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Grand opéra der Extraklasse

NIXON IN CHINA
(John Adams)

Besuch am
7. April 2019
(Premiere)

 

Staatsoper Stuttgart

Es gibt Momente im Leben, bei denen man sich, während man sie erlebt, sofort bewusst wird, dass man sie ob ihrer großen Bedeutung niemals vergessen wird. Stefan Zweig hat einmal ein Büchlein mit gesam­melten Erzäh­lungen unter dem Titel Stern­stunden der Menschheit geschrieben. Angenommen, er lebte noch und wäre in der Staatsoper Stuttgart, um sich die Premiere von John Adams erster Oper Nixon in China anzusehen, wer weiß, vielleicht hätte er dieses Erlebnis in sein Bändchen mit aufgenommen.

Die Stutt­garter Staatsoper, die in den 1990-er Jahren mit der legen­dären Trilogie der Opern Einstein on the Beach, Satyagraha und Echnaton von Philipp Glass in der Regie von Achim Freyer Theater­ge­schichte schrieb, nimmt erneut ein Werk eines Kompo­nisten im Umfeld der Minimal Music auf den Spielplan: John Adams‘ histo­rische Oper Nixon in China wird 19 Jahre nach der Baden-Württem­berger Erstauf­führung am Theater Freiburg endlich auch in Stuttgart auf den Spielplan gesetzt.

Das 1987 in Houston urauf­ge­führte, postmi­ni­ma­lis­tische, abend­fül­lende Stück in drei Akten Nixon in China ist nicht nur John Adams‘ inter­na­tio­naler Durch­bruch als Opern­kom­ponist gewesen, sondern auch die schick­sal­hafte erste Zusam­men­arbeit mit Peter Sellars, der seitdem in Sachen Musik­theater stets als Alter ego John Adams‘ bezeichnet werden darf. Alice Goodmans Libretto kann als geniale und sublime Vorlage nicht hoch genug gerühmt werden. Sie hat Worte gefunden, die hochpoe­tisch und stimmungsvoll sind und zudem Gespür und Sinn für eine funktio­nie­rende Bühnen­handlung beweisen.

In Nixon in China geht es um die berühmte China­reise zwischen dem 21. und dem 27. Februar 1972 des damaligen republi­ka­ni­schen US-Präsi­denten Richard Nixon, die für die Bezie­hungen des Westens zur Rotchina histo­risch sehr bedeutsam war. Goodman hält sich im Wesent­lichen an die histo­risch belegten Rahmen­be­din­gungen, setzt aber natürlich Akzente und Deutungen, die überhaupt einen Opern­stoff erst inter­essant machen.

Im ersten Akt erlebt man die Ankunft Nixons auf dem Pekinger Flughafen, gefolgt vom Treffen mit dem Partei­vor­sit­zenden Mao Tse-Tung und einem Bankett am Abend, bei dem im Rausch der Getränke übermütig Visionen politi­scher Versöh­nungs­utopie ausge­sprochen werden. Man lernt den chine­si­schen Minis­ter­prä­si­denten Chou En-lai, die drei affir­ma­tiven Sekre­tä­rinnen Maos und natürlich die Präsi­den­ten­gattin Pat Nixon und den heute noch bekannten Henry Kissinger als Außen­mi­nister der USA als politische Schwer­ge­wichte kennen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Der zweite Akt ist, wenn man so will, der Propa­gan­daakt der Rotchi­nesen. Hier lernt man Maos Ehefrau Chiang-Ch’ing kennen, die für die damalige Kultur­po­litik rasier­mes­ser­artig einen kultu­rellen Kahlschlag zugunsten einer kruden kommu­nis­ti­schen Kunst durch­führte. Pat Nixon und ihre Lands­leute bekommen als Edeltou­risten einen Eindruck davon präsen­tiert, und der ist nicht immer ein angenehmer.

In Akt drei verlagert sich das Geschehen von der großen politi­schen oder offizi­ellen Staats­be­suchs­ebene ins Halbprivate in der Nacht vor der Abreise der Ameri­kaner. Man erlebt die Menschen nun quasi „inoffi­ziell“ und wahrhaft ungeschminkt mit ihren Ängsten, Ansichten und Befürch­tungen, aber auch ihren Visionen. Das Ende bleibt schwebend, keines der Weltbilder bekommt einen Sieger­kranz zugesprochen, wie man es von einer „heroi­schen“ Oper – nur ein solches Libretto wollte Goodman nach eigener Bekundung schreiben – vielleicht erwarten könnte.

Das alles zeigte Peter Sellars in seiner Urauf­füh­rungs­in­sze­nierung ziemlich dicht an der Historie. Das großartige Insze­nie­rungsteam um Regisseur Marco Štorman, die Bühnen­bild­nerin Frauke Löffel, der Kostüm­bild­nerin Sara Schwartz zuzüglich der Choreo­grafin Alexandra Morales, dem Video­künstler Bert Zander und dem Licht­künstler Reinhard Traub ist dagegen eine Bühnen­rea­li­sation einge­fallen, die weit über Sellars doch manchmal allzu brave Regie hinausgeht.

Štormans Team geling es, Position zu beziehen; er bezieht Stellung, wie man als Besucher einer wesens­fremden Gesell­schaft verloren gehen kann und hilflos werden kann. Ein Beispiel aus dem zweiten Akt: Richard Nixon versucht, sich nur mit einer micke­rigen goldge­färbten US-Flagge als hilfloser Mensch gegenüber einer Flut roter chine­si­scher Flaggen zu behaupten, er ist sich seiner hilflosen Jämmer­lichkeit bewusst.

Wenn man so will, ist es Štormans Anliegen eine Art Lost in Trans­lation, dem erfolg­reichen Film von Sofia Copolla, auf der Opern­bühne zu zeigen. Die Chinesen sind stark, selbsbe­wusst, gebildet, geben nie etwas preis und reden stets in Rätseln, während die Ameri­kaner machtlos und auch sprachlos sind, um sich entspre­chend dagegen zu positio­nieren. Natürlich kennt das Insze­nie­rungsteam die aktuellen politi­schen Verhält­nisse, die die USA momentan nicht im günstigsten Licht glänzen lässt, auch derzeit mit einem republi­ka­ni­schen Präsi­denten nicht glücklich bestückt ist … Zudem hat China heute sicher auch Weltmacht­stellung erlangt. Und das Wissen fließt in die Insze­nierung klug ein.

Richard Nixons Auftrittsarie im ersten Akt, die so eindrücklich seine etwas egomane Selbst­herr­lichkeit demons­triert, wird nicht nur den chine­si­schen Gastgebern peinlich, hier demon­tiert Nixon sich bereits selbst. Wie anders stehen da Mao Tse-Tung und sein Premier

Chou En-lai da, die von Anfang an souverän, staats­män­nisch und heroisch daherkommen.

Natürlich berührt das Schicksal der im Grunde einfachen Frau Pat Nixon, die Adams mit der einzig­ar­tigen, schönen lyrischen Arie This is prophetic bedacht hat, aber das Sagen hat letzt­endlich Maos Frau, die amazo­nenhaft Selbst­be­wusstsein ausstrahlt und vor der niemand sicher zu sein scheint.

Bühne und Kostüm sind sehr wirksam einge­setzt. Das Grau der Masse der Rotchi­nesen ist klug und trotzdem ästhe­tisch wirksam. Das Kachelbild, das Statisten allmählich errichten und Mao höchst­per­sönlich vollenden darf, ist sehr wirkungsvoll und sinnfällig.

Das dokumen­ta­rische Video der kommu­nis­ti­schen Oper Das rote Frauen­ba­taillon wäre aller­dings verzichtbar, zumal nicht klar wird, was für einen Mehrwert diese Doku-Ebene zum paral­lelen Bühnen­ge­schehen wirklich bringt.

Auf der musika­li­schen Seite des Abends kann man sich von der vorzüg­lichen Qualität des Staats­opern­chores bereits am Anfang der Oper überzeugen, allzumal der runde und sonore Klang dieses edlen Ensembles sich aus den Rängen äußert, wahrscheinlich, um den orato­ri­schen Charakter dieser Chorszene noch besser darzu­stellen. Chordi­rektor Bernhard Moncado, der jüngst noch am Theater Freiburg beschäftigt war, hat da einen Klang­körper zur Verfügung, der in seiner Qualität in allen Stimmen als muster­gültig bezeichnet werden kann.

Foto © Matthias Baus

Ähnlich erfreulich verhält es sich mit den Sängern. Eine unglaub­liche Leistung und von der Staatsoper perfekt für alle Rollen besetzt. Michael Mayes‘ Richard Nixon ist ein Prototyp eines helden­haften Baritons, stets präsent, schau­spie­le­risch eine Kanone als Typ zwischen John Wayne und einem italie­ni­schen Mafioso.  Seine Gattin Pat Nixon wird sehr schön von der Sopra­nistin Katherine Manley gesungen und gespielt, die den Spagat zwischen reprä­sen­ta­tivem Blondinen-Abziehbild des American Dreams und der eher schüch­ternen First Lady von beschei­dener Herkunft darzu­stellen weiß. Ihr Sopran ist stimm­schön, technisch wandelbar, ihre Spitzentöne nie scharf und technisch sehr kultiviert.

Die Entde­ckung des Abends ist der lyrische Bariton Jarrett Ott, der als Premier Chou En-lai die ideale Besetzung verkörpert. Adams‘ hat ihm auch mit die schönsten lyrischen Stellen geschrieben, ein Angebot, das er auf Weltklas­se­n­iveau darbietet. Was für eine geschmeidige Stimme, stets rund und niemals verwässert. Bravo. Im Grunde auf ebenso hohem Niveau muss hier Matthias Klinks Darstellung von Mao Tse-tung gerühmt werden. Der dem Haus schon lange eng verbundene Tenor legt dar, warum er zu den besten Tenören in Europa gehört. Seine hochin­tel­li­gente Verwaltung dieser schwie­rigen und hohen Partie, die man nur so gut singen kann, wenn man über eine perfekte Technik und eine hohe sänge­rische Intel­ligenz verfügt, erreicht Referenz­niveau.  Seine Darstellung als Mao erinnert etwas an den Bösewicht Dr. No aus den James-Bond-Filmen. Er verkörpert eine starke und selbst­be­wusste Persön­lichkeit, die absolut überzeugt. Maos Gattin Chiang-Ch’ing, eine Partie für einen hohen Sopran mit Kolora­tur­an­for­de­rungen, wird selbst­be­wusst von Gan-ya Ben-gur Akselrod gesungen. Vielleicht ist die Partie für sie stimmlich noch etwas früh, da sie doch einiges an Stimm­gewalt erfordert, vor allem in ihrer Arie am Ende des zweiten Aktes, doch ihre schau­spie­le­rische Kunst dieser im Grunde erschre­ckenden Gestalt der politi­schen Weltbühne ist absolut überragend.

Die kleinere Partie des Henry Kissingers wird vom Bassisten Shigeo Ishino in jeder Hinsicht wunderbar gestaltet. Auch die die drei Sekre­tä­rinnen Maos, die Sopra­nistin Ida Ränzlov, die Mezzo­so­pra­nistin Fiorella Hincapié und die Altistin Luise von Garnier brillieren in ihre Rolle als stets dreistimmige Propa­gan­da­ma­schi­nerie von Maos Lehren sehr gut. Das ist zwar niemals wirklich sänge­risch dankbar, aber sie haben das jede für sich und zusammen hochklassig gemeistert.

Ohne die Statis­terie funktio­niert keine große Oper. Hier ein Extra­ap­plaus dafür. Ebenso für die gelun­genen Choreo­grafien von Alexandra Morales.

Das Staats­or­chester Stuttgart beweist hohe Klasse und ist den Tücken der postmi­ni­ma­lis­ti­schen Partitur sehr gut gewachsen. Wie auch in Freiburg im Jahre 2000 wird das Orchester vom einzig­ar­tigen Raschér-Saxofon-Quartett verstärkt, eine gute Wahl. In Nixon in China verzichtet Adams komplett auf die Hörner und versucht, das ameri­ka­nische Idiom durch die Wahl von statt­dessen vier Saxofonen zu kreieren.

Unter der Leitung des Gastdi­ri­genten André de Ridder hat das Orchester einen guten Abend. Ridder schlägt sicher und hat Chor und Sänger bestens im Griff. Noch besser hätte die Aufführung werden können, wenn de Ridder auch mehr auf die vielen piano und die leisen Töne Ohrenmerk gelegt hätte. Der minimale Wermuts­tropfen dieser Premiere ist das zu oft zu laute Orchester. Bei den folgenden fünf Auffüh­rungen kann da noch nachge­bessert werden.

John Adams‘ frühes Meisterwerk Nixon in China, das man ohne Übertreibung für eine der gelun­gensten Opern der letzten 40 Jahre halten kann, erlebt in Stuttgart einen großen Triumph. Nach dem dritten Akt bricht ein Jubel­sturm in der Staatsoper Stuttgart aus. Zu Recht! Vielleicht ist das der endgültige Durch­bruch für Adams als Opern­kom­ponist in Deutschland. Es wäre ihm zu gönnen.

Hartmut Rolle

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