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Ich bin der Welt noch einen Tannhäuser schuldig“, sagte Richard Wagner kurz vor seinem Tod am 13. Februar 1883 in Venedig. Da gab es dieses Werk natürlich schon längst, aber keine seiner Opern hat Wagner so oft revidiert und bearbeitet wie den Tannhäuser. Die Folge daraus ein Wirrwarr um die verschiedenen Fassungen. Die Dresdner Uraufführung des Tannhäuser, die ursprünglich Der Venusberg heißen sollte, dirigierte Richard Wagner am 19. Oktober 1845 höchstpersönlich. Diese „Dresdner Fassung“ verblieb für immerhin drei Jahre im Spielplan des Dresdner Hoftheaters, allerdings bald auch mit Retuschen am letzten Aktfinale. Die Weimarer Erstaufführung im Jahre 1849 leitete kein geringerer als der Komponist und Pianist Franz Liszt. Zur Verbreitung des Werkes trugen seine Klavierparaphrase und Hans von Bülows vierhändiger Klavierauszug bei. Die Dresdner Fassung erschien im Druck, bevor Napoleon III. die Pariser Erstaufführung anordnete. So entstand 1861 eine revidierte, unter Mitarbeit von Charles Nuitter erstellte französischsprachige Fassung mit Ballett, dem Venusberg-Bacchanal. In rückübersetzter deutscher Version fand diese „Pariser Fassung“ 1867 in München auf die Bühne, jedoch mit unautorisierten Abweichungen. Nach nochmaligen, kleineren Änderungen wurde 1875 Wagners Tannhäuser-Inszenierung der verdeutschten Pariser Fassung in Wien wegweisend als „Wiener Fassung“, die heutzutage meist auf dem Spielplan steht. Diese Fassung steht jetzt auch in Weimar als Neuinszenierung auf dem Spielplan. Passend dazu gibt es im Theater-Foyer eine Ausstellung des Thüringischen Landesmusikarchivs in Kooperation mit dem Forschungsprojekt Wagner-Sammlung-Eisenach und der Stadt Eisenach. Gezeigt werden exklusiv zur Premiere auch Originalmaterialien aus den Beständen des Theaters Weimar und des Reuter-Wagner-Museums Eisenach, der größten Wagner-Sammlung außerhalb Bayreuths.
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Die Weimarer Aufführungspartitur Liszts von 1849, dazu Liszts Autograph seiner Konzertparaphrase der Tannhäuser-Ouvertüre sowie als besonderes Glanzlicht die berühmte Pariser Aufführungspartitur von 1861 mit Richard Wagners eigenhändigen Eintragungen. Die erläuternden Texte dazu stammen von Christoph Meixner, dem Leiter des Thüringischen Landesmusikarchivs.
Auf der Eintrittskarte zur Premiere ist das Zitat von Hermann, Landgraf von Thüringen, aus dem zweiten Aufzug vermerkt: „Die holde Kunst, sie werde jetzt zur Tat!“ Die Aufforderung von Hermann an die Minnesänger erscheint wie eine programmatische Ankündigung des Regisseurs, Wagners Kunst in neue Taten umzusetzen. Und es wird tatsächlich ein Abend der kontroversen Gegensätze. Der junge Regisseur Maximilian von Mayenburg hat da ganz spezielle Ansichten zu den Beziehungsgeflechten Tannhäuser – Venus – Elisabeth – Wolfram. Für ihn beschreibt das Werk eine „Pilgerreise des Menschseins“. So hat für ihn der Beginn der Oper, insbesondere die Bacchanal-Szene, etwas von einer Urgeburt. Er beschreibt „das Einssein mit der Natur wie das Kind im Mutterleib“. Und so ähnelt der Venusberg einem überdimensionalen Uterus, in dem aus vierzehn Eizellen im Rhythmus der Wagnerschen Musik ekstatisch Menschen sich gebären und dann unter einen riesigen Rock der Venus kriechen. Venus ist hier mehr als die Göttin der Liebe, sie ist eine Göttin der Fruchtbarkeit, thematisch nahe zur Urmutter Erda in Wagners Ring. Dass Tannhäuser in dieser Umgebung als Mann überfordert ist, liegt nahe, es drängt ihn hinaus aus dieser Gebärhöhle. Den zweiten Aufzug beschreibt von Mayenburg als „Konflikt der Adoleszenz, dem Entdecken der Liebe und der sexuellen Begierde. Und er wendet sich ab vom klassischen Rollenverständnis der Frau im Tannhäuser. Venus als Hure, Elisabeth als Heilige, das ist dem Regisseur zu absurd. Die „Ambivalenz des menschlichen Wesens zwischen Natur und Geist“, zwischen Spiritualität und Triebhaftigkeit, das mache das Wesen der menschlichen Natur aus. Und so stellt von Mayenburg die Gesellschaft im zweiten Aufzug als von Tannhäusers Gesang hochgradig sexuell erregt dar, bis hin zu einer angedeuteten Orgie. Doch hier schießt der Regisseur das erste Mal deutlich übers Ziel hinaus und am Werk vorbei. Wenn die anderen Minnesänger sich ihren Trieben hingeben, und mehr mit sich selbst als mit Tannhäusers provokanten Äußerungen beschäftigt sind und auf Hermanns mahnende Worte: „Zurück vom Schwert – Ihr Sänger haltet Frieden“ nicht reagieren, dann passt das einfach nicht. Und die Gesellschaft, eine postmoderne Clique ohne freien Willen, alle uniform in futuristische Anzüge gekleidet, mit weißblonden Perücken und Sonnenbrillen: Das Bild steht in keinerlei Kontext zu den vom Regisseur eingangs erwähnten Überlegungen. Dass während des Sängerwettstreits die Minnesänger mehr als skurrile Typen auftreten, die diese Szene zu einer Persiflage gestalten, sei nur am Rande erwähnt. Heinrich der Schreiber macht seinem Namen alle Ehre und notiert fortwährend etwas in sein schwarzes Notizbuch.

Dass er dann an einem Flügel die Sänger begleitet, der von Lied zu Lied immer weiter auseinanderfällt, ist mehr Slapstick als großes Theater. Ausnahme ist die Darstellung des Wolfram von Eschenbach, der zunächst optisch und charakterlich als am menschlichsten dargestellt wird. Der dritte Aufzug ist für den Regisseur die Zeit nach der Pilgerreise nach Rom und der Erfahrung, dass es keine Vergebung geben wird. Und wieder wird es drastisch auf der Bühne. Am Schluss ist es Venus, die zwar zu Tannhäuser singt, aber sich dem Wolfram zuwendet, nachdem sie zuvor der Elisabeth ihren fruchtbaren Rock übergeben hat. Auch hier vermischen sich die Frauengestalten und die klassischen Personenbeziehungen werden aufgelöst.
Vor vier Wochen hat in der umstrittenen Neuinszenierung des Tannhäuser in Leipzig der Wolfram am Schluss vergeblich versucht, Elisabeth zu erwürgen. In der Weimarer Neuinszenierung geht von Mayenburg noch einen Schritt weiter und schießt abermals über das Ziel hinaus und am Werk vorbei. Zum finalen Chor der Pilger, die die Vergebung Gottes durch den wiedererblühten Stab besingen, erdrosselt Wolfram den Tannhäuser von hinten mit einer Binde auf brutalste Art. Todeskampf des Tannhäuser zu den Vergebungsklängen der Musik, das ist schon ein bisschen pervers. Insbesondere, nachdem Wolfram den weinenden Tannhäuser nach dessen drastischer Romerzählung mitleidsvoll in den Arm genommen hat und wie seinen besten Freund umarmt hat. Man kann jetzt lange über die Intention diskutieren, was bei Wolfram diese Reaktion ausgelöst hat. Der Zauber der Venus, die unerfüllte Liebe zu Elisabeth – geschenkt. Viele der von Mayenburgschen Interpretationen haben einen Hauch von Küchenpsychologie und taugen nicht für eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Werk. Das ist insofern schade, als er tatsächlich auch einige gute und nachdenkenswerte Ansätze präsentiert. Aber es ist auch die erste Inszenierung einer Wagner-Oper von Mayenburg, wenn man von einer eigenen Fassung des Ring des Nibelungen für Kinder zu den Bayreuther Festspielen 2011 einmal absieht. Das Potenzial zu einer kontroversen Diskussion ist jedenfalls da. Das Bühnenbild von Stephan Prattes weiß vor allem im ersten Aufzug zu beeindrucken, im zweiten und dritten ist es dagegen lediglich eine Treppe, die im Vordergrund steht. Insgesamt ist es ein kühles, nüchternes Bild, dass zu der spannungsgeladenen Musik in einem klaren Gegensatz steht. Die futuristischen, teilweise skurrilen Kostüme sind optisch sicher ein Hingucker, bringen aber für das Verständnis des Werkes oder gar einer zeitlichen oder räumlichen Verortung wenig Neues.
Musikalisch und sängerisch darf man diese Aufführung mit einigen kleinen Abstrichen durchaus als großartig bezeichnen. Corby Welch in der Titelpartie gibt den Tannhäuser mit einer kraftvollen Mittellage und überzeugt mit seinen strahlkräftigen Höhen und dramatischen Ausbrüchen. Mit großer Ausdauer bewältigt er diese Partie, die auch hohe Ansprüche an die schauspielerischen Qualitäten stellt.

Seine Romerzählung ist von erschütternder Ausdruckskraft und Intensität, die körperlichen Qualen seiner Pilgerfahrt übertragen sich fast auf den mitleidenden Zuschauer. Camila Ribero-Souza überzeugt als Elisabeth mit einem schönen, reifen Timbre und einem stilvollen Ausdruck im Piano, während Ihre Höhen, vor allem in den dramatischen Stellen, etwas zu schrill und mit einem zu starken Vibrato belegt ertönen. Ihre Hallenarie ist zu dramatisch angelegt, dafür besticht ihr Gebet im dritten Aufzug durch eine innige Beseeltheit und ein wunderbares Piano. Uwe Schenker-Primus ist ein Wolfram, wie man ihn sich nur wünschen kann. Mit einer enormen physischen Präsenz ausgestattet, begeistert er durch seinen schmeichelnden Bariton. Sein Lied an den Abendstern im dritten Aufzug ist Belcanto im wahrsten Sinne des Wortes und einer der sängerischen Glanzpunkte dieser Aufführung. Sayaka Shigeshima singt die Venus mit warmem Mezzo und klug eingesetzten dramatischen Höhen, denen teilweise noch die volle Durchschlagskraft fehlen. Daeyoung Kim gibt den Hermann mit markantem Bass-Bariton und aggressivem Schauspiel. Aufhorchen lässt Artjom Korotkov, der mit schönem lyrischem Tenor den Walther von der Vogelweide darstellt. Andreas Koch gibt mit schwarzem Bass einen markigen Biterolf, und SuJin Bae singt die Solostelle des Hirten mit glockenhellem, reinem Sopran. Jörn Eichler als Heinrich der Schreiber und Andrii Chakov als Reinmar von Zweter fügen sich harmonisch in das Gesamtensemble ein.
Der Opernchor des Deutschen Nationaltheaters Weimar, verstärkt durch den Extrachor mit Studenten der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar sind durch Markus Oppeneiger stark eingestimmt und begeistern durch sehr genaue Phrasierung und Textverständlichkeit. Kirill Karabits leitet die Staatskapelle Weimar mit großer Intensität. Schon im Vorspiel kommt der wunderbare, differenzierte und farbenreiche Klangkörper zur Geltung. Das Tempo ist moderat getragen, und die Sänger werden von Karabits durch präzise Einsätze und zurückgenommener Lautstärke im Orchestergraben an den Pianostellen sängerfreundlich begleitet. Gelegentlich lässt sich Karabits vom Rausch der Musik anstecken, dann wird es zu laut im Orchestergraben, und es klingt dann sehr blechern. Das Publikum im nicht ganz ausverkauften Weimarer Nationaltheater reagiert sehr enthusiastisch auf diese Vorstellung, großer Jubel für die Protagonisten einschließlich Regieteam, das erstaunlicherweise kein einziges Buh einstecken muss. Leider hat sich die Fraktion der Bronchialrüpel und der Kommentatoren wohl wieder vorab abgestimmt, an den schönen Piano-Stellen etwas Eigenes hinzuzutun. Schade, ein wenig mehr Selbstdisziplin könnte nicht schaden. Und am Ende bleiben doch mehr Fragezeichen hinter einer Inszenierung, die vordergründig mehr versprach, als sie wirklich halten kann.
Andreas H. Hölscher