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Foto © Michele Carosi

Packende Klänge in nüchterner Szene

TURANDOT
(Giacomo Puccini)

Besuch am
10. Mai 2019
(Premiere)

 

Teatro la Fenice, Venedig

Von Beginn an herrscht ziemliche Dunkelheit. Aus den dichten Nebel­schwaden heraus schälen sich immer mehr einzelne Körper heraus. Es ist das unter­drückte, wie zu Maos Zeiten blaugrau unifor­mierte Volk von Peking. Manchmal fuchtelt es aggressiv mit Messern herum oder umarmt sich liebevoll. Erst zum jubelnden Happyend ist es, wie alle anderen, blütenweiß gekleidet und die Bühne hell erleuchtet mit einer großen, strah­lenden Sonne im Hinter­grund: Cecilia Ligorio arbeitet bei der Neupro­duktion von Giacomo Puccinis letzter Oper Turandot im Teatro la Fenice in Venedig mit vielen Farb‑, Licht- und anderen Symbolen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



So wird der herun­ter­fal­lende Mond zum Fallbeil für den persi­schen Prinzen. Die Bühne selbst, sie wurde von Alessia Colosso erdacht, ist hingegen außer einem Bilder­rahmen und einer sich fallweise herab­sen­kenden Brücke, dem Erschei­nungsort der chine­si­schen Prinzessin, ziemlich leerge­räumt und karg. Nur die immer wieder herum­wu­selnden Kinder sind von Anfang an in unschul­digem Weiß, drei von ihnen doubeln mit roten Anzügen und schwarzen Stiefeln gleich angezogen, bald die drei Minister. Das ist offenbar die Botschaft, dass Kinder charak­terlich so wie Erwachsene werden können. Die Kostüme von Simone Valsecchi sind geschmackvoll histo­risch stili­siert. Besonders prachtvoll das Kleid der Titel­heldin, das an mit seiner Strenge an jenes der bösen Königin aus dem Film Schnee­wittchen erinnert und die Robe des Kaisers Altoum gefallen.

Die Insze­nierung ist insgesamt wenig vital, und obwohl die junge italie­nische Regis­seurin den Plot laut Programmheft als reines Märchen sieht, ebenfalls recht nüchtern und mit wenig Poesie versehen. Bei der sehr stati­schen Rätsel­szene lässt sie es rätsel­haf­ter­weise durch­gehend schneien. Sehr anspre­chend hingegen mit dem schwe­benden Lichtern und Geistern ist die Nessun-dorma-Szene und sehr anrührend das helle und strah­lende Finale.

Foto © Michele Carosi

Oksana Dyka singt die stolze, kalte Prinzessin mit ihren tödlichen Rätseln hochdra­ma­tisch und packend. Sie schafft die schwere drama­tische Partie der Turandot mit wagne­ri­schen Anfor­de­rungen an Umfang und Tonsprüngen sowie blitzenden Spitzen­tönen, die jedoch oft recht schneidend scharf werden, mühelos. Walter Fraccaro als Prinz Calaf neigt dazu, zu viel im Forte zu singen, wo nicht nur die Spitzentöne recht angestrengt klingen. Der Hit Nessun dorma gelingt ihm recht anspre­chend. Bei Carmela Remigio als Liù hört man ungemein zarte und innig schat­tierte, aber auch vibra­tor­eiche Töne. Sie ist dem lyrischen Fach schon fast entwachsen. Simon Lim als Timur verfügt über ein weiches Timbre, wirkt aber eher blass. Der Abschied von Liù gelingt ihm jedoch sehr berührend. Das Minis­tertrio, jene Moder­ni­sierung der alten Figuren der Commedia dell’arte, Allesio Arduini als Ping, Valentino Buzza als Pang, Paolo Antognetti als Pong, der Chor des Teatro la Fenice und der Kinderchor singen nahezu tadellos. Passend sind auch die kleineren Partien mit Marcello Nardis als Kaiser Altoum und Armando Gabba als Mandarin besetzt.

Der Klang des Orchesters des Teatro la Fenice unter Daniele Callegari ist prachtvoll, viele feine, aber auch eruptiv dynamische Schat­tie­rungen werden ausge­reizt. Puccinis Partitur wird außer in einigen knalligen Passagen in eher breiten Tempi, delikat und feinschil­lernd mit exotisch-koloris­ti­schen Klang­wir­kungen umgesetzt.

Das Publikum reagiert mit heftigem, wenn auch nicht enthu­si­as­ti­schem Beifall. Für das Regie-Team gibt es ebenfalls freund­liche Zustimmung.

Helmut Christian Mayer

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