O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
HÄNSEL UND GRETEL
(Engelbert Humperdinck)
Besuch am
9. November 2024
(Premiere)
Weimar hat die berühmtesten Geschwister der Märchenliteratur rechtzeitig vor Weihnachten auf die Bühne geholt, damit sich – hoffentlich – viele Familien mit ihren Kindern und alle, die im Herzen jung geblieben sind, eine herrliche Inszenierung im Deutschen Nationaltheater ansehen können.
Nun hat Weimar einige Uraufführungen erlebt, natürlich fast alle Dramen von Friedrich Schiller, dazu Opern, vom Lohengrin Richard Wagners unter Franz Liszt im Jahre 1850 hin über dessen eigene Werke bis zu Werken von Richard Strauss, der ab 1889 Kapellmeister am Hoftheater war. Sein Don Juan, Macbeth und Guntram kamen hier zum ersten Mal auf die Bühne. Großen Erfolg hatte Strauss mit der Uraufführung von Humperdincks Hänsel und Gretel am 23. Dezember 1893. Die Vorstellung konnte nur unter äußerst schwierigen Bedingungen vonstatten gehen. Nachdem eine geplante Uraufführung des „Kinderstubenweihfestspiels“, wie der Komponist sein Werk selbst einmal genannt hat, in München im Herbst 1893 wegen einer Grippewelle abgesagt werden musste, nahm sich Strauss am Weimarer Hoftheater der Oper an. Aber auch er kämpfte mit vielerlei Absagen, die unter anderem dazu führten, dass drei Tage vor dem Termin die Koloratursopranistin des Hauses für die erkrankte Darstellerin des Hänsels die Rolle übernehmen und einspringen musste, was sogar auf dem Plakat der Uraufführung vermerkt worden war.

Operndirektorin Andrea Moses feierte nun mit dem Premierenpublikum ein besonderes Ereignis. Die restaurierte Partitur der Uraufführung von Hänsel und Gretel, in der noch die Einzeichnungen von Kapellmeister Strauss von 1893 stehen, wurde in einem kleinen feierlichen Akt durch den Leiter des Thüringischen Landesmusikarchivs, Christoph Meixner, dem Haus zurückgegeben. Für 4.500 Euro konnten die Noten dem Zahn der Zeit entrissen werden, eine wichtige Quelle, um per Einzeichnungen die Interpretation der Uraufführungszeit nachvollziehen zu können.
Auch im Bereich der Architektur und des Kunsthandwerks konnte Weimar um die Jahrhundertwende trumpfen, am bekanntesten ist wohl die Bauhaus-Bewegung von Walter Gropius, vorher schon prägte der Belgier Henry van de Velde mit Jugendstilmöbeln und der Gründung des Kunstgewerblichen Seminars die Stadt. Es verwundert deshalb nicht, dass Regisseur Hasko Weber mit Bühnen- und Kostümbildner Thilo Reuther der Bühne einen dekorativ geschwungenen Jugendstilrahmen gibt, der, passend zu Elementen auf der Bühne, in Neonfarben erstrahlen kann und dem Märchengeschehen einen zusätzlichen verspielten Rahmen gibt.
Es wird ja immer wieder versucht, die Oper zu aktualisieren, Hänsel und Gretel musste andernorts schon viele brachiale Verformungen erleben. Da stolpern die Geschwister durch Supermärkte, finden sich in einer heutigen, trashigen Gesellschaft wieder oder werden psychologisch motiviert in ihrem Kinderzimmer eingesperrt, um hier alles nur im Traum zu erleben. Weber tut nichts von alledem, erzählt „einfach“ nur die Geschichte, und der Zuschauer ist ihm dafür unendlich dankbar.
Reuther verortet das Geschehen durch archaisch wirkende Silhouetten von Bäumen, die bis in den Himmel ragen, zunächst im Wald, wo auch eine stilisierte Hauswand aus Holzstämmen später das Zuhause der Familie symbolisiert. Die Ränder der Bäume sind mit Neonröhren belegt, die je nach Bedarf leuchten können. Stilmäßig ist das alles etwa im Bereich der Graphic Novels, Comics oder auch der Gothic-Kultur anzusiedeln. Die Kostüme sind bläulich-lila, rosa und grün gehalten und wirken sehr harmonisch. Die Lichtregie von Dominique Lorenz setzt das Geschehen dazu passend in Szene.
Die beiden Tänzer Manon Andral und Francesc Nello Deakin, von Weber hinzugefügt, sind in schwarz-graue Trikots gekleidet. Sie arbeiten sich schon bei der Ouvertüre als dunkle Engel aus den Nebeln heraus, machen mit ihren ineinander verschlungenen Figuren und wirbelnden Pas de deux gespannt darauf, wie sie das Geschehen weiter beeinflussen werden. Das ist eine sehr gute Idee, und mithilfe der beiden können immer wieder die Motive in der Musik, die die Macht der Hexe symbolisieren und die ansonsten etwas verpuffen könnten, herausgestellt werden. Die Tänzer stören immer wieder auf zum Teil auch witzige Weise den Ablauf, am eindringlichsten bei der Engelsszene nach dem Abendsegen. Hier versuchen die schwarzen Engel – sind es gefallene Engel der Apokalypse, die dem Bösen dienen? – die guten Engel vom Weg abzubringen, ein mühevolles und am Ende doch erfolgloses Unterfangen, denn natürlich gewinnt das Gute im Märchen. Als die Hexe im Ofen landet, wandeln sich auch die beiden Tänzer zu Unterstützern der Kinder. Durch diesen Kunstgriff erfährt das Stück eine wohltuende Belebung in Momenten, in denen Regisseure sonst gerne etwas einfallslos wirken, ohne eine oft hilflose Aktualisierung.
Natalie Image als Gretel und Sayaka Shigeshima als Hänsel bereiten von Anfang gute Laune auf der Bühne und ziehen die Zuhörer in ihren Bann. Sehr schön harmonieren die beiden, ergänzen sich und sind Sympathieträger des Publikums. Image führt einen hell timbrierten, lyrischen Sopran, den sie mit klarer Höhe und gehöriger Kraft durch das Haus strömen lassen kann. Ihr zur Seite bringt sich Shigeshima als Hänsel mit wohliger Wärme in die Duette ein, stets mit samtiger, geschmeidiger Stimme. Sie gestaltet sehr differenziert, sehr facettenreich und lässt sich auch bei leisen Passagen nicht aus der Ruhe bringen. Besonders gut gelungen ist das Duett der beiden vor dem Hexenhaus.
Uwe Schenker-Primus ist Besenbinder Peter. Mit kernigem, manchmal richtig knalligem, aber auch sehr verhaltenem und emotionalem Bariton ist er eine ideale Besetzung der Rolle, die andernorts allzu häufig blass rüberkommt. Er ist im Übrigen als einziger wirklich immer gut verständlich.
Sarah Mehnert gibt die zunächst wütende und dann besorgte Mutter Gertrud mit sehr präsenter Stimme. Neben einer gut entwickelten Mittellage zeigt sie auch eine dramatische Tiefe. Sie spielt intensiv, ist in jedem Augenblick voll im Geschehen dabei.

Sandmännchen Franziska Löber und Taumännchen Karine Minasyan machen ihre Sache beide gut, haben zu den Rollen passende, helle Sopranstimmen und fügen sich gut ins Ensemble ein. Das Taumännchen holt in einem mischfarbenen Kostüm in hellen und grauen Farben die Kinder nach dem Schlaf hinüber ins Hexenreich.
Bleibt Jörn Eichler als Hexe Rosina Leckermaul. Im Anzug und in einer dem Joker ähnelnden, verschmierten Maske geschminkt, liefert er eine recht skurrile Hexe ab. So weit, so gut, aber stimmlich vermag er nicht zu überzeugen. Wird die Hexe mit einem Tenor besetzt, kann man sich normalerweise auf knackig-männliche, auch verführerische Töne freuen. Eichler muss ab der Mittellage ins dünne Falsett ausweichen und ist hier nur sehr eingeschränkt einer Gestaltung fähig.
Der Kinderchor der Schola cantorum Weimar singt in der Einstudierung von Cordula Fischer bemerkenswert sauber und engagiert und hat sich den aufbrausenden Applaus am Ende nicht durch den Kinderbonus wie üblich verdient, sondern durch echtes Können – Bravi!
Die Staatskapelle Weimar unter der Leitung von Andreas Wolf wirkt in der Ouvertüre noch etwas roh und ungelenk. Im weiteren Verlauf sind es eher die wagnerischen, die schwelgenden Passagen, bei denen Wolf zupackt, den Passagen sehr wohl einen Glanz aufzusetzen weiß. Einzelne Motive werden herausgearbeitet. Dennoch hätte es bei einigen Pianostellen der Sänger etwas weniger sein dürfen. Sehr schön ist die Flöte im Duett mit Gretel.
Das Publikum im vollen Haus dankt es allen Beteiligten zurecht mit begeisterten Ovationen.
Ein Audio-Mittschnitt der Premiere wird von MDR Klassik am 21. Dezember ab 20 Uhr in allen Kultur- und Klassik-Wellen der ARD gesendet und ist anschließend in der ARD-Audiothek/Oper verfügbar.
Die Oper steht bis Januar noch 16 Mal im Deutschen Nationaltheater in Weimar auf dem Plan – nichts wie hin!
Jutta Schwegler