O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Museum am Dom - Foto © Anneke Wolf

Augen schließen – Ohren öffnen

WOLFGANG RIHM ZUM 70.
(Wolfgang Rihm)

Besuch am
13. Februar 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Opening 2022, Trier, Museum am Dom

Das Schluss­konzert fordert noch einmal Konzen­tration. Anders als die musik­af­finen Spielorte in der TUFA, anders als die wunderbare Atmosphäre wie auch Akustik der Viehmarkt­thermen mit ihren römischen Substruk­tionen, stellt das zum Konzertsaal erklärte Eingangs­foyer des Museums am Dom dem Publikum eine Aufgabe. Wohin mit den Augen? – Wer sie offenhält, wird unver­meidlich geflutet von einer sakra­men­talen Bilderwelt, die hier natürlich nur das Programm des Hauses erfüllt, anderer­seits aber doch die Folge­wirkung hat, dass sich hinter dem Pianisten am Klavier eine monumentale Christus-am-Kreuz-Plastik ins Gesichtsfeld schiebt. Gegen deren gebie­te­ri­schem Schau-auf-mich! bleibt einem dann nicht viel anderes übrig, als einer Empfehlung des Kompo­nisten Wolfgang Rihm zu folgen. Gesprächs­weise hat dieser einmal verraten, dass er beim Anhören seiner Werke die Augen lieber zumache. Das Zitat ist zu schön – und auch zu lehrreich – als dass es hier unter­drückt sei: „Es ist wie eine Obsession, wenn ich meine eigenen Stücke höre: Augen schließen und Ohren öffnen. Ich will in diesem Moment niemanden sehen, erst recht keinen, der vielleicht unauf­merksam ist. Es ist der Versuch, im Konzertraum einen Moment der absoluten Konzen­tration zu schaffen.“

Mit dem letzten Satz haben wir, ganz en passant, die Klammer, das, was Wolfgang Rihm und Udo Falkner verbindet, unter­ir­disch verbindet und womit diese Bespre­chung einsetzen und womit sie ebenso gut wieder ausklingen kann. Nichts anderes kennzeich­net das Klavier­spiel Udo Falkners vielleicht besser, als wenn man es beschriebe als den Versuch, für die Dauer des Vortrags einen Moment der absoluten Konzen­tration zu schaffen. Dass die Kunst einst aus der Kirche, aus dem Glauben, aus der Religion hervor­ge­gangen ist und nach dem Untergang der Religion so einiges an Substan­zi­ellem hinüber­ge­rettet hat, wozu die Kraft der Versenkung, das Ausblenden von Akziden­tellem dazugehört; das spürt man gerade an diesem Ort der – notwen­di­ger­weise – museali­sierten Religion. Das Bilder­verbot macht die Musik aus. Daran, wie Udo Falkner Wolfgang Rihm spielt, wird es hörbar.

Udo Falkner – Foto © Opening-Festival

Gleich zu Anfang setzt der Pianist ein Zeichen. Und natürlich eignet sich das Klavier­stück Nr. 2 aus dem Jahr 1971 tatsächlich für solcherart furiosen Beginnens, mit diesem Blitz und Donner­schlag, den der Komponist da unver­mittelt ins Instrument hinein­fahren lässt. Die serielle Konstruk­ti­vität dieser Musik hilft sehr, dass man ins Konzert hinein­kommt. Und doch – gerade diese Struk­tu­riertheit hat Rihm Jahre später, selbst­kri­tisch, als den eigent­lichen Mangel des Stücks bezeichnet. Irgend­einem System zu folgen, sich seinen Beschrän­kungen zu unter­werfen, das sei im Grunde eine vorkünst­le­rische Haltung, sei pubertär. Musik, Kompo­sition, so Rihm, beginne erst, wenn man sich von allem Syste­ma­ti­schem verab­schiedet habe.

Genau das wird denn auch im weiteren Verlauf des Konzerts hörbar: In dem seit 2000 begonne­nen work in progress Zwei Linien, ein Nirgend­woher und ein Nirgend­wohin sowie vor allem in der zwischen 1992 und 1994, über zwanzig Jahre nach dem Klavier­stück Nr. 2 entstan­denen Nachstudie. Eine auskom­po­nierte Medita­ti­ons­übung, die Udo Falkner ans Ende seines Programms platziert hat, noch vor dem entfesselt daher­kom­menden Klavier­stück Nr. 7, das dann wieder zum Jungen Wilden Wolfgang Rihm zurück­blendet. Größer, so denkt man bei sich, kann die Entfernung eigentlich nicht sein: Hier die Werke der Frühphase mit den Sechs Preludes des 15-jährigen Jungkompo­nisten, daneben die noch uneigent­liche Übergangs­phase – und dort eine Musik, die aller Äußer­lichkeit abschwört, die punktuelle Ereig­nisse setzt und ihnen dann buchstäblich nach-hört. Ein Werk, das mit einer Dauer von fünfund­zwanzig Minuten gleich im Anschluss an die Konzert­pause haargenau an der richtigen Stelle sitzt.

Apropos: Dass Udo Falkner mit der Klavier­musik von Wolfgang Rihm ein Maß an Vertrautheit erreicht hat, ist überhaupt der beherr­schende Eindruck dieses das Trierer Opening-Festival glücklich beschlie­ßenden Konzert­abends. Im Nachklang deshalb eine Empfehlung: Wer das eine und andere der hier angetippten Stücke, der hier eingestreu­ten Wahrneh­mungen nachprüfen, nachhören möchte, sei verwiesen auf die 2007 bei telos music records heraus­ge­kommene Rihm-Einspielung des Düssel­dorfer Pianisten: Drei mal eine Stunde Musik, Scheibe für Scheibe. Alles, was Wolfgang Rihm bis zum Produk­ti­ons­zeitraum je fürs Klavier aus seiner Werkstatt entlassen hat, hat sich Udo Falkner in sein Reper­toire geholt – ersichtlich selbst noch einmal ein Dokument an Konzen­tration wie der Kraft dazu. In der Zugabe zum Konzert holt der Künstler zu guter Letzt noch Rihms bezau­bernden Brahms­lie­be­walzer heraus, eine Referenz, eine kolle­giale Liebes­er­klärung, die nichts zitiert, die vielmehr alles in einen Echoraum verschiebt. In einen, der uns fern gerückt ist, der uns aber, wie die Dinge nun mal liegen, auch nicht verlässt. Eigentlich ganz tröstlich.

Georg Beck

Teilen Sie O-Ton mit anderen: