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Foto © Jutta Schwegler

Und der Vollmond leuchtet

RIGOLETTO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
8. August 2025
(Premiere)

 

Fonda­zione Arena di Verona 

Nach einer Periode bedeckten und regne­ri­schen Wetters macht sich Verona bereit für die letzte Runde der 102. Spiele in der Arena bis Anfang September. Die Premiere von Rigoletto steht an, die Sonne scheint wieder italie­nisch und unerbittlich vom blitz­blauen Himmel. Um die 10.000 Zuschauer strömen von Juni bis September jeden Tag von Donnerstag bis Sonntag in die alte römische Arena, um eine der Insze­nie­rungen haupt­sächlich von Opern Giuseppe Verdis, aber auch die Carmen von Georges Bizet oder die Carmina Burana von Carl Orff zu sehen. Die Fonda­zione Arena di Verona wirbt damit, der „italie­nischste Ort der Welt“ zu sein, und Touristen aus aller Welt kommen, um dem Phänomen Arena zu huldigen. An diesem Abend wird mit Spannung das Debüt des samoani­schen Tenors Pene Pati erwartet. Zudem gibt Martina Belli als Maddalena ihre erste Vorstellung in der Arena.

Die Premiere bringt nur zum Teil Neues: Regisseur Ivo Guerra greift mit Bühnen­bildner Raffaele Del Savio auf die Unter­lagen des Archi­tekten und Mitbe­gründers der Opern­auf­füh­rungen in der Arena, Ettore Fagiuoli, zurück und rekon­struiert die histo­rische Insze­nierung von vor einem Jahrhundert, basierend auf den von Fagiuoli für die ersten Opern­fest­spiele entwor­fenen Bühnen­bildern im Jahr 1928. Gebäude aus der Stadt­sil­houette von Mantua dominieren im Hinter­grund, im letzten Akt wird vorne höchst roman­tisch eine sumpfige Gegend am Fluss gezeigt, mit Nachen und wabernden Nebel­schwaden, in den Rigoletto den Leichnam im Sack versenken will, bevor er merkt, dass seine eigene Tochter darin liegt. Die Kostüme von Carla Galleri im Renais­sancestil sind den Kulissen angepasst. Claudio Schmid setzt alles in ein sehr plastisch, realis­tisch wirkendes Licht.

Foto © Brenzoni

Im Prinzip hat man nun das, was man nördlich der Alpen zunehmend vermisst: Eine histo­ri­sie­rende Aufführung, die nicht wie im Regie­theater nur eine Idee des Regis­seurs aufgreift und strikt verfolgt.  Aber ist damit alles gewonnen? Man könnte sich nun ganz in die Illusion hinein­ver­senken, minutiös den Abläufen folgen, sich in der histo­ri­schen Stadt und dem Geschehen befindend. Es wird auch alles getan, um die Illusion zu vervoll­kommnen, Nixen und Wasser­männer ergänzen die Natur, Mitglieder des Orchesters sitzen im ersten Akt zum Fest des Herzogs auf der Bühne, unzählige Mitglieder des Chores und der Statis­terie befüllen die Fläche. Aber irgendwie will sich das Aha-Erlebnis nicht einstellen, obwohl eigentlich alles stimmt. Oder doch nicht alles?

Die Festspiele in der Arena werben damit, dass in den Haupt­rollen immer wieder die großen Stars hier erscheinen, dazu kommen inter­na­tional aufstei­gende junge Sänger. Früher hat hier Luciano Pavarotti gesungen, dazu Placido Domingo, Mirella Freni, in neuerer Zeit Roberto Alagna, Piotr Beczała, Elina Garanča, Rebeka Marina, Olga Kulchynska, auch Juan Diego Flórez war schon hier, Jonas Kaufmann gibt in diesem August wieder einen Galaabend. Nun also Pene Pati. Dem Tenor geht viel Lob voraus, er hat schon an den größten Bühnen der Welt gesungen und dabei anscheinend durchaus Erfolg gehabt. Seine Live-Aufnahmen, die im Netz kursieren, zeugen von seiner samtweichen, lyrischen Tenor­stimme mit Tendenzen zum Jugendlich-Heldi­schen, die scheinbar mühelos alle Register bedient.

Aufge­wachsen im polyne­si­schen Samoa sagt er von sich selbst in einem Interview: „Tatsächlich war das größte mentale Hindernis für das Gesangs­studium, dass ich in Polynesien geboren wurde, aber aus dem gegen­tei­ligen Grund, als ein Europäer vielleicht denken würde: Für uns ist Singen das Natür­lichste der Welt. Eine Generation gibt der nächsten Mythen, histo­rische Fakten und Natur­vi­sionen durch Lieder weiter, für die es keine Noten gibt, es ist ein rein mündliches Erbe. Daher erschien es mir ebenso absurd, ein Gesangs­diplom zu erwerben, wie einen ‚Hochschul­ab­schluss im Gehen‘ zu machen.“

Foto © Jutta Schwegler

Ganz so scheint es aber auf der riesigen Bühne nicht zu sein. Zwar tut er sich mit dem Gehen leicht, mit dem Singen hapert es aber gewaltig. Da kommt am Anfang die Stimme kaum über den Bühnenrand, Melismen werden verschliffen, die Höhe klingt gefährlich eng. Im weiteren Verlauf bestätigt sich das. Das erste große Duett mit Gilda misslingt am Ende rhyth­misch völlig und bricht fast ausein­ander, die Höhe ist ab diesem Moment praktisch nur noch mit Druck zu erreichen und die Stimme überschlägt sich gar. Das Ganze endet in einem Buhsturm der in der Premiere anwesenden Italiener, die da wesentlich gefühls­näher und unerbitt­licher aufge­stellt sind als wir Mittel­eu­ropäer. Die berühmte Arie La donna è mobile gelingt ihm ebenfalls nur sehr bedingt, das hohe C bricht weg – wieder Buhrufe. An diesem Abend scheint seine Stimme jeden­falls den Gegeben­heiten nicht gewachsen zu sein.

Nina Minasyan als Gilda begeistert das Publikum in der großen Arie mit ihren Spitzen­tönen und guten Piani, ist aber nicht immer ganz sauber und meint immer wieder, Druck geben zu müssen. Sehr schön aber spielt der Vollmond mit und steigt bei den immer höher werdenden Tönen langsam über den Rand der Arena. Im zweiten Teil des Abends wird es besser, ihre letzte Szene kurz vor Gildas Tod gerät sehr innig. Ludovic Tézier als Rigoletto macht seine Sache sehr gut, singt sensibel und kraftvoll und kann den zutiefst verletzten Narr und Vater glaubhaft verkörpern. Gianluca Buratto zeigt seinen geschmei­digen, oberton­reich und frisch klingenden Bariton und kann als Spara­fucile das gehörige Maß an Bösar­tigkeit kolpor­tieren. Martina Belli als Maddalena bringt mit großer Spiel­freude Leben auf die Bühne und umgarnt mit knackig-klarem Mezzo den Herzog. Eine Stimme, die noch Potenzial hat. Alle anderen Rollen sind gut besetzt, wobei noch Abramo Rosalen mit sonorem Bass als Conte di Monterone heraussticht.

Der Chor unter der Leitung von Roberto Gabbiani beginnt schwach, steigert sich dann, wirkt aber leider in der insgesamt schwachen Perso­nen­regie oft wie ein zusam­men­ge­klumpter Haufen. Michele Spotti, verdienter Dirigent bei der Turandot im letzten Jahr in der Arena, leitet das Orchester energievoll und gibt immer wieder klare Akzente. Dennoch verbleibt das Ganze merklich vage, vielleicht auch der Akustik im berühm­testen Opern­frei­licht­theater geschuldet, nicht auf allen Plätzen hört man gleich gut.

Die Zuschauer in der vollbe­setzten Arena applau­dieren freudig. Ein wirklicher Gewinn ist Rigoletto zumindest in dieser Besetzung nicht, aber die wechselt sowieso immer wieder. Wer gerne histo­ri­sie­rende Insze­nie­rungen sieht, ist hier bestens aufge­hoben. Bis September steht das Stück noch drei Mal auf dem Plan.

Jutta Schwegler

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