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NEID
(Diverse Komponisten)
Besuch am
10. November 2018
(Einmalige Aufführung)
Neid steht als sechste Todsünde am Samstagnachmittag auf dem Programmzettel. Und nein, der Titel erschließt sich nicht. Der Begleittext im Programmbuch hebt auf die berühmte Anekdote des Wettstreits zwischen Louis Marchand und Johann Sebastian Bach in Dresden ab, der nie stattgefunden hat. Anders als Bernd Heyder im Programmbuch erzählt, die Idee zu dem Tastenduell stamme von Johann Georg Pisendel, verweist Ralf Günther in seinem Buch Als Bach nach Dresden kam darauf, dass Jean-Baptiste Volumier als Hofkapellmeister auf den Einfall kam und dann auch von August dem Starken mit der Durchführung betraut wurde. Immerhin sind sich beide Autoren im Kern der Sache einig. Kurz vor dem Wettstreit hat sich Marchand aus dem Staub gemacht. Wer aber ist hier auf wen neidisch? Keine Ahnung. Es wird wohl das Geheimnis des Programmdramaturgen bleiben.
Immerhin entsteht so die Gelegenheit, fünf Komponisten an einem Nachmittag aufzuführen, die einander gekannt haben. Neben Marchand, Bach und Pisendel kommen noch Francesco Maria Veracini und Antonio Vivaldi dazu.
Stanislav Gres eröffnet das Konzert mit Stücken von Louis Marchand am Cembalo. Ein Vorspiel, zwei Courantes, eine Sarabande und eine Chaconne bilden den Auftakt, der sich gewaschen hat. Viele kennen das Cembalo als Unterstützung bei Rezitativ in einer Oper. Das zarte Geklimper kann man getrost vergessen. Hier geht es wirklich zur Sache. Und es wird schnell klar, wie Volumier – oder Pisendel – auf die Idee kommen konnte, ein Duell der beiden Meister zu fordern. Wer es gewonnen hätte, dürfte wohl nach dem Vortrag von Johannes Keller ebenso deutlich sein. Der zeigt seine ganze Virtuosität im Spiel der chromatischen Fantasie und Fuge, BWV 903, von Johann Sebastian Bach.

In Pisendels Sonate in e‑Moll zeigt Leila Shavegh, wie zeitgemäß ihr Geigenspiel zum Cembalo wirkt. Evgeny Sviridov schließt sich im Zusammenspiel mit Gres mit der Sonate Nr. 5 in g‑Moll von Francesco Maria Veracini an, auch wenn Veracini im Vergleich zu seinen Zeitgenossen ein wenig abfällt. Nach der Sonate in G‑Dur, BWV 1038, die von den Musikern mit Bravour absolviert wird, befällt das Ensemble der Wahnsinn.
„Die Verrücktheit“, wie die Italiener die einlullende Melodie in Moll nannten, breitete sich um 1600 von Spanien aus in Süditalien aus. „Wegen ihrer Eingängigkeit und der simplen Akkordfolge diente sie bald als Thema für Variationen auf den verschiedensten Instrumenten, und zwar nicht nur in Italien, sondern auch in Frankreich und Deutschland.“ Das erfährt man leider nicht aus dem Programmbuch, sondern beim Kammermusikführer im Internet. Und dort erfährt man auch, dass Arcangelo Corelli den Zyklus seiner zwölf Violinsonaten aus dem Jahr 1700 mit seiner Follia für Violine und Basso continuo krönte. Fünf Jahre später veröffentlichte Antonio Vivaldi seine Version für zwei Violinen und Basso continuo. Und die hat es in sich. Vor allem im letzten Satz geht es nicht mehr um eine bloße Variation, sondern um die furiose Brillanz des Geigenspiels. Und das gelingt den Musikern vortrefflich.
Das Publikum ist völlig aus dem Häuschen. Genießt die Zugabe in Form des letzten Vivaldi-Satzes andächtig vergnügt. Um dann abermals in tosenden Applaus zu verfallen. So wie schon bei den Stücken zuvor. Lange, überzeugt und im Stehen währt der Beifall für eine Musik, die mit „alt“ nichts zu tun hat.
Michael S. Zerban