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Das zweite Halbfinale des Maritim-Gesangswettbewerbs am Timmendorfer Strand zeigt mehr Vielfalt im musikalischen Programm. Eine Stunde nach dem Ende des zweiten Durchgangs werden die Gewinner bei der Klavierbegleitung und die Teilnehmer am Finale bekanntgegeben. Und der Wettbewerb offenbart einmal mehr seine Stärken.

Am Vormittag reisen die Teilnehmer des zweiten Halbfinales an. Noch sieht man ihnen die Aufregung nicht an, von der Torsten Statz, der die Sänger backstage betreuen wird, später berichten wird. Mit ihren Köfferchen ziehen sie unauffällig in das Vier-Sterne-Superior-Hotel ein. Sie sind froh, dass sie bei zwar kalter Luft, aber immerhin regenfrei an die Rezeption kommen.
Alle haben sich darauf vorbereitet, zwei Nächte hier zu verbringen. Tatsächlich wird es nur einigen von ihnen gelingen. Das sind die Regeln: Wer es nicht schafft, reist am nächsten Tag wieder ab.
Das wirklich Erstaunliche dieses Wettbewerbs ist, dass er quasi im Geheimen stattfindet. Im Ort hängen große Plakate, die auf die Veranstaltungen im Dezember hinweisen. Vom Gesangswettbewerb keine Spur. Im Aufzug findet sich ebensowenig ein Hinweis wie im Speisesaal. Kurzum: Wer den Wettbewerb besuchen oder überhaupt davon erfahren will, hat kaum eine Chance. Das ist betrüblich und trägt den Leistungen der Sänger in keiner Weise Rechnung. Umso unverständlicher, weil das Hotel einer der Hauptsponsoren ist und wirklich in vorbildlicher Weise viel Geld, Ressourcen und Service investiert, um das Geschehen auszurichten.
Trotzdem schaffen es vergleichsweise viele Gäste in den Saal im Keller. Und sie bekommen ein anspruchsvolles Programm geboten. Sopranistin Sophia Körber geht in Begleitung von Yun Qi Wong an den Start. Die 27-jährige Körber stammt aus Brandenburg und hat in Hannover studiert. Nach Karol Szymanowskis Einsamem Mond aus den Liedern einer Märchenprinzessin gibt es endlich wieder Mozart. Aus der Entführung aus dem Serail versucht sich Körber an Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln. Aber es gibt auch Verdi und Es träumt die ganze Welt von Liebesglück von Johann Strauß in einer Bearbeitung von Erich Wilhelm Korngold. Da gibt es durchaus noch Schwächen, aber wenigstens schon einmal Mut zum Aufbruch in die Moderne, wenn auch noch weit entfernt von der Gegenwart. Noch stärker am Publikumsgeschmack richtet sich Juliane Bookhagen aus. Die 30-Jährige stammt gebürtig aus dem Havelland und studiert in Rostock. Begleitet wird sie von András Vermesy, wenn sie Spiel auf deiner Geige von Robert Stolz schmachtet. Nach einer weiteren Mozart-Arie greift sie zur Weinflasche, um Ich lade gern mir Gäste ein von Johann Strauß zu intonieren. Dem Publikum gefällt’s. Reichlich altmodisch gibt anschließend der 24-jährige Tenor Daniel Schliewa aus Lübeck das Wolgalied von Franz Lehár zum Besten. Am Flügel hat Mira Teofilova Platz genommen. Nur so ein Mädel gibt es auf der Welt, wusste schon Paul Abraham und Schliewa gibt es sehr konservativ wieder. Warum Schliewa sich in diesem Rahmen an Richard Wagner versuchen muss, ist unerfindlich. Kräftig singen reicht bei Parsifals Nur eine Waffe taugt nicht aus. Es ist ja legitim, bei einem Wettbewerb mit ungewöhnlichem Liedgut glänzen zu wollen, aber die eigene Messlatte sollte überwindbar bleiben. Und da darf man auch von den Lehrern erwarten, dass sie da lenkend einwirken.
Im vergangenen Jahr konnte Mariam Murgulia sich schon einmal für das Halbfinale qualifizieren. Vor 26 Jahren in Georgien geboren, studiert sie derzeit in Bremen und wagt einen neuen Versuch. Mitgebracht hat sie Nina Orjanelli, die sie am Flügel begleitet. Una voce poco fa aus dem Barbier von Sevilla von Gioacchino Rossini gehört zum Standardrepertoire einer Mezzosopranistin. Da erwartet man schon eine ganz besondere Interpretation. Neben dem Klassiker präsentiert Murgulia Gustav Mahlers Urlicht, ehe sie dann wirklich mit dem Canto Negro von Xavier Montsalvatge punkten kann. Umso mehr fällt die gepflegte Langeweile auf, die Bariton Jaewon Kim mit seiner Frau Yeonwoo Lee am Flügel verbreitet. Er ist 31 Jahre jung und strebt derzeit in Rostock seinen Master an. Zwar ist die Programmauswahl mit Bach, Strauss und Lortzing gelungen, aber der Sänger bleibt so gut wie unsichtbar. Ganz im Gegensatz zu Irina Bogdanova. Die 24-jährige Sopranistin ist im russischen Wolgograd geboren, in Hamburg aufgewachsen und studiert dort nun auf Bachelor. Hochdramatisch geht es zu, wenn sie die Loreley von Franz Liszt und Mainacht von Johannes Brahms vorträgt. Das unterstützt Daria Parkhomenko tatkräftig am Flügel. Nach der Arie Tu che di gel sei cinta aus Puccinis Turandot tritt dann der letzte Mann des Nachmittags auf. Es ist der 28 Jahre alte, aus China stammende Bassbariton Yinghao Liu, der sich derzeit auf einen weiteren Master in Hannover vorbereitet. Daniel Rudolph sekundiert ihm, wenn er mit der Romanze Studia il passo … Come dal ciel percipita aus Giuseppe Verdis Macbeth antritt. Zwei weitere Arien von Mozart und Bizet runden den Auftritt ab. Judith Österreicher rundet den Nachmittag mit einem überzeugenden Auftritt und gut gewähltem Programm ab. Bis zuletzt hatte die 27-jährige Sopranistin aus Österreich, die in Hamburg studiert, aus gesundheitlichen Gründen um ihre Teilnahme zittern müssen. Aber die Anspannung hat sich gelohnt.
Denn schon eine Stunde später erfährt sie, dass sie sich mit Puccini, Händel und Strauss ins Finale gesungen hat. Rainer Wulff verkündet die Finalteilnehmer nach der geheimen Abstimmung der Jury. Neben Österreicher sind es Irina Bogdanova, Yinghao Liu, Ascellina Klee, Shuan Zhang und Juliane Bookhagen. Die sechs Finalisten müssen am Samstagabend beweisen, dass die Jury richtig gewählt hat. Insgesamt wirkt die Entscheidung ausgewogen. Bei der Leistung von Anna Schaumlöffel allerdings hätte man sich dann doch sieben Finalisten gewünscht.
Beim Maritim-Gesangswettbewerb ist es gute Sitte, dass diejenigen, die das Finale nicht erreicht haben, Gelegenheit bekommen, nach der Bekanntgabe der Finalisten mit Mitgliedern der Jury ins Gespräch zu gehen, um zu erfahren, was sie an ihrer Leistung verbessern können. Auch in diesem Jahr wird davon rege Gebrauch gemacht. Beim gemeinsamen Abendessen steigt dann allmählich die Vorfreude auf den kommenden Tag – auf das Finale.
Michael S. Zerban