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Foto © Verbier-Festival

Faszination der Leichtigkeit

DANIIL TRIFONOV
(Diverse Komponisten)

Besuch vom 19. bis 21. Juli 2019
(Drei Konzerte)

 

Verbier-Festival

Verbier ist vor allem im Winter einer der belieb­testen Schweizer Ferienorte. Dann stellen die rund 3.300 Einwohner des Dorfes um die 25.000 Fremden­betten zur Verfügung. Seit 1994 gibt es eine weitere Attraktion im Sommer. Damals gründete Martin T:son Engstroem das Verbier-Festival, das er bis heute leitet. In annähernd drei Wochen treffen etablierte klassische Musiker und Nachwuchs­ta­lente zu Workshops zusammen. Außerdem finden täglich kosten­freie Konzerte an verschie­denen Orten statt.

Daniil Trifonov gehört zu den ganz großen Pianisten unserer Zeit. Geboren in einer Musiker­fa­milie, nimmt er im Alter von fünf Jahren Klavier­un­ter­richt. Mit 22 Jahren gewann er 2011 bei den bedeu­tendsten Klavier­wett­be­werben in Warschau, Moskau und Tel Aviv. Damit legte er den Grund­stein seiner Karriere, und schnell wurde sein inter­na­tio­naler Ruf mit höchsten Lobliedern aufgebaut. Mit seiner Beschei­denheit, unbeküm­merten Ruhe, unkapri­ziösen Auftritten nebst seinem unver­gleich­lichen Können füllt er Konzertsäle landauf und landab. Das Publikum feiert ihn, die Musik­in­dustrie setzt die Marketing-Maschi­nerie auf ihn an. Bisher konnte er aber übermäßige Vermarktung und Überpräsenz vermeiden und faszi­niert insbe­sondere mit seinem Anschlag, der samten weich, zart beseelt, impulsiv und dämonisch zugleich wirkt. Ein Künstler, der alles verbindet und noch mehr zu haben scheint. Neben seinen Soloabenden tritt er vermehrt auch als Kammer­mu­siker in unter­schied­lichsten Kombi­na­tionen auf, und als Solist aller großen Klavier­kon­zerte ist er begehrt. Ebenso erregte er auch Aufmerk­samkeit als Komponist, als er 2013 sein Klavier­konzert in Cleveland vorstellte.

In der 36. Auflage des Verbier-Festivals dürfen die Besucher sich über eine außer­or­dent­liche Auftrittserie des Ausnah­me­künstlers freuen. Mit dem Cellisten Narek Hakhna­zaryan aus Armenien, der ebenso 2011 den Tschai­kowski-Wettbewerb gewann, präsen­tierte er je eine Sonate für Violon­cello von Dmitri Shost­a­kovich und von Serge Rachma­ninoff. Wirkungsvoll die technisch anfor­dernden, rhyth­misch heraus­for­dernden Sätze des Ersten, harmo­nisch ausge­reizt und in elegische Melodien verpackt die nicht minder anspruchs­vollen des Zweiten. Umso mehr ist Flexi­bi­lität und Klarheit jedes einzelnen, aber insbe­sondere im Zusam­men­spiel der beiden jungen Künstler notwendig. Führt der Cellist die Stimme, muss es dem Pianisten gelingen, einen Klang­körper zu gestalten, der sich vereint und mit dem notwen­digen mehr verkleidet und trotzdem seine Identität erhalten. So bringen beide die Musik der russi­schen Kompo­nisten zum Schweben, phrasieren exakt und spinnen musika­lische Bögen, die in der Seele des Zuhörers aufblühen können. Dabei arbeiten sie den Humor, die tänze­rische Leich­tigkeit eines Shost­a­kovich ebenso meisterhaft heraus wie die expres­sio­nis­tische Dramatik Rachma­ninoffs. Es ist Spannung und elektrische Ladung in der Kirche von Verbier spürbar, ein nüchterner, moderner, ovaler Beton­klotz, der gerade mal etwas mehr als 200 Personen fasst.

Ebenda kommt es am nächsten Abend erneut zur Begegnung mit Trivonof, diesmal ein Soloabend mit einem ungewöhn­lichen, ausschließlich modernen Programm. Zur Einleitung wirkt seine Inter­pre­tation von Alban Bergs erster Klavier­sonate wie eine melodiöse, feingliedrige Schöpfung. Es ist das einzige Klavierwerk Bergs, dem der Komponist eine Opus-Zahl gab. Lange grübelte er über dem einsät­zigen Werk, dem er keine klassische Dreisät­zigkeit zu vergeben mochte. Erst mit dem Hinweis seines Lehrers Arnold Schönberg, „dass alles gesagt sei“, gab er sich zufrieden. Diese Vollstän­digkeit an Ausdruck und Inhalt lässt Trifonov aufblühen, ohne Kontraste und Dramatik zu überfordern. Nahtlos leitet er das Werk über zu den Sarcasmen opus 17 von Sergej Prokofiev. Wie elektri­siert bewegt er sich am Klavier, springt immer wieder unruhig auf den Hocker, aber aus seiner inneren Kraft und Explosion übertragt sich keine Unruhe und überbor­dende Kraft auf sein Spiel. Minutiös feilt er an den schnellen Läufen und Trillern in schil­lernden Farben und Höhen. Großan­ge­legten Akkord­reihen verleiht er seine bewährte Leich­tigkeit und Lockerheit, ohne an Ausdruck zu verlieren. Ebenso vielschichtig bewegt er sich in Bela Bartoks Klavierwerk Im Freien. Fünf Klavier­stücke mit impres­sio­nis­ti­schen Zügen, die einen großen Stimmungs­bogen kreieren. Seine Musika­lität, vereint mit techni­scher Perfektion, ist in dem Klavierwerk Der Kuss des Jesus­kindes aus dem Klavier­zyklus 20 Blicke auf das Jesuskind von Olivier Messiaen zu spüren.

Foto © Verbier-Festival

Nach der Pause widmet er sich jüngster zeitge­nös­si­scher Musik. György Ligeti zählt wie Karlheinz Stock­hausen zu den bedeu­tendsten Kompo­nisten des 20. Jahrhun­derts. Musica ricercata von Ligeti, 1951 kompo­niert, trägt Züge der Kontra­punktik, aber zeigt dessen Suche nach neuen Wegen der Kompo­si­ti­ons­technik und seine Absicht, eine Vielzahl von Stimmen auf engstem Raum zu verflechten und so eine besondere Polyfonie zu erreichen. Einer Anfor­derung, der sich der Pianist in seiner Ernst­haf­tigkeit kompro­misslos stellt, und Trans­parenz in der harmo­ni­schen Wuchtigkeit zu schweben beginnt. An der Schwelle zur elektro­ni­schen Musik steht der deutsche Komponist Stock­hausen. Seine 19 Klavier­stücke lösten bei der Urauf­führung Skandale aus, mittler­weile gehören sie zu den Standard­werken der Klavier­li­te­ratur und stehen noch der klassi­schen Musik nahe. Einzeltöne, Pausen, Tongruppen erhalten Gewicht. Der Komponist selbst gibt keine Anwei­sungen zur Inter­pre­tation an den Pianisten, wohl aber an den Hörer, auf Pausen zu achten, wie lang und still diese sind, je nachdem, welche Töne danach folgen. Auf dieses Spiel lassen sich die Zuhörer an diesem Abend aufmerksam ein. Meditativ endet der Klavier­abend mit der Fantasie on an Ostinato von John Corigliano. Der ameri­ka­nische Komponist erhielt zahlreiche Preise für seine Musik sowie eine Oscar-Nominierung.  Das Publikum bedankt sich überschwänglich für diesen unver­gess­lichen, von höchster Musika­lität geprägten Abend bei dem jungen Pianisten, der sich höflich nahezu unberührt bedankt.

Zum Abschluss seiner Auftritte beim Verbier-Festival spielt Daniil Trifonov mit seinem Lehrer Sergei Babayan gemeinsam Klavier­werke für zwei Klaviere, teilweise gemeinsam mit dem Verbier Festival Chamber Orchestra unter der Leitung von Gabor Takacs Nagy. Robert Schumann verfasste sein Andante und Varia­tionen für zwei Klaviere ursprünglich mit Begleitung, am Ende entschied er sich nur für die beiden Klaviere allein. Johann Sebastian Bach verfasste eine eigene Transkription seines Konzertes für zwei Violinen für zwei Klaviere BWV 1062, und Mozart reihte sein Konzert für zwei Klaviere selbst in seine Klavier­kon­zerte ein, um die Bedeutung des Werkes zu unter­streichen. Im Anschlag Babayans erkennt man die Züge seines Schülers. Auch er versteht es, weich und kompakt, direkt und trans­parent zu bleiben und nuancen­reich die Inter­pre­tation auszu­schmücken. Die Zuhörer erleben ein leben­diges, nahezu einem Wettkampf oder beherzten Disput vergleich­bares Wechsel­spiel der beiden Pianisten, das in feinster Harmonie und Eleganz ausge­tragen wird. Mozarts unver­gleich­licher Schwung und Leich­tigkeit mit kompo­si­to­ri­scher Dichte kommt fein heraus­ge­ar­beitet zum Ausdruck, und nach einem begeis­terten Applaus wird das Finale zu Recht wiederholt. Zum Abschluss trumpfen die beiden Pianisten vierhändig mit Mozart auf. Unver­än­derte Harmonie und gegen­seitige Anerkennung spiegelt sich in deren Spiel wider. Ein weiterer Höhepunkt dieses außer­or­dent­lichen Festivals geht zu Ende.

Helmut Pitsch

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