nixon in China verzichtet Adams komplett auf die Hörner und versucht, das amerikanische Idiom durch die Wahl von stattdessen vier Saxofonen zu kreieren.
Unter der Leitung des Gastdirigenten André de Ridder hat das Orchester einen guten Abend. Ridder schlägt sicher und hat Chor und Sänger bestens im Griff. Noch besser hätte die Aufführung werden können, wenn de Ridder auch mehr auf die vielen piano und die leisen Töne Ohrenmerk gelegt hätte. Der minimale Wermutstropfen dieser Premiere ist das zu oft zu laute Orchester. Bei den folgenden fünf Aufführungen kann da noch nachgebessert werden.
John Adams‘ frühes Meisterwerk Nixon in China, das man ohne Übertreibung für eine der gelungensten Opern der letzten 40 Jahre halten kann, erlebt in Stuttgart einen großen Triumph. Nach dem dritten Akt bricht ein Jubelsturm in der Staatsoper Stuttgart aus. Zu Recht! Vielleicht ist das der endgültige Durchbruch für Adams als Opernkomponist in Deutschland. Es wäre ihm zu gönnen.
Hartmut Rolle