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Foto © Johanna Ort

Sprechen statt Singen

LIEDERABEND
(Johannes Brahms)

Besuch am
14. März 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Tauber­phil­har­monie, Weikersheim

Im Jubilä­umsjahr der Tauber­phil­har­monie Weikersheim bietet Intendant Johannes Mnich ein schil­lerndes Programm. Ein Höhepunkt, eine „Sensation“, wie er schreibt, ist der Lieder­abend von Christian Gerhaher mit Begleiter Gerold Huber, einge­spieltes Liedduo seit den 90-er Jahren und seit Jahrzehnten an der Weltspitze. Weikersheim ist ja nun nicht der Nabel der Welt, wobei das schöne Örtchen an der Tauber nicht nur Fachwerk­häuser, sondern auch die Heimat der Jeunesses musicales Deutschland in eigener Musik­aka­demie und Schloss beher­bergt. Nun also seit fünf Jahren auch die wunderbar gelungene Tauber­phil­har­monie, bekannt für eine sehr gute Akustik. Sie wird in der Region sehr gut angenommen, an diesem Abend sitzen mehr als 400 Zuhörer im Saal, die teils auch von weiter her gekommen sind, und warten auf einen Lieder­abend, von dem sie sich Großes versprechen.

Gerhaher und Huber, beide Profes­soren in München, Huber auch in Würzburg, stammen aus Straubing und haben wohl alle wichtigen Säle der Welt besungen und bespielt. Seit mehr als 30 Jahren musizieren sie zusammen, bald schon ein Leben lang hindurch, auch durch schwierige Zeiten, wie Gerhahers öffentlich gemachte Krankheit Morbus Krohn vermuten lässt.

Hier in Weikersheim werden sie vom Publikum äußerst herzlich begrüßt. Einen reinen Brahms­abend haben sie vorbe­reitet, Kompo­si­tionen auf Volks­lieder zu Beginn, die neun Lieder und Gesänge opus 32, den Regenlied-Zyklus opus 59 in der Frühfassung und ausge­wählte Lieder. Als Motto steht groß auf dem Programm­zettel „Abend schon ist es, schon schweiget die Welt“ aus Von ewiger Liebe.

Foto © Johanna Ort

Mit Huber, seinem ständigen Partner bei Lieder­abenden, hat Gerhaher schon in Gymna­si­ums­zeiten einen nicht nur verläss­lichen Begleiter gefunden. Immer ist er ganz nah, tief drin mit dabei, schafft den Boden, das Fundament, leitet hin, nimmt zurück, schwelgt in langen Bögen. Aber das tun ja alle Klavier­be­gleiter, bei Huber hat das alles seinen beson­deren Wert. Nicht nur hier, sondern auch mit anderen Sängern zeichnet den Pianisten die Fähigkeit aus, unglaublich tief in die Welt zu tauchen, die es auf der Bühne zu erschaffen gilt. Oft singt er unhörbar mit, spielt Strophen­lieder ungemein abwechs­lungs­reich, baut Spannung auf, macht die Sterne blinken und blickt hinter die Realität bei „nur dein Gefühl enthülle mir, dein wahres!“, lässt im Klavier die Erinne­rungen nachhallen im Lerchen­gesang. Und vor allem trifft er seine Zuhörer mitten ins Herz.

Gerhahers Bariton klingt inzwi­schen sehr hell, tenoral auch in der Mittellage. Schon immer ist er bekannt dafür, dass er den Text absolut verständlich und unglaublich tief durch­dacht präsen­tiert. In Weikersheim wirkt sein Gesang vorwiegend vom Kopf bestimmt, nur selten hat man den Eindruck, dass sich in die Worte ein tiefes Gefühl einschleicht und die Zuhörer ergreift. Manie­riertheit ist dabei, ein bisschen wie beim späten Fischer-Dieskau. Mehr Sprech­gesang als Singen würde man es nennen wollen. Natürlich hat er die Lieder verin­ner­licht, aber er hat sich auf eine andere Art des Vortrags als früher verlegt. Man kann auch nicht immer nachvoll­ziehen, wohin er will. Im Regenlied bleibt das „fromme Kinder­grauen“ seltsam nüchtern und der Text von Klaus Groth im Zusam­menhang ein frommer Wunsch:

„Walle, Regen, walle nieder,
Wecke meine alten Lieder,
Die wir in der Türe sangen,
Wenn die Tropfen draußen klangen!
Möchte ihnen wieder lauschen,
Ihrem süßen, feuchten Rauschen,
Meine Seele sanft betauen
Mit dem frommen Kindergrauen.“

In der Höhe werden die Töne heraus­ge­schleudert, pointiert mit etwas flatt­rigem Vibrato versehen, direkt danach die Phrase zurück­ge­nommen, nicht wirklich auf einem Bogen gesungen. Die Bögen vermisst man, die Huber so überzeugend liefert, Gerhaher gibt sich oft nicht in sie hinein, tupft die Silben so dahin.  Die „Liebe“ krankt, „wonnevoll“ bleibt seltsam leer.  Am meisten Emotion wird beim Herbst­gefühl trans­por­tiert, beim Abschied vom Sommer mit den langen, glutvollen Tagen, wie ihn Adolf Friedrich von Schack beschreibt:

„Wie wenn im frost’gen Windhauch tödlich
Des Sommers letzte Blüte krankt,
Und hier und da nur, gelb und rötlich,
Ein einzles Blatt im Windhauch schwankt,
So schauert über mein Leben
Ein nächtig trüber kalter Tag …“

Das Publikum spendet reichen, herzlichen Applaus, vorwiegend aus einer Ecke ertönen Bravorufe und freudige Pfiffe. Zwei Zugaben gibt es, eine davon An eine Äolsharfe: „Und hier – die volle Rose streut, geschüttelt, All ihre Blätter vor meine Füße!“

Jutta Schwegler

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