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Foto © Candy Welz

Wenn die guten Engel siegen

HÄNSEL UND GRETEL
(Engelbert Humperdinck)

Besuch am
9. November 2024
(Premiere)

 

Deutsches Natio­nal­theater Weimar

Weimar hat die berühm­testen Geschwister der Märchen­li­te­ratur recht­zeitig vor Weihnachten auf die Bühne geholt, damit sich – hoffentlich – viele Familien mit ihren Kindern und alle, die im Herzen jung geblieben sind, eine herrliche Insze­nierung im Deutschen Natio­nal­theater ansehen können.

Nun hat Weimar einige Urauf­füh­rungen erlebt, natürlich fast alle Dramen von Friedrich Schiller, dazu Opern, vom Lohengrin Richard Wagners unter Franz Liszt im Jahre 1850 hin über dessen eigene Werke bis zu Werken von Richard Strauss, der ab 1889 Kapell­meister am Hoftheater war. Sein Don Juan, Macbeth und Guntram kamen hier zum ersten Mal auf die Bühne. Großen Erfolg hatte Strauss mit der Urauf­führung von Humper­dincks Hänsel und Gretel am 23. Dezember 1893. Die Vorstellung konnte nur unter äußerst schwie­rigen Bedin­gungen vonstatten gehen. Nachdem eine geplante Urauf­führung des „Kinder­stu­ben­weih­fest­spiels“, wie der Komponist sein Werk selbst einmal genannt hat, in München im Herbst 1893 wegen einer Grippe­welle abgesagt werden musste, nahm sich Strauss am Weimarer Hoftheater der Oper an. Aber auch er kämpfte mit vielerlei Absagen, die unter anderem dazu führten, dass drei Tage vor dem Termin die Kolora­tur­so­pra­nistin des Hauses für die erkrankte Darstel­lerin des Hänsels die Rolle übernehmen und einspringen musste, was sogar auf dem Plakat der Urauf­führung vermerkt worden war.

Foto © Candy Welz

Opern­di­rek­torin Andrea Moses feierte nun mit dem Premie­ren­pu­blikum ein beson­deres Ereignis. Die restau­rierte Partitur der Urauf­führung von Hänsel und Gretel, in der noch die Einzeich­nungen von Kapell­meister Strauss von 1893 stehen, wurde in einem kleinen feier­lichen Akt durch den Leiter des Thürin­gi­schen Landes­mu­sik­ar­chivs, Christoph Meixner, dem Haus zurück­ge­geben. Für 4.500 Euro konnten die Noten dem Zahn der Zeit entrissen werden, eine wichtige Quelle, um per Einzeich­nungen die Inter­pre­tation der Urauf­füh­rungszeit nachvoll­ziehen zu können.

Auch im Bereich der Archi­tektur und des Kunst­hand­werks konnte Weimar um die Jahrhun­dert­wende trumpfen, am bekann­testen ist wohl die Bauhaus-Bewegung von Walter Gropius, vorher schon prägte der Belgier Henry van de Velde mit Jugend­stil­möbeln und der Gründung des Kunst­ge­werb­lichen Seminars die Stadt. Es verwundert deshalb nicht, dass Regisseur Hasko Weber mit Bühnen- und Kostüm­bildner Thilo Reuther der Bühne einen dekorativ geschwun­genen Jugend­stil­rahmen gibt, der, passend zu Elementen auf der Bühne, in Neonfarben erstrahlen kann und dem Märchen­ge­schehen einen zusätz­lichen verspielten Rahmen gibt.

Es wird ja immer wieder versucht, die Oper zu aktua­li­sieren, Hänsel und Gretel musste andernorts schon viele brachiale Verfor­mungen erleben. Da stolpern die Geschwister durch Super­märkte, finden sich in einer heutigen, trashigen Gesell­schaft wieder oder werden psycho­lo­gisch motiviert in ihrem Kinder­zimmer einge­sperrt, um hier alles nur im Traum zu erleben. Weber tut nichts von alledem, erzählt „einfach“ nur die Geschichte, und der Zuschauer ist ihm dafür unendlich dankbar.

Reuther verortet das Geschehen durch archaisch wirkende Silhou­etten von Bäumen, die bis in den Himmel ragen, zunächst im Wald, wo auch eine stili­sierte Hauswand aus Holzstämmen später das Zuhause der Familie symbo­li­siert. Die Ränder der Bäume sind mit Neonröhren belegt, die je nach Bedarf leuchten können. Stilmäßig ist das alles etwa im Bereich der Graphic Novels, Comics oder auch der Gothic-Kultur anzusiedeln. Die Kostüme sind bläulich-lila, rosa und grün gehalten und wirken sehr harmo­nisch. Die Licht­regie von Dominique Lorenz setzt das Geschehen dazu passend in Szene.

Die beiden Tänzer Manon Andral und Francesc Nello Deakin, von Weber hinzu­gefügt, sind in schwarz-graue Trikots gekleidet. Sie arbeiten sich schon bei der Ouvertüre als dunkle Engel aus den Nebeln heraus, machen mit ihren inein­ander verschlun­genen Figuren und wirbelnden Pas de deux gespannt darauf, wie sie das Geschehen weiter beein­flussen werden. Das ist eine sehr gute Idee, und mithilfe der beiden können immer wieder die Motive in der Musik, die die Macht der Hexe symbo­li­sieren und die ansonsten etwas verpuffen könnten, heraus­ge­stellt werden. Die Tänzer stören immer wieder auf zum Teil auch witzige Weise den Ablauf, am eindring­lichsten bei der Engels­szene nach dem Abend­segen. Hier versuchen die schwarzen Engel – sind es gefallene Engel der Apoka­lypse, die dem Bösen dienen? – die guten Engel vom Weg abzubringen, ein mühevolles und am Ende doch erfolg­loses Unter­fangen, denn natürlich gewinnt das Gute im Märchen. Als die Hexe im Ofen landet, wandeln sich auch die beiden Tänzer zu Unter­stützern der Kinder. Durch diesen Kunst­griff erfährt das Stück eine wohltuende Belebung in Momenten, in denen Regis­seure sonst gerne etwas einfallslos wirken, ohne eine oft hilflose Aktualisierung.

Natalie Image als Gretel und Sayaka Shigeshima als Hänsel bereiten von Anfang gute Laune auf der Bühne und ziehen die Zuhörer in ihren Bann. Sehr schön harmo­nieren die beiden, ergänzen sich und sind Sympa­thie­träger des Publikums. Image führt einen hell timbrierten, lyrischen Sopran, den sie mit klarer Höhe und gehöriger Kraft durch das Haus strömen lassen kann. Ihr zur Seite bringt sich Shigeshima als Hänsel mit wohliger Wärme in die Duette ein, stets mit samtiger, geschmei­diger Stimme. Sie gestaltet sehr diffe­ren­ziert, sehr facet­ten­reich und lässt sich auch bei leisen Passagen nicht aus der Ruhe bringen. Besonders gut gelungen ist das Duett der beiden vor dem Hexenhaus.

Uwe Schenker-Primus ist Besen­binder Peter. Mit kernigem, manchmal richtig knalligem, aber auch sehr verhal­tenem und emotio­nalem Bariton ist er eine ideale Besetzung der Rolle, die andernorts allzu häufig blass rüber­kommt. Er ist im Übrigen als einziger wirklich immer gut verständlich.

Sarah Mehnert gibt die zunächst wütende und dann besorgte Mutter Gertrud mit sehr präsenter Stimme. Neben einer gut entwi­ckelten Mittellage zeigt sie auch eine drama­tische Tiefe. Sie spielt intensiv, ist in jedem Augen­blick voll im Geschehen dabei.

Foto © Candy Welz

Sandmännchen Franziska Löber und Taumännchen Karine Minasyan machen ihre Sache beide gut, haben zu den Rollen passende, helle Sopran­stimmen und fügen sich gut ins Ensemble ein. Das Taumännchen holt in einem misch­far­benen Kostüm in hellen und grauen Farben die Kinder nach dem Schlaf hinüber ins Hexenreich.

Bleibt Jörn Eichler als Hexe Rosina Leckermaul. Im Anzug und in einer dem Joker ähnelnden, verschmierten Maske geschminkt, liefert er eine recht skurrile Hexe ab. So weit, so gut, aber stimmlich vermag er nicht zu überzeugen. Wird die Hexe mit einem Tenor besetzt, kann man sich norma­ler­weise auf knackig-männliche, auch verfüh­re­rische Töne freuen. Eichler muss ab der Mittellage ins dünne Falsett ausweichen und ist hier nur sehr einge­schränkt einer Gestaltung fähig.

Der Kinderchor der Schola cantorum Weimar singt in der Einstu­dierung von Cordula Fischer bemer­kenswert sauber und engagiert und hat sich den aufbrau­senden Applaus am Ende nicht durch den Kinder­bonus wie üblich verdient, sondern durch echtes Können – Bravi!

Die Staats­ka­pelle Weimar unter der Leitung von Andreas Wolf wirkt in der Ouvertüre noch etwas roh und ungelenk. Im weiteren Verlauf sind es eher die wagne­ri­schen, die schwel­genden Passagen, bei denen Wolf zupackt, den Passagen sehr wohl einen Glanz aufzu­setzen weiß. Einzelne Motive werden heraus­ge­ar­beitet. Dennoch hätte es bei einigen Pianostellen der Sänger etwas weniger sein dürfen. Sehr schön ist die Flöte im Duett mit Gretel.

Das Publikum im vollen Haus dankt es allen Betei­ligten zurecht mit begeis­terten Ovationen.

Ein Audio-Mittschnitt der Premiere wird von MDR Klassik am 21. Dezember ab 20 Uhr in allen Kultur- und Klassik-Wellen der ARD gesendet und ist anschließend in der ARD-Audio­thek/Oper verfügbar.

Die Oper steht bis Januar noch 16 Mal im Deutschen Natio­nal­theater in Weimar auf dem Plan – nichts wie hin!

Jutta Schwegler

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