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Foto © O-Ton

Neujahrskonzert mit Brüchen

LICHTBLICKE – ZEIT FÜR NEUE PERSPEKTIVEN
(Junge Bläser­phil­har­monie NRW)

Besuch am
13. Januar 2019
(Premiere am 4. Januar 2019)

 

Geschwister-Scholl-Gymnasium, Wetter (Ruhr)

Die Junge Bläser­phil­har­monie Nordrhein-Westfalen beginnt das neue Jahr mit einem ausge­sprochen anspruchs­vollen Programm. Hervor­ge­gangen aus dem Landes­ju­gend­blas­or­chester, das 1985 gegründet wurde, besteht der Klang­körper heute aus rund 75 Musikern im Alter zwischen 14 und 24 Jahren, die aus ganz Nordrhein-Westfalen in der Landes­haupt­stadt Düsseldorf zusam­men­kommen, um von hier aus in die ganze Welt zu reisen. Die Neujahrs­tournee beginnt geogra­fisch etwas enger gefasst: Die JBP tritt in den Stadt­hallen von Ahaus, Rheine, Troisdorf, Gütersloh, Unna und heute in der Aula des Geschwister-Scholl-Gymna­siums in Oberwengern, einem Stadtteil von Wetter (Ruhr) auf. Ob sich das Programm mit dem Titel Licht­blicke – Zeit für neue Perspek­tiven tatsächlich als Neujahrs­konzert in einer Schulaula eignet: Da hat wohl selbst der Musika­lische Leiter, Timor Oliver Chadik, so seine Zweifel. Doch dazu später mehr. Und so lobenswert es ist, dass die JBP drei Kompo­si­tionen in Auftrag gibt, um sie mit James Barnes‘ dritter Sinfonie zu kombi­nieren, wirkt das Programm für ein Neujahrs­konzert in einer Klein­stadt vielleicht doch ein wenig überdimensioniert.

Das sehen wohl auch viele Bürger in Wetter (Ruhr) so. Zumindest bleiben trotz hochsub­ven­tio­nierter Eintritts­karten jede Menge Plätze in der Aula frei. Davon lässt sich Bürger­meister Frank Hasenberg die Laune nicht verhageln oder gar die Begrü­ßungsrede nehmen. Schließlich ist es seit 22 Jahren gute Sitte, dass die JBP die Bürger in Wetter (Ruhr) mit einem Neujahrs­konzert beglückt. Recht hat er. Es gab Zeiten, da wären die Publika einem solchen Konzert fernge­blieben, wenn ihnen altes Zeug aufge­tischt worden wäre. Und die Besucher in dieser Zeit waren nicht weniger unter­hal­tungs­be­sessen als heute.

POINTS OF HONOR

Dirigent



Orchester



Solisten



Programm



Publikum



Chat-Faktor



Die Besucher, die die Reihen in der Halle füllen, sind mindestens ebenso offen. Zumal ihnen die Urauf­füh­rungen nicht kommen­tarlos um die Ohren gehauen werden, sondern Chadik sich die Zeit nimmt, die Werke zu erklären. Nach dem beliebten Fanfa­ren­stück Young Pheasants in the Sky von Satoshi Yagisawa geht es mit der ersten Urauf­führung weiter. Thiemo Kraas, im sauer­län­di­schen Arnsberg geboren, hat in Detmold studiert und ist fester Mitar­beiter bei einem Musik­verlag, der ihm Raum für seine Kompo­si­tionen gibt. Für die JBP hat er die vierteilige Second Sinfo­nietta mit dem Unter­titel Daily Diver­ti­mento geschrieben. Da gibt es noch viel Klein­tei­liges, am Ende aber doch ein zufrie­den­stel­lendes Ergebnis zu hören. Kraas hat das bewusst so angelegt, will die Entwicklung, die Reifung des Prozesses erlebbar machen. Dabei hat ihn am meisten inspi­riert, dem jungen Ensemble die Musik „ein Stück auf den Leib schneidern zu dürfen“.

Robert Beck als Solist – Foto © O‑Ton

Das unter­scheidet sich schon deutlich von dem schwer­ge­wich­ti­geren Werk Achala des 1957 in Istanbul geborenen Betin Güneȿ. Achala heißt der Unerschüt­ter­liche, und Güneȿ setzt den langsamen, getra­genen oder flächigen Phasen, die er selbst als meditative Teile bezeichnet, immer wieder rhyth­mische, von sieben Schlag­zeugern zu bewäl­ti­gende Brüche entgegen, die aber den gewich­ti­geren, eben unerschüt­ter­lichen Teilen nichts anhaben können. Einen beson­deren Reiz gewinnt das Werk durch die Makams, versteckte Tonfolgen aus der orien­ta­li­schen Musik, die so gewollt den Blick­winkel des Kompo­nisten unterstreichen.

Einen Blick auf die „wechsel­volle Geschichte und Gegenwart des jüdischen Volkes“ wirft Tobias Schütte in der dritten Urauf­führung Thoughts of Yaron. Dabei bedient er sich der Mittel der Klezmer-Musik, die es so gut versteht, die ganze Bandbreite zwischen volks­tüm­licher Feier und endloser Sehnsucht aufzu­zeigen. Der Komponist aus Schmal­lenberg weiß diese Bandbreite auszu­schöpfen und bietet ein Werk, das in Komple­xität und Emotio­na­lität beein­druckt. Der beson­deren Bedeutung der Klari­nette trägt er Rechnung, indem er immer wieder Soli dieses Instru­ments einstreut. Um die virtuos darzu­bieten, ist eigens Robert Beck angereist.

Tuba-Impression – Foto © O‑Ton

Allen drei Urauf­füh­rungen ist gemein, dass sie eingängig und komplex genug sind, um über den Tag und die so vielen Stücken Neuer Musik aufer­legte Rolle der Eintags­fliege hinaus­zu­reichen. Damit ist nach einer Stunde im Grunde schon ein wunder­barer Konzert­abend gelungen, der an Eindrücken vollkommen ausreichte. Die JBP belässt es aller­dings nicht dabei, sondern führt nach der Pause noch die dritte Sinfonie – „die Tragische“ – von James Barnes auf. Ein 45-minütiges Werk, das im Spannungsfeld der persön­lichen Lebens­er­fahrung des Kompo­nisten spielt. Während er an dem Auftrag der United States Air Force Band arbeitet, leidet Barnes noch unter dem Tod seiner Tochter Nathalie – und darf drei Tage nach Vollendung der Partitur die Geburt von Sohn Billy erleben. So entsteht eine brisante Mischung, in der tiefe Trauer, höchste Freude und der typische Sound des beauf­tra­genden Klang­körpers aufein­an­der­prallen. Und auch hier sind die Brüche vorpro­gram­miert. Da meint man, Filmmusik aus dem Hollywood der 1950-er Jahre ebenso zu hören wie Anklänge aus der Kirchen­musik, alles aber sorgsam inein­an­der­ge­flochten und in den Tutti-Passagen zur vollen Größe erhoben. Nach dem grandiosen Finale hört man kurz den Atemstill­stand des Publikums, ehe großer Applaus mit zahlreichen Bravo-Rufen einen außer­ge­wöhn­lichen Abend feiert.

Und damit könnte dieser formi­dable Abend zu Ende gehen. Der Dirigent hat die vorzüglich aufspie­lenden Musiker durch ein aufre­gendes Programm gebracht, das den Menschen noch lange im Gedächtnis bleiben könnte. Aber dann reitet Chadik in die Tradi­ti­ons­falle und lässt noch eine Zugabe vom Stapel. Und da ist er dann, der Radetzky-Marsch. Unter rhyth­mi­schem Klatschen bleibt nur noch die Flucht in die verregnete Nacht.

Michael S. Zerban

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