O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Nach einer Periode bedeckten und regnerischen Wetters macht sich Verona bereit für die letzte Runde der 102. Spiele in der Arena bis Anfang September. Die Premiere von Rigoletto steht an, die Sonne scheint wieder italienisch und unerbittlich vom blitzblauen Himmel. Um die 10.000 Zuschauer strömen von Juni bis September jeden Tag von Donnerstag bis Sonntag in die alte römische Arena, um eine der Inszenierungen hauptsächlich von Opern Giuseppe Verdis, aber auch die Carmen von Georges Bizet oder die Carmina Burana von Carl Orff zu sehen. Die Fondazione Arena di Verona wirbt damit, der „italienischste Ort der Welt“ zu sein, und Touristen aus aller Welt kommen, um dem Phänomen Arena zu huldigen. An diesem Abend wird mit Spannung das Debüt des samoanischen Tenors Pene Pati erwartet. Zudem gibt Martina Belli als Maddalena ihre erste Vorstellung in der Arena.
Die Premiere bringt nur zum Teil Neues: Regisseur Ivo Guerra greift mit Bühnenbildner Raffaele Del Savio auf die Unterlagen des Architekten und Mitbegründers der Opernaufführungen in der Arena, Ettore Fagiuoli, zurück und rekonstruiert die historische Inszenierung von vor einem Jahrhundert, basierend auf den von Fagiuoli für die ersten Opernfestspiele entworfenen Bühnenbildern im Jahr 1928. Gebäude aus der Stadtsilhouette von Mantua dominieren im Hintergrund, im letzten Akt wird vorne höchst romantisch eine sumpfige Gegend am Fluss gezeigt, mit Nachen und wabernden Nebelschwaden, in den Rigoletto den Leichnam im Sack versenken will, bevor er merkt, dass seine eigene Tochter darin liegt. Die Kostüme von Carla Galleri im Renaissancestil sind den Kulissen angepasst. Claudio Schmid setzt alles in ein sehr plastisch, realistisch wirkendes Licht.

Im Prinzip hat man nun das, was man nördlich der Alpen zunehmend vermisst: Eine historisierende Aufführung, die nicht wie im Regietheater nur eine Idee des Regisseurs aufgreift und strikt verfolgt. Aber ist damit alles gewonnen? Man könnte sich nun ganz in die Illusion hineinversenken, minutiös den Abläufen folgen, sich in der historischen Stadt und dem Geschehen befindend. Es wird auch alles getan, um die Illusion zu vervollkommnen, Nixen und Wassermänner ergänzen die Natur, Mitglieder des Orchesters sitzen im ersten Akt zum Fest des Herzogs auf der Bühne, unzählige Mitglieder des Chores und der Statisterie befüllen die Fläche. Aber irgendwie will sich das Aha-Erlebnis nicht einstellen, obwohl eigentlich alles stimmt. Oder doch nicht alles?
Die Festspiele in der Arena werben damit, dass in den Hauptrollen immer wieder die großen Stars hier erscheinen, dazu kommen international aufsteigende junge Sänger. Früher hat hier Luciano Pavarotti gesungen, dazu Placido Domingo, Mirella Freni, in neuerer Zeit Roberto Alagna, Piotr Beczała, Elina Garanča, Rebeka Marina, Olga Kulchynska, auch Juan Diego Flórez war schon hier, Jonas Kaufmann gibt in diesem August wieder einen Galaabend. Nun also Pene Pati. Dem Tenor geht viel Lob voraus, er hat schon an den größten Bühnen der Welt gesungen und dabei anscheinend durchaus Erfolg gehabt. Seine Live-Aufnahmen, die im Netz kursieren, zeugen von seiner samtweichen, lyrischen Tenorstimme mit Tendenzen zum Jugendlich-Heldischen, die scheinbar mühelos alle Register bedient.
Aufgewachsen im polynesischen Samoa sagt er von sich selbst in einem Interview: „Tatsächlich war das größte mentale Hindernis für das Gesangsstudium, dass ich in Polynesien geboren wurde, aber aus dem gegenteiligen Grund, als ein Europäer vielleicht denken würde: Für uns ist Singen das Natürlichste der Welt. Eine Generation gibt der nächsten Mythen, historische Fakten und Naturvisionen durch Lieder weiter, für die es keine Noten gibt, es ist ein rein mündliches Erbe. Daher erschien es mir ebenso absurd, ein Gesangsdiplom zu erwerben, wie einen ‚Hochschulabschluss im Gehen‘ zu machen.“

Ganz so scheint es aber auf der riesigen Bühne nicht zu sein. Zwar tut er sich mit dem Gehen leicht, mit dem Singen hapert es aber gewaltig. Da kommt am Anfang die Stimme kaum über den Bühnenrand, Melismen werden verschliffen, die Höhe klingt gefährlich eng. Im weiteren Verlauf bestätigt sich das. Das erste große Duett mit Gilda misslingt am Ende rhythmisch völlig und bricht fast auseinander, die Höhe ist ab diesem Moment praktisch nur noch mit Druck zu erreichen und die Stimme überschlägt sich gar. Das Ganze endet in einem Buhsturm der in der Premiere anwesenden Italiener, die da wesentlich gefühlsnäher und unerbittlicher aufgestellt sind als wir Mitteleuropäer. Die berühmte Arie La donna è mobile gelingt ihm ebenfalls nur sehr bedingt, das hohe C bricht weg – wieder Buhrufe. An diesem Abend scheint seine Stimme jedenfalls den Gegebenheiten nicht gewachsen zu sein.
Nina Minasyan als Gilda begeistert das Publikum in der großen Arie mit ihren Spitzentönen und guten Piani, ist aber nicht immer ganz sauber und meint immer wieder, Druck geben zu müssen. Sehr schön aber spielt der Vollmond mit und steigt bei den immer höher werdenden Tönen langsam über den Rand der Arena. Im zweiten Teil des Abends wird es besser, ihre letzte Szene kurz vor Gildas Tod gerät sehr innig. Ludovic Tézier als Rigoletto macht seine Sache sehr gut, singt sensibel und kraftvoll und kann den zutiefst verletzten Narr und Vater glaubhaft verkörpern. Gianluca Buratto zeigt seinen geschmeidigen, obertonreich und frisch klingenden Bariton und kann als Sparafucile das gehörige Maß an Bösartigkeit kolportieren. Martina Belli als Maddalena bringt mit großer Spielfreude Leben auf die Bühne und umgarnt mit knackig-klarem Mezzo den Herzog. Eine Stimme, die noch Potenzial hat. Alle anderen Rollen sind gut besetzt, wobei noch Abramo Rosalen mit sonorem Bass als Conte di Monterone heraussticht.
Der Chor unter der Leitung von Roberto Gabbiani beginnt schwach, steigert sich dann, wirkt aber leider in der insgesamt schwachen Personenregie oft wie ein zusammengeklumpter Haufen. Michele Spotti, verdienter Dirigent bei der Turandot im letzten Jahr in der Arena, leitet das Orchester energievoll und gibt immer wieder klare Akzente. Dennoch verbleibt das Ganze merklich vage, vielleicht auch der Akustik im berühmtesten Opernfreilichttheater geschuldet, nicht auf allen Plätzen hört man gleich gut.
Die Zuschauer in der vollbesetzten Arena applaudieren freudig. Ein wirklicher Gewinn ist Rigoletto zumindest in dieser Besetzung nicht, aber die wechselt sowieso immer wieder. Wer gerne historisierende Inszenierungen sieht, ist hier bestens aufgehoben. Bis September steht das Stück noch drei Mal auf dem Plan.
Jutta Schwegler