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Sechs Sängerinnen und Sänger mit ihren Klavierbegleitern sind verblieben, um den Wettstreit der norddeutschen Musikhochschulen zu einem guten Ende zu bringen. Das hochinteressierte Publikum im vollbesetzten Saal genießt den würdigen Rahmen der Veranstaltung.

Schneeregen, Kälte und ein ungemütlicher Wind beherrschten die ersten Tage am Timmendorfer Strand. Am Finaltag überflutet die Sonne den mondänen Kurort. Die Menschen ergießen sich über Strand und Kurpromenade. Erstaunlich, wie viele Gäste das Ostseeheilbad auch im Winter beherbergt, die nun auf den Spuren von Hermann Löns, Marcel Reich-Ranicki und Leila Negra wandeln. Viel zu schnell ist das Schönwetter-Intermezzo wieder vorbei. Aber die gute Laune bleibt.
Wie üblich geht dem Wettbewerbsfinale ein luxuriöses Abendessen voran, ehe sich die Schar von Gästen, Sängern, Instrumentalisten und Jury-Mitgliedern im Konzertsaal des Hotels versammeln. Auf der Bühne ist rechts wieder ein überdimensionaler Weihnachtsbaum aufgebaut, linkerhand findet der Bechstein-Flügel Platz. In diesem Jahr ist die Bühne unzulänglich ausgeleuchtet. Die einzelnen Spots verbreiten zwar punktuell eine andeutungsweise dramatische Beleuchtung, erschweren aber auch den Sängern, sich ins rechte Licht zu setzen.
Bevor aber die Sänger an den Start gehen, gibt es erfreulich kurze Begrüßungsreden, ehe Rainer Wulff, Jury-Vorsitzender und Moderator des Abends, wohl vorbereitet und humorvoll das Publikum durch das Finale begleitet. Auch wenn sich der Journalist, der viele Jahre beim Norddeutschen Rundfunk in leitender Funktion tätig war, beim Austern-Witz ein wenig verhebt, mögen die Besucher seine pointierte Anmoderation, die unter anderem Don Giovanni recht treffend charakterisiert: „Voll enthemmt mit Kukident“. Das anwesende Publikum amüsiert sich köstlich.
Und dann wird es doch ernst. Erstmalig ist beim Wettbewerb Österreich vertreten. Judith Österreicher steht still und starr, guckt ausdrucksstark. Das mag der Aufregung geschuldet sein, dem Lied an den Mond von Antonin Dvorák hilft es nicht, auch wenn es schön vorgetragen ist. Die Zueignung von Richard Strauss muss ohne nennenswerte Emotionen auskommen. Und bei Du sollst der Kaiser meiner Seele sein von Robert Stolz mag dann auch keine rechte Freude mehr aufkommen. Obwohl sie über Bühnenerfahrung verfügt, bekommt sie die Kurve nicht, das Publikum mit Mimik und Gestik zu überzeugen. Damit bleibt sie nicht allein. Die gerade mal 23-jährige Ascelina Klee, die im Halbfinale noch mit ihrem Bühnenzauber auf der „kleinen Bühne“ begeistern konnte, kann die Faszination nicht in den Konzertsaal übertragen. Eine dramatische Mimik und detailreiches Spiel können kaum darüber hinwegtäuschen, dass die Stimme das nötige Volumen vermissen lässt. Die Jury hat ihr Joseph Haydns Fac me vere tecum flere – Lass mich wahrhaft mit dir weinen – Hugo Wolfs Nixe Binsefuß und Georg Friedrich Händels Svegliatevi nel core – Erwacht in meinem Herzen – auferlegt. Nach dem Programm möchte man ihr zuraten, sich auf die Alte Musik zu spezialisieren.
Wie allerdings Yinghao Liu, der Bassbariton, zu den Meriten am Ende des Abends kommt, wird Geheimnis der Jury bleiben. Denn er überzeugt weder mit O Ruddler than the Cherry – Oh, rosiger als die Kirsche – von Händel noch mit der Widmung von Robert Schumann, die er in schludrigem Deutsch intoniert. Einigermaßen leidlich bringt er Mozarts Madamina, il catalogo è questo – Schöne Donna, dies genaue Register – aus Don Giovanni auf die Bühne. Ganz anders Juliane Bookhagen, die mit ihren 30 Jahren als Mezzosopranistin versucht, Leben auf die Bühne zu bringen. Im Halbfinale ist ihr das sehr gut gelungen, im Finale fällt ihr das schwerer. Denn Gustav Mahlers Wer hat das Liedlein erdacht? und die Tränenarie Massenets bieten wenig Möglichkeiten, sich vor dem Klavier zu produzieren. Dem Publikum allerdings gefällt ihre Version von Una voce poco fa besonders gut. Da gibt es auch schon mal ein brava aus den Stuhlreihen.
Den Beitrag von Shuang Zhang könnte man vernachlässigen, zumal bei Felix Mendelssohn Bartholdys Sopranarie Jerusalem aus dem Oratorium Paulus mal wieder ein „Jerosalem“ zu hören ist. Aber sie dringt bei den Komponisten immerhin bis in das Jahr 1962 vor und beeindruckt mit einer gelungenen Interpretation von Luigi Nonos Sopransolo aus Canti di vita e d’amore – Lieder von Leben und Liebe.
Die 24-jährige Irina Bogdanova ist mit ihrer Partnerin Daria Parkhomenko auf dem Startplatz sechs, weil ihr dramatischer Auftritt im Halbfinale sie für den Abschluss des Abends empfahl. Anders als am Vortag im kleinen Saal kann sie im Konzertsaal ihre Stimme besser als alle anderen zur Geltung bringen. Nach der Arie Tu che di gel sei cinta – Du, die du von Eis umgürtet – der Liù aus Puccinis Turandot gefällt Du bist die Ruh‘ von Franz Schubert in berückend klarem Vortrag und mit Es lebt eine Vilja aus Lehárs Lustiger Witwe erreicht sie gar die Herzen ihrer Hörer. Es kommt, wie es kommen muss: Irina Bogdanova gewinnt mit Abstand den Maritim-Gesangswettbewerb 2017 am Timmendorfer Strand.
Es folgen aus Sicht der Jury auf Platz zwei der Bassbariton Yinghao Liu, der zudem ein Engagement bei den Eutiner Festspielen mit nach Hause nimmt, sowie auf Platz drei die Sopranistin Shuang Zhang. Den Gästen im Saal hingegen hat am besten der Vortrag der Mezzosopranistin Juliane Bookhagen gefallen, und so darf sie den Publikumspreis in Empfang nehmen. Es gehört mit zu den Glanzlichtern dieses Wettbewerbs, dass auch die Klavierbegleitung prämiert wird. Hier konnte in diesem Jahr die jüngste Pianistin des Wettbewerbs, Anastasia Sokolova mit 21 Jahren, am meisten begeistern. Über den zweiten Platz durfte sich der Preisträger aus dem Vorjahr, Nikolai Shamalov, freuen.
Aber es gab auch Kritik bei der anschließenden Feier. Und die richtete sich vor allem gegen die betreuenden Hochschullehrer, denen man vor allem bei der Beratung in der Programmauswahl ihrer Schützlinge mehr Umsicht und Fantasie zugetraut hätte. Denn eines ist klar: So intim die Atmosphäre des Wettbewerbs in seiner Austragung ist, hat er doch im Laufe von 18 Jahren eine Strahlkraft entwickelt, die auch ein Licht auf die Qualität der Hochschulen wirft. Und das ist gut so.
Michael S. Zerban