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NOVEMBER 1918
(Stefan Lano)
Besuch am
18. November 2018
(Uraufführung am 3. November 2018)
Alfred Döblin brauchte über 2000 Seiten, um die sozio-politischen Ereignisse vom November 1918 zu beschreiben. Das Nationaltheater Weimar braucht über vier Stunden plus einer Pause, um das Werk auf die Bühne zu bringen. Und das in einer spartenübergreifenden Produktion von Schauspiel, Musiktheater und Staatskapelle. Das hört sich schon nach schwerer Kost an. Ist es auch. In der heutigen schnell-lebigen und ‑erlebenden Zeit hätten drei Stunden völlig ausgereicht, um das Werk mit der nötigen Brisanz, Aktualität und Sympathie dem Publikum zu erzählen.
Die ständige laute Deklamation der Schauspieler via Mikroport vermittelt einen Agitpropcharakter, ermüdet dabei den Zuhörer enorm. Zumal die Tonanlage scheinbar nur auf laut-leise eingestellt ist, ohne einen echten Klang zu erzeugen. Insgesamt macht die Produktion den Eindruck, eine dramaturgische Kopfgeburt zu sein, die – weil so von der Intendanz vorgegeben – den Chor und das Orchester gerade noch duldet. Ein echtes Zusammenwirken der drei Sparten ist das nicht, leider zum Nachteil der exzellenten Staatskapelle und der großenteils sehr guten schauspielerischen Leistungen.
In diesem Monat gedenkt man vielerorts dem Ende des Ersten Weltkrieges, das sich heuer zum 100. Mal jährt – in München mit der Kunstaktion der über 1000 Mohnblumen auf dem Königsplatz und der Aufführung der Jazzkantate Apokalypse des Komponisten Karl Feilitzsch, im Fernsehen mit dem Spielfilm Kaisersturz, um nur einige Aktionen zu nennen. Das Nationaltheater Weimar steuert diese Produktion dazu. Der im jüdischen Glauben aufgewachsene und zum Katholiken konvertierte Döblin hat die vier Bände im französischen und amerikanischen Exil von 1937 bis 1943 geschrieben. Also schon aus dem Blickwinkel der Zukunft, die Vergangenheit analysierend.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Berlin November 1918. Zwar ist der Krieg zu Ende, aber mit dem Abdanken des Kaisers taumelt das politische Gefüge des Staates. Die politischen Ereignisse in Russland werfen ihre Schatten auch auf Deutschland. Machtkämpfe zwischen Konservativen und Revolutionären drohen in einen Bürgerkrieg auszubrechen. Hungersnot, Arbeitslosigkeit, die miserable Moral des Volkes tragen dazu bei. Friedrich Ebert, Paul von Hindenburg, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sind die Namen der Stunde, die einen Überblick behalten wollen und – jeder auf seine Weise – ein neues Deutschland aufbauen wollen. Letztendlich gelingt es, die erste deutsche Demokratie – die Weimarer Republik – zu etablieren. Döblin hat diese Zeit in seinem Romanepos mit einem oft sarkastisch-ironischen Blick zusammengeschmiedet. Seine Protagonisten sind der verletzte und traumatisierte Soldat und Lehrer Friedrich Becker, der auf einen „süßen Frieden“ hofft, und sein Kumpel Johannes Maus. Beide sind in die Krankenschwester Hilde verliebt, die sie im Lazarett betreut hat und die von Maus vergewaltigt wird. Becker probiert, wieder Anschluss an sein altes Leben zu knüpfen, scheitert aber kläglich. Maus schmeißt sich in die Revolution, driftet letztendlich in die aufkommende rechte Ecke und heiratet Hilde. Diese persönlichen Schicksale werden von den rasch voranschreitenden politischen Konstellationen gelenkt.
Regisseur André Bücker hat sich die Mammutaufgabe vorgenommen, eine Theaterfassung daraus zu machen. Das Resultat ist ein Distillat endloser Dialoge, Melodram und belehrendem Dokudrama – es langweilt. Da hilft die dreiteilige Drehbühne von Jan Steigert wenig, die schnell von Lazarett, Wohnstube, Straße, Versammlungsraum oder Gefängnis effizient wechselt und jeweils die Ästhetik der Zeit reflektiert. Da helfen auch die historisierenden Kostüme von Suse Tobisch ebenso wenig wie die historischen Szenen als Video-Effekte von Michael Ott.

Das Werk ist allerdings ein Paradestück für das Schauspielerensemble des Theaters. Allen voran Max Landgrebe als der sinnsuchende Friedrich Becker und Thomas Kramer, sein Gegenspieler Maus. Ebenso überzeugend Johanna Geißler als Rosa Luxemburg, die dank hervorragender stimmlicher Modulation ihrer Rolle Differenzierung und Glaubwürdigkeit schenkt. Die sarkastischen Pointen dürfen Sebastian Kowski als Motz und Teufel sowie Sebastian Nakajew als Schlitzohr Brose und Teufel souverän liefern. Alle anderen Akteure bekleiden zwei oder mehr Rollen, oft auch alternierend.
Stefan Lano, Komponist und Erster Kapellmeister der Staatskapelle, baut seine atmosphärisch sehr dichten und passenden Kompositionen mit ein. Caterina Maier singt seine Vertonung von Rilke-Liedern als Engel mit schmelzendem Sopran. Während dieser kurzen Momente bekommt der Abend Kohärenz, die aber wieder auseinanderfällt, wenn die anderen musikalischen Einlagen wie etliche Märsche und Chöre aus der Zeit, aber auch Johann Sebastian Bachs Kantate Es ist der alte Bund und Felix Mendelssohn-Bartholdys Verleih uns Frieden von dem etwas überforderten Chor vorgetragen werden. Diese zusätzlichen Musiken erwecken eher den Eindruck eines musikalischen Pasticcios. Die Sahnehaube ist der völlig sinnlose Auszug aus Wagners Liebestod am bitteren Ende des Abends, der zur Dekoration eines dreieckigen Tableau vivante dient – ein resignierter Becker alias Döblin mit dem Kopf in den Händen, ein sich betrinkender Engel und Familie Maus mit Hakenkreuz-Binde und Kinderwagen.
Für Döblin-Fans und die, die eher einen Abend im Theater verbringen als 2000 Seiten lesen wollen, gibt es noch einige Vorstellungen in Weimar. Ob das Stück jemals wieder in dieser Fassung aufgeführt wird, ist fraglich. Es wird nicht vermisst werden.
Zenaida des Aubris